Universität Erfurt

Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt

Dr. Olaf Simons

Projektbeschreibung

Porträt Olaf Simons
Porträt Olaf Simons

Literatur: eine Kulturgeschichte

Als die Literaturdebatte Ende des 17. Jahrhunderts die Titelseiten von „literarischen“ Journalen erobert, sind anfangs nicht Romane, Dramen oder Gedichte ihr Thema. Die Wissenschaften sind „Literatur“ und das bis weit in das 19. Jahrhundert hinein. Ein eigener Trend setzt Mitte des 18. Jahrhunderts ein: Literatur in einem erweiterten Begriff zu besprechen und dabei Poetisches und Fiktionales zum breiteren Rezensionsgegenstand zu machen. Anfänglich muss das gerechtfertigt erscheinen, da schließlich auch die „belles lettres“, die „schönen Wissenschaften“, Wissenschaften sind. Zunehmend verabschiedet man sich jedoch von der Vorstellung, dass das Wort „Literatur“ für die Wissenschaften steht; es wird zum Inbegriff sprachlicher nationaler Überlieferung. Kunstwerke geben dabei, so die neue Sicht, seit Anbeginn der Menschheit den Ton an.

Dass unser aktuelles Literaturkonzept bei aller aktuellen Unklarheit eine Erfindung des ausgehenden 18. Jahrhunderts ist, ist keine brisante Feststellung mehr; interessanterweise auch keine, die im Moment weitere Fragen anregt. Ingo Stöckmann befasste sich in Vor der Literatur 2001 mit der „Poetik Alteuropas“ unter der Prämisse eines nach 1750 stattfindenden Systemumbruchs. Lee Morrissey widmete sich in The Constitution of Literature: Literacy, Democracy, and Early English Literary Criticism 2008 der Konstitution der Literatur unter der Annahme, dass sie sich zwischen 1640 und 1740 in England vollzog. Jürgen Habermas’ Thesen zum Strukturwandel der Öffentlichkeit von 1962 decken hier Grundannahmen wie die, dass die westlichen Gesellschaften die Literaturdebatte in einem Prozess der Demokratisierung aus England bezogen.

Schreibt man die Geschichte der Diskussion, die sich in der frühen Neuzeit als Literaturdiskussion – zuerst innerhalb der res publica literaria – aufbaut, muss man zwar mit wechselnden Literaturkonzepten umgehen, gewinnt dafür jedoch ganz andere Kontinuitäten: Die Literaturdebatte ist vor allem ein Angebot der Wissenschaften, die in ihr dem internationalen Buchmarkt begegnen und eine Kommunikation mit diesem erzwingen. Die Frage, ob sie der Demokratie verpflichtet ist, beschäftigt die res publica literaria früh – wohl plädieren Gelehrte für eine offene und egalitäre Debatte, nicht jedoch für Mehrheitsentscheide in der Literatur. Mit dem 18. Jahrhundert verschärft sich die Frage, wie frei das Urteil über Literatur sein kann – gefordert wird eine Debatte, die von persönlichen Urteilen wegkommt und theoretisch fundierte riskiert. Eine Expertendiskussion baut sich gegenüber der breiten Debatte auf. Am wenigsten wird man die Literaturdebatte als englische Erfindung ansehen können. Sie gewinnt vor 1750 im deutschsprachigen Raum ihr Momentum. Die moderne Literatur mag englischen Vorbildern folgen, die Debatte hat eine eigene Tradition.

Unter verschiedenen Perspektiven versuche ich Literatur konsequent als den wandelbaren Gegenstand der sich verzweigenden Literaturdebatte zu sehen und die weiterführenden Fragen im Blick auf sie zu stellen. Wie konnten die Wissenschaften den Wandel des Begriffs zulassen? Was veränderte sich für Dramen, Romane und Gedichte unter der neuen Debatte? Wie verlief die Globalisierung dieses Konzepts?

Zur Person

Olaf Simons, Jahrgang 1961, studierte Germanistik, Anglistik und Philosophie in München und Canterbury. Seine auf das Thema vorbereitende Promotion Marteaus Europa oder Der Roman, bevor er Literatur wurde erschien 2001. Von 1999-2002 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bertelsmann-Kommission, zuständig für die verlagshistorischen Kapitel des Kommissionsberichtes. 2004 legte er gemeinsam mit Hans-Eigen Bühler eine Anschlussstudie zu Korruption im Buchhandel des Dritten Reichs vor. Von 2006 bis 2009 arbeitete er als Dozent für englische Literaturgeschichte an der Universität Oldenburg. Ein Habilitationsstipendium führte ihn ans Forschungszentrum Gotha.

Kontakt

olaf.simons(at)pierre-marteau.com

  • +49(0)361/737-1722

Laufzeit

1. Januar 2010 - 31. Dezember 2012

Nach oben

Navigation

Werkzeugkiste

Nutzermenü und Sprachwahl