University of Erfurt

Bibliotheca Amploniana

Bibliotheca Amploniana

Die "Bibliotheca Amploniana" ist die größte heute beinahe geschlossen erhaltene Handschriftensammlung eines spätmittelalterlichen Gelehrten weltweit und zählt zu den bedeutendsten Handschriftensammlungen Deutschlands.

Der Arzt und Gelehrte Amplonius Rating de Berka, der diese Bibliothek zusammengetragen hat, übergibt 1412 seine Sammlung von 633 Bänden, von denen heute noch etwa 430 in Erfurt vorhanden sind, an das von ihm zur Versorgung und Förderung von Studenten an der Universität Erfurt gestiftete "Collegium Porta Coeli". Seine Büchersammlung verzeichnet Amplonius um 1410 eigenhändig in einem nach Fachgruppen geordneten Katalog, der heute noch erhalten ist und wertvolle Auskünfte über den Kernbestand der Sammlung gibt.
Durch Zustiftungen der Stipendiaten des Collegiums wächst einerseits der Bestand an Handschriften fast auf das Doppelte an, andererseits gehen im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche Codices verloren oder gelangen auf unterschiedlichsten Wegen in anderes Eigentum.
Zahlreiche Handschriftenverluste fallen in die Regierungszeit des Mainzer Erzbischofs Lothar Franz Graf Schönborn (1695-1725). Dieser erweitert seine Büchersammlung aus den Beständen der Erfurter Bibliotheken erheblich. Es scheint, als habe er der "Amploniana" vor allem Handschriften aus dem Bereich der Artes (insbesondere auch "Schulautoren") entzogen.
Ehemals amplonianische Handschriften finden sich heute auch in den Sammlungen der Bayerischen Staatsbibliothek in München, der Anna-Amalia Bibliothek in Weimar, der Staatsbibliothek zu Berlin (Preußischer Kulturbesitz), der Universitätsbibliotheken Göttingen und Dresden, der Forschungsbibliothek Gotha sowie der Schlossbibliothek Pommersfelden.

Die Büchersammlung des Amplonius übertraf bereits in ihrer Zeit ähnliche Sammlungen um ein Vielfaches. Zum Vergleich: 1390 vererbt Konrad von Gelnhausen der Artistenfakultät der Universität Heidelberg etwas mehr als 200 Handschriften; Marsilius von Inghen, ein berühmter Heidelberger Universitätslehrer, hinterlässt bei seinem Tod 1396 eine Bibliothek mit 360 Werken und damit die damals größte Privatbibliothek auf deutschem Boden; Nikolaus von Kues bringt bis zu seinem Tod 1464 etwa 170 Handschriften zusammen, die er dem von ihm gegründeten Cusanus-Stift in Bernkastel-Kues vermachte.

Heute beherbergt die "Bibliotheca Amploniana" insgesamt 979 Handschriftenbände, die schätzungsweise mehr als 7000 Einzeltexte enthalten sowie zahlreiche Inkunabeln und Drucke. Zahlenmäßig und inhaltlich ragen aus diesem Bestand die theologischen, philosophischen und medizinischen Handschriften heraus; jedoch finden sich auch zahlreiche Codices zu Grammatik, Rhetorik, Dichtkunst und klassischen Autoren sowie zu Zivil- und Kirchenrecht oder der Mathematik.

Amplonius schützte seine Bücherstiftung durch verschiedene Rechtskonstruktionen, die über Jahrhunderte hinweg sowohl die Stadt als auch die Universität Erfurt daran hinderten, die Bestände in Besitz zu nehmen.
Im 19. Jahrhundert bringt man den damals noch erhaltenen Beständen der Amploniana nach Zeiten der Vernachlässigung wieder stärkeres Interesse entgegen.
Nach der Schließung der alten Erfurter Universität und der faktischen Auflösung des Collegiums zur Himmelspforte ("Porta Coeli") im 19. Jahrhundert gelangt die "Amploniana" aus dem Gebäude der "Alten Hofstatt" (ehemaliges Haus des Kurzmainzischen Statthalters) in der Markstraße (heute Nr. 6), wo sie sich seit 1767 befand, um 1837 in die Königlich Preußische Bibliothek Erfurt überführt zu werden, die die Räume des alten Kurmainzischen Packhofes am Anger (heute: Angermuseum) nutzte.

