Ich habe so viele Eindrücke von Erfurt, ich habe so viele Erfahrung gemacht und bin ganz voll von Gefühlen und Gedanken. Deshalb möchte ich davon schreiben.
Wo liegt Erfurt?
Das war meine erste Frage! Ich hatte vorher noch nichts von Erfurt gehört oder gesehen. Ist Erfurt in der Nähe von Berlin, Stuttgart, Hamburg oder Hannover? Also, nein! Wirklich nicht! Erfurt liegt in Thüringen und Thüringen liegt mitten in Deutschland. Man wird vielleicht eine Karte brauchen ….
Wofür sind Thüringen und Erfurt bekannt?
Seit dem Mittelalter gingen von Thüringen immer wieder wichtige Impulse für Literatur und Kunst sowie das Geistesleben in Deutschland aus. Wegen dieser Geschichte sind Erfurt, Eisenach, Weimar, Gotha und Jena noch immer berühmt. Thüringen liegt nicht nur geographisch in der Mitte Deutschlands, sondern ist gleichzeitig der Mittelpunkt und die Quelle deutscher Kultur. Man wird vielleicht ein Buch zu deutschen Kulturlandschaften brauchen ….
Mit wem verbindet man Thüringen und Erfurt?
Meister Eckhart, der bedeutendste Mystiker Deutschlands, wirkte 30 Jahre in der Erfurter Predigerkirche. Später arbeitete Pachelbel, der den 'Kanon' komponierte, 22 Jahre in dieser Kirche. Martin Luther studierte und lebte als Mönch in Erfurt; später übersetzte er in der Wartburg (oberhalb von Eisenach) die Bibel ins Deutsche. Man kann ihn deshalb als den ‚Erfinder‘ des Hochdeutschen bezeichnen, das alle Deutschen sprechen (sollten). Goethe und Schiller, die zwei berühmtesten Schriftstellers Deutschlands, lebten in Weimar (Schiller auch in Jena). Sie haben oft Erfurt besucht, da Weimar nur 20 km entfernt liegt. Johann Sebastian Bach lebte in Eisenach. Der Dramatiker Eckhof arbeitete in Gotha.
Wie sieht Erfurt aus?
Ich war überrascht von der Altstadt. Sie ist größer und älter als ich es erwartet habe. Die meisten Gebäude sind gut erhalten und renoviert. Ich bin froh, dass der Krieg nur wenig zerstört hat. Die Altstadt ist sehr fotogen und zählt zu den schönsten in Deutschland. Überall stehen Fachwerkhäuser und die alten Gebäude tragen Namen wie „Zum Breiten Herd“ oder „Haus zum Sonnenborn“. Sehr schön ist die Krämerbrücke, eine berühmte Sehenswürdigkeit. Auf einem Hügel oberhalb eines großen Platzes stehen der Dom und die Severikirche unmittelbar nebeneinander. Dieses Panorama zu betrachten ist ein besonderes Erlebnis. Erfurt ist wirklich ein sehenswerter Ort.
Wie sieht das Leben in Erfurt aus?
Ich war begeistert, dass die Altstadt fast autofrei ist. Die öffentlichen Verkehrsmittel (Busse und vor allem die Straßenbahnen) sind ausgezeichnet; sie verkehren sehr häufig und nicht nur in der Altstadt, sondern fahren bis an den Stadtrand. Im Vergleich zu Edinburgh fand ich es in Erfurt einfacher, die Stadt mit Hilfe der Straßenbahn zu erkunden. Für Touristen ist dies ganz wunderbar und sie können sich schnell und gut orientieren. Ich war sehr davon beeindruckt. Die Teilnehmer des Sommerkurses haben sich besonders darüber gefreut, dass sie eine Straßenbahnfahrkarte zur Verfügung gestellt bekommen haben!
Ich finde die gegenwärtige Kultur von Erfurt schwierig zu beschreiben. Erfurt ähnelt manchen großen Städten in Großbritannien. Es gibt mehrere Einkaufszentren mit Supermärkten (oder Kaufhallen wie sie hier genannt werden) und Ladenketten, z. B. H+M oder Nordsee. Dafür interessierte ich mich nicht so sehr. Dennoch ist mir überraschenderweise aufgefallen, dass die Lebensmittelpreise niedriger als in Schottland sind. Die Hauptkreuzung in Erfurt heißt Anger. Der Platz zieht viele Leute an; manche sind arbeitslos und haben Probleme mit Alkohol. Ich wunderte mich darüber. Erfurt liegt in der ehemaligen DDR. Waren diese Probleme immer so oder sieht man sie jetzt nur deutlicher? Ich verstehe auch, dass Ausländer sich da sammeln. Ja, Erfurt ist ähnlich wie Edinburgh.
