Universität Erfurt

Honorarprofessor Historische Anthropologie

Die Zeitschrift "Historische Anthropologie"

Die Zeitschrift Historische Anthropologie stellt ein Forum für die wissenschaftliche Aufarbeitung und Diskussion aktueller Themen und neuer Zugangsweisen in der Geschichtswissenschaft dar. Unterschiedliche Ansätze sollen in ihrer Pluralität erkennbar werden. Die Herausgeber und Herausgeberinnen hoffen dabei auch auf Kontroversen.

Zentral für die Bearbeitung der unterschiedlichen Themenfelder ist ein umfassender Kulturbegriff: "Kultur" wird nicht als Kennzeichen eines bestimmten Sektors, sondern als Medium der historischen Lebenspraxis insgesamt verstanden. Die Analyse von Ritualen, symbolischen Handlungen und diskursiven Strategien ist in gleichem Maße von Interesse wie die der spezifischen Erfahrungen, Selbstbilder und Praktiken der historischen Akteure und Akteurinnen. Interpretationen und Imaginationen, Verhaltens- und Handlungsweisen sollen in ihren spezifischen historisch-sozialen Zusammenhängen untersucht werden.

Das entschiedene Interesse an der Vielfalt von Perspektiven und Praxisformen in unterschiedlichen historisch-gesellschaftlichen Verhältnissen von Kulturen erfordert eine Erweiterung des Blickfeldes über Europa hinaus.

Prof. Dr. Alf Lüdtke ist Mit-Herausgeber der Zeitschrift, wie auch ehemals der zweite Leiter der Arbeitsstelle "Historische Anthropologie", Prof. Dr. Hans Medick.

Editorial

Die Vielfalt und Widersprüchlichkeit, mit der die Menschen sich Welt aneignen, steht im Mittelpunkt der Zeitschrift HISTORISCHE ANTHROPOLOGIE. Befindlichkeiten und Einstellungen, Interpretationen und Imaginationen, Verhaltens- und Handlungsweisen sollen in ihren historisch-sozialen Zusammenhängen untersucht und dargestellt werden. Es geht darum, in den gesellschaftlich-kulturellen Verhältnissen und alltäglichen Lebenswelten der Vergangenheit die Gleichzeitigkeit von "Fremden" und "Eigenem", von "langer Dauer" und rapidem Wandel in ihren wechselseitigen Beziehungen zu erschließen. Im besonderen soll die Bedeutungsgehalte kultureller Formen dechiffriert werden, indem diese auf ihre lebensweltlichen Kontexte zurückgeführt werden.
Das Themenspektrum umfaßt die Vielfalt von Ausdrucksformen und Praktiken, in denen Menschen "Welt" erfahren und gestalten. Untersucht werden Formen des Umgangs miteinander, sowohl der einzelnen wie der sozialen Gruppen, der Geschlechter wie der Generationen, aber auch der Umgang mit der als "Natur" wahrgenommenen Umwelt. Die Analyse von Ritualen, Bräuchen, symbolischen Handlungen schließt die "Innenseite" von Gesellschaften auf, die Bezugs- und Ausdrucksformen, in denen soziales Leben symbolisch formuliert, in verdichteter Form repräsentiert und konflikthaft ausgetragen wird.
Zu erkunden sind Situationen und Prozesse, in denen z. B. Ehrenhaftes oder Anständiges wahrgenommen und definiert und von - scheinbar - Ehrlosem und Unanständigem geschieden wird. Dies schließt den Versuch ein, die Sicht- und Erfahrungsweisen der als ehrlos und unanständig Bezeichneten zu rekonstruieren.
Die Perspektive auf Lebenspraxis und Weltdeutung öffnet einen neuen Blick auf Politik und Gesellschaft, Ökonomie und Religion. In dieser Sicht dominieren nicht die Makrostrukturen. Vielmehr wird die Materialität der Verhältnisse, in denen die Menschen sich befinden, die sie erdulden oder verändern, erst im Blick auf ihre jeweiligen Sinngebungen und Handlungsweisen konkret. Dringlich ist also, das Verhältnis von Staat zu tatsächlich oder scheinbar Außerstaatlichem bzw. zu Nichtstaatlichkeit zu erkunden. Die Fundierung überlokaler sozialer Einheiten oder herrschaftlicher Hierarchien in kommunalen oder familialen Bindungen wie Konflikten wäre zu erschließen - zugleich aber auch der Bezug des "lokalen Wissens" auf mentale Prägungen und kulturelle Deutungsmuster "langer Dauer". Weltsystem und lokale Märkte gelten nicht läger als Stufen ökonomischen "Fortschritts"; sie zeigen sich vielmehr als gleichzeitige und miteinander verschränkte Formen des Warentausches. Wirtschafliche Ungleichheit erweist sich als Resultat örtlicher wie globaler Produktionsbeziehungen. Wird Religion als soziale Praxis zum Thema, lassen sich individuelle wie kollektive Bedürfnisse nach Orientierung mit Erfahrungen der Lebensbewältigung, aber auch mit Herrschaftsinteressen in Beziehung setzen.
Zentral ist ein umfassender Kulturbegriff. "Kultur" gilt nicht als Kennzeichen eines bestimmten Sektors, sondern als Medium historischer Lebenspraxis und Auseinandersetzung insgesamt. Nicht zuletzt richtet sich das Interesse auf die Konstruktion wie auf die Destruktion von Identitäten, jeweils in einem sozial-kulturellen Kräftefeld in "historischer Bewegung".

