Das Stipendienprogramm der Katholisch-Theologischen Fakultät, das aus Drittmitteln finanziert wird, soll es Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen aus dem In- und Ausland ab 2007 ermöglichen, für jeweils bis zu drei Monate in Erfurt an den Beständen der Amploniana zu forschen. Gedacht ist an Projekte, die einzelnen Handschriften, Autoren oder anderen Fragen der mittelalterlichen Bibliothek gelten. Das jeweilige Forschungsprojekt muss an die Bestände der "Bibliotheca Amploniana" gebunden sein.
Um die Amplonius-Stipendien können sich Promovenden und Postgraduierte bewerben. Es stehen jährlich mehrere Stipendien in Höhe von 1600 Euro pro Monat zur Verfügung.
Die Bewerbung kann seit Sommer 2010 laufend erfolgen, der Stipendienbeginn ist frei wählbar.
Sommer-Semester 2011
Dr. Pavel Blazek (Prag)
"Albert von Sachsen (?): Dicta de pomo et morte Aristotilis. Kritische Edition und Untersuchung"
Weitere Informationen zu diesem Forschungsvorhaben unter "Editionsprojekte"
Dr. Pavel Blazek ist Mitarbeiter der Tschechischen Akademie der Wissenschaften (Abteilung für ältere tschechische und europäische Philosophie), Prag. Er promovierte 2002 an der FSU Jena mit der Arbeit "Die mittelalterliche Rezeption der aristotelischen Philosophie der Ehe. Von Robert Grosseteste bis Bartholomäus von Brügge. (1246/7-1309)" (erschienen Turnhoult 2006).
Winter-Semester 2011/2012
Dr. Edit Anna Lukacs (Berlin/Oxford)
"Tractatus de infinito tam logice quam philosophie naturali utilis (aus Dep. Erf. CA. 2° 135, Bl. 48-59). Kritische Edition und Interpretation"
Die Handschrift Dep. Erf. CA. 2° 135, englischer Herkunft, stammt aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, und befindet sich damit in der unmittelbaren zeitlichen Nähe der Mehrheit der darin übermittelten Autoren. Naturwissenschaftliche und logische Traktate von unter anderen Thomas Bradwardine und Roger Swineshead, und einige logische Kommentare von Thomas von Aquin ergänzen den Kodex zu einem wichtigen und komplexen Repertorium philosophischer Schriften. Das bisher unveröffentlichte, von einer englischen, nicht einfach lesbaren Hand geschriebene Tractatus de infinito, für den CA. 2° 135 einziger Zeuge ist, nimmt im Kodex einen zentralen Platz ein.
Das Interesse an diesem mittelalterlichen Text über das Unendliche ist doppelt. Auf der einen Seite handelt es sich um die Aufklärung der Verfasserschaft des Traktats, auf der anderen Seite um die Veröffentlichung eines wichtigen Dokuments für die Wissenschaftsgeschichte des 14. Jahrhunderts.
Die Identität des Autors der Schrift Tractatus de infinito in CA. 2° 135 bleibt tatsächlich bis heute umstritten. Beide als Verfasser zur Diskussion stehende Autoren sind ehemalige Studenten des Merton Kollegs, die mit der Tradition der Oxforder Kalkulatoren-Schule verbunden sind, und von deren Leben nur sporadische Informationen erhalten sind. William Collingham ist der weniger bekannte Autor von den beiden: Mitglied des Merton Kollegs in 1331, er hat angeblich zwei naturwissenschaftliche bzw. logische Werke hinterlassen. Keine dieser Schriften wurde ediert; das Denken von Collingham bleibt bis heute der Öffentlichkeit verschlossen. Vom anderen potentiellen Autor ist mehr bekannt: Thomas Buckingham, Mitglied des Merton Kollegs zwischen 1324-1340, ist in der Tat der berühmteste Schüler und Gegner von Thomas Bradwardine. Seine theologischen Schriften wurden im 16. und teilweise im 20. Jahrhundert ediert. Er wendet sich darin gegen die Kontingenz der Vergangenheit und die Notwendigkeit der Zukunft, zwei von Thomas Bradwardine vertretenen Thesen. Naturwissenschaftliche, zugleich aber zum Problembereich der Theologie gehörende Fragen werden in Buckinghams theologischen Werken auch diskutiert, wie die Unendlichkeit der Welt, die Unendlichkeit schlechthin als Gattung, die Existenz des Vakuums, usw. Buckingham bleibt indessen vornehmlich als Theologe bekannt.