Aber es gibt einen augenfälligen Unterschied zwischen meiner Heimatstadt und Erfurt. Sonntags ist die Erfurter Innenstadt fast leer. Es gibt viele Kirchen, aber die Leute heutzutage (und besonders nach 40 Jahren DDR) sind nicht sonderlich religiös. In Schottland ist sonntags Einkaufstag, doch in Erfurt sind alle Läden geschlossen und geöffnet sind nur Restaurants, Kneipen und Museen.
Die Thüringer Rostbratwurst und die Thüringer Klöße, die aus Kartoffel gemacht werden, sind in ganz Deutschland berühmt. Mir schmeckten diese Spezialitäten sehr gut und auch die lokalen Schwarzbiere. Die Trinkkultur ist gut entwickelt. Ich interessierte mich sehr für die Eiskultur. Es gibt eine größere italienische Gemeinschaft in Erfurt und viele italienische Eiscafés (und auch Restaurants). Ein Becher voller Erdbeereis und obendrauf Sahne schmeckt ausgezeichnet!
Erfurt liegt in der ehemaligen DDR, aber ich konnte keine Spur von dieser Ära ausfindig machen. Ich war ein wenig darüber enttäuscht. Tatsächlich erklärte mir ein Buchhändler, dass zurzeit niemand Karl Marx oder Ernst Thälmann (der damals der Leiter der Kommunistischen Partei war) liest. In einem anderen Antiquariat hatte ich mehr Glück. Ich kaufte das letzte Exemplar von Karl Marx „Das Kapital“.
Wie sind die Leute in Erfurt?
Die Deutschen gelten bekanntlich als reserviert, unhöflich und arrogant. Entspricht dieser Ruf der Wirklichkeit oder ist es nur ein Klischee? Die Erfurter Einwohner waren zu mir meistens freundlich und hilfsbereit. Die Kurslehrer engagierten sich sehr, uns Teilnehmern zu helfen. Wir duzten uns und ich mir gefiel dies sehr. Die Verkäuferinnen in den Läden waren sehr höflich und freundlich, selbst wenn ich sie versehentlich duzte! Ich fühlte mich sicher in Erfurt.
Und wie war der Sommerkurs?
Endlich muss ich etwas über den Sommerkurs schreiben. Er war unglaublich gut, wirklich ausgezeichnet! Es war sehr gut geplant und hervorragend präsentiert. Laut der Teilnahmebestätigung umfasste der Kurs 82 Ausbildungsstunden:
40 Stunden Unterricht in der kleinen Sprachgruppe
28 Stunden Seminare und fachwissenschaftliche Vorträge
6 Stunden Literaturseminare
8 Stunden Phonetik.
Außerdem hatten wir vier Exkursionen (Eisenach mit Wartburg, Weimar, Gotha, Buchenwald) und auch zwei Führungen in Erfurt.
Am Anfang gab es einen ‚schrecklichen‘ Einstufungstest! Wir wurden in fünf Gruppen eingeteilt und in meiner Gruppe waren wir acht Teilnehmer. Wir wurden gefragt, über welche Themen wir diskutieren möchten. Wir redeten darüber, welche Erfahrungen man im Ausland macht. Und unsere Dozenten haben vier Ausländer eingeladen, die mit uns über dieses Thema sprachen. Wir hatten auch Lust, etwas über die ehemalige DDR zu lernen. Wir schauten uns den Film 'Goodbye Lenin' an und danach redeten wir darüber. Wir machten politische Rollenspiele und spielten 'Tabu'. Unsere Lehrer arbeiteten hart und bereiteten viel vor. Sie gaben uns viele Hausaufgaben auf! Das Niveau war manchmal ein bisschen hoch für mich, aber wir hatten immer jede Menge Spaß. In den Vorträgen habe ich viel über deutsche Geschichte, Kultur, Politik und Dialekte gelernt. In den Seminaren ging es unter anderem um Musik, Kunst, Puppenspiel, Literatur und Religion. Der ganze Sommerkurs war sehr informativ, spannend und interessant.
Ich fuhr nach Erfurt, nur um mein Deutsch zu verbessern. Und mein Deutsch war am Ende des Kurses besser. Doch der Sommerkurs ist nicht nur einfach Deutschlernen - das Leben ist nie so einfach. Die Teilnehmer waren zusammen in einem Wohnheim untergebracht. Wir kamen aus verschiedenen Ländern und es gab einen großen Altersunterschied zwischen dem jüngsten und ältesten Teilnehmer - ich war mindestens doppelt so alt wie die meisten! Trotzdem sind wir sehr gut miteinander ausgekommen. Jetzt habe ich Freunde, die aus Russland, Spanien, Litauen, der Slowakei, Tschechien, Italien, Japan und Griechenland kommen!
2003 erhielt ich das Stipendium von der Edinburgh Universität, um nach Erfurt zu gehen und am Sommerkurs teilzunehmen. Und 2004? Ich werde eine starke Konkurrenz für die anderen Studenten meiner Universität, wenn es wieder um dieses Stipendium geht. Denn ich will wieder nach Erfurt!