Noch während sich die "Amploniana" in ungeeigneten Räumen in der "Alten Hofstatt" befindet, beginnt Heinrich August Erhard von 1821 bis 1827 mit der Verzeichnung der Codices, die er durch seinen beruflich bedingten Weggang aus Erfurt nicht abschließen kann. In dieser Zeit beschreibt er 66 Bände detaillierter (Kataloge erhalten in der Universitätsbibliothek Erfurt, Dep. Erf. CE. o. Sign. 4° 19-21). Nachdem die Bestände der "Amploniana" dann in Räume des Waage- und Packhofes verlegt worden sind, nimmt Friedrich Kritz 1837 eine Neuverzeichnung des Bestandes in Angriff, die er bereits im März 1840 beenden kann. Kritz ordnet die Bestände systematisch nach Fächern und beschreibt die Handschriften nur kurz, da er primär eine vollständige Verzeichnung des Bestandes anstrebt.

Zwischen Juni 1876 und Mai 1882 katalogisiert Wilhelm Schum (weitere Informationen) die Codices der "Bibliotheca Amploniana" dann mit Blick auf die weitere wissenschaftliche Nutzung der Bibliothek und erstellte einen, nach den Maßstäben der damaligen Zeit, modernen und gründlichen Handschriftenkatalog. Er erscheint 1887 im Druck.

Seither wurden zu Teilen des Textbestandes und auch zu einzelnen Codices immer wieder einzelne, teils sehr detaillierte wissenschaftliche Untersuchungen angefertigt. Eine neue Gesamtsichtung und -katalogisierung des Bestandes konnte jedoch nicht durchgeführt werden.
Um Schums Katalogangaben, die teilweise unvollständig bzw. an manchen Punkten durch die Forschung der letzten 130 Jahre überholt sind, aufzuarbeiten und die Daten über das Internet abfragbar zu machen, wird der Katalog seit 2008 mit Förderung der "Deutschen Forschungsgemeinschaft" in einem wissenschaftlichen Projekt über eine spezielle Datenbanksoftware aufbereitet und aktualisiert.

1908 kauft die Stadt Erfurt den "Packhof" und die darin befindlichen Bibliotheksbestände vom Königreich Preußen an und verlagert 1936 Stadtbibliothek und "Amploniana" in das ehemalige "Collegium maius" in der Michaelisstraße (heute Nr. 39). Im Herbst 1942 (als der 2. Weltkrieg mit den Kämpfen um Stalingrad in eine neue Phase tritt) evakuiert man die "Bibliotheca Amploniana" in die etwa 35 km entfernte Burg Kapellendorf bei Weimar, von wo aus sie nach Kriegsende zurück nach Erfurt überführt wird. Dort findet sie im Hintergebäude des im Krieg zerbombten "Collegium maius" ihren Platz.
 
Nach der Wiedergründung der Universität Erfurt zum 1.1.1994 und dem Neubau der Universitätsbibliothek mit speziellen Räumen für die Nutzung und Aufbewahrung wertvoller Altbestände wird die "Bibliotheca Amploniana" im Dezember 2001 als Dauerleihgabe an die Universität Erfurt übergeben. Seit September 2002 wird sie in der Universitätsbibliothek Erfurt (Teil der Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt) aufbewahrt, bibliothekarisch betreut und wissenschaftlich erschlossen.

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Literatur

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Autorin: Dr. Brigitte Pfeil

Fassung vom: 16. August 2011

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