Das zentrale Thema des Traktats ist das polyvalente Unendliche. Das Unendliche hat die Geistlichen des 14. Jahrhunderts fachübergreifend beschäftigt: Logische, sprachphilosophische, theologische, physische Fragestellungen können um das Unendliche angeordnet werden. Die Erforschung des Traktats De infinito, das dem Titel entsprechend den doppelten Gesichtspunkt der Logik und der Naturphilosophie beansprucht, scheint in dieser Hinsicht besonders bedeutungsvoll.
Die Gattung des Texts ist mit dem Inhalt eng verbunden. Während das Werk in den Katalogen als Traktat vorgestellt wird, scheint es sich eher in die im Mittelalter beliebte Art der quaestiones einzugliedern. Das Incipit lautet nämlich: „Utrum aliquid sit actualiter infinitum“. Die hier geplante Studie des Texts sollte zeigen, ob es sich um eine disputierte sophismatische Frage handelt, die im 14. Jahrhundert in Oxford, und insbesondere in der Schule der Oxforder Kalkulatoren eine wichtige Rolle gespielt hat, oder ob der Text mit einem Kommentar in Verbindung zu setzen ist; welche Referenzen, Autoritäten der Verfasser benutzt; kurz, um welche Art von Traktat es sich handelt.
Edit Anna Lukacs studierte in Budapest und Paris. 2003 schloss sie an der Eötvös Loránd Universität Budapest (ELTE) mit einem Master in Französischer Literatur ab, 2005 folgte an der ENS Universität Sorbonne-Paris-IV der Bachelor („Licence“) und der Master („Maîtrise“ und „D.E.A.“) in Philosophie. 2008 promovierte sie an der ELTE mit einer mediävistischen Arbeit: „La métaphore de la sphère dans les œuvres d’Alain de Lille, Jean de Meun et Vincent de Beauvais”. Seit 2007 ist sie Mitglied des Interdisziplinären Zentrums für Mittelalter-Renaissance-Frühe Neuzeit der Freien Universität Berlin und der Médiévie der ENS Paris.
Maria Sokolskaya M.A. (Jena)
„Militia christiana“ in Bibelauslegungen des Paulus Fabri de Gelria: unedierte Zeugnisse der Theologie der „Wiener Schule“
Paulus Fabri de Gelria (gest. 1404 in Köln) war Schüler und jüngerer Mitarbeiter von Heinrich von Langenstein und Heinrich Totting von Oyta, den führenden Theologen des letzten Viertels des XIV. Jhs., und ist somit der „Wiener Schule“ der Theologie zuzuordnen. Obwohl Paulus Fabri lange Jahre als Theologieprofessor an den Universitäten Wien und Köln gewirkt hat, ist sein wissenschaftliches Werk bis heute so gut wie unbekannt. Dies mag damit zusammenhängen, dass Amplonius wohl schon bald nach Fabris Tod große Teile seiner Bibliothek und seines schriftlichen Nachlasses erworben und seiner eigenen Büchersammlung einverleibt haben dürfte. Da hierdurch das Werk des Paulus Fabri offenbar schon sehr frühzeitig dem wissenschaftlichen Diskurs entzogen worden war, ist es nicht weiter verwunderlich, dass eine Rezeption des theologischen Denkens des Paulus Fabri bis heute so gut wie nicht stattgefunden hat.
Codex Dep. Erf. CA. 2° 173 enthält zahlreiche autographe Textenentwürfe des Paulus Fabri. Eine Erschließung dieses umfangreiches Folio-Bandes könnte der heute noch schattenhaften Figur dieses Theologen endlich Profil verleihen. Als eine erste Annäherung an dieses Ziel will dieses Projekt zwei in der Handschrift enthaltene autographe Traktate Fabris untersuchen, die sich mit dem Thema „Militia Christiana“ beschäftigen. Dabei soll der kürzere der beiden Texte ediert und kommentiert, der andere flankierend erschlossen und für die Kommentierung herangezogen werden. Hiermit soll auch ein Beitrag zur Erforschung der Theologie der „Wiener Schule“ und ihrer geschichtlichen Verortung innerhalb der Spätscholastik bzw. der neuen theologischen Schulrichtungen des 14./15. Jahrhunderts auf dem Wege zu Humanismus geleistet werden.
Maria Sokolskaya studierte klassische Philologie in Moskau und war viele Jahre als Hochschuldozentin für Latein und Griechisch an Moskauer Hochschulen tätig. Seit 2009 in Deutschland, widmet sie sich nun schwerpunktmäßig dem Studium mittellateinischer Texte in handschriftlicher Überlieferung.