HISTORISCHE ANTHROPOLOGIE bildet ein Forum für die wissenschaftliche Aufarbeitung und Diskussion aktueller Themen und neuer Zugangsweisen in der Geshichtswissenschaft. Gerade eine noch relativ neue Forschungsrichtung bedarf der verstärkten Reflexion über Selbstverständnis und Zielsetzung, methodische Instrumentarien sowie Formen der Darstellunge bzw. Vermittlung. Offenheit für die Vielfalt von Interessen und Zugangsweisen ist dabei leitendes Prinzip. Unterschiedliche Ansätze sollen in ihrer Pluralität erkennbar werden. Die HerausgeberInnen hoffen auf Kontroversen.
Notwendig ist ein behutsamer Begriffs- und Theoriegebrauch, der über abstrakte und globale Annahmen und Zugriffe hinausgeht. Besondere Aufmerksamtkeit gilt dem "kleinen", aber "dicht" beschreibbaren Wirklichkeitsausschnitt. Von diesem Beobachtungspunkt aus werden strukturelle Gegebenheiten und Veränderungen, wird Überindividuelles und Nichtintentionales als Bedingungsmoment historischer Lebenspraxis greifbar, ohne daß die spezifischen Erfahrungen und "eigensinnigen" Selbstbilder und Praktiken der betrachteten Menschen außer acht gelassen würden.
Hierbei gilt es, das Mißverständnis zu vermeiden, mit der Orientierung auf den "kleinen" Wirklichkeitsausschnitt sei eine Erörterung "großer" historischer Fragen, jenseits lokaler und personaler Zusammenhänge, ausgeschlossen. Entscheidend ist vielmehr die gemeinsame Einsicht der Mikro-Historie wie der Sozial- und Kulturanthropologie, daß mit der Konzentration auf ein begrenztes Beobachtungsfeld eine qualitative Erweiterung der historischen Erkenntnisperspektiven möglich wird. Diese schließt unter verändertem Blickwinkel die Erörterung makro-historischer Fragen und Probleme durchaus ein.
Eine so verstandene historiche Anthropologie erfordert als weitere methodische Konsquenz ein Interesse an kulturvergleichenden Untersuchungen. Es kann ihr hierbei nicht im Sinne herkömmlicher philosophischer Anthropologie darum gehen, "anthropologische Konstanten" oder ahistorische menschliche Grundbefindlichkeiten herauszuarbeiten. Vielmehr kommt es ihr darauf an, die conditio humana in iher kontextuellen Veränderlichkeit und Vielfalt aufzuschlüsseln. Um dieses Ziel zu erreichen, dürfte die Erarbeitung der Möglichkeiten "dezentrierenden Vergleichens" (Natalie Zemon Davis) zentral sein.
Eine solche Form des Vergleichens stellt die Frage nach den Ähnlickeiten, Gemeinsamkeiten und Unterschieden menschlicher Verhaltensweisen und der in sie eingeschriebenen Wahrnehmungs- und Handlungspotentiale, indem sie sich nicht über die Einzelfälle hinwegsetzt; diese werden vielmehr zu Beobachtungs- und Bezugspunkten, von denen her zwischen den Kulturen verglichen wird. Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Formen, in denen z. B. das Zusammenleben der Geschlechter und scheinbar biologische Tatbestände wie Zeugung, Geburt und Tod organisiert waren und sind, aber auch das Zusammenleben in umfassenderen sozialen Gruppen, wären so im Hinblick auf die lebenspraktische Bewältigung und kulturuell geprägte Selbstdeutung der Menschen in analogen oder unterschiedlichen gesellschaftlich-historischen Situationen zu untersuchen.

Mit einer solchen Perspektive setzt sich die Historische Anthropologie von einer Anthropologie ab, die sich als Humanbiologie versteht. Sie unterscheidet sich aber auch von der traditionellen Geistes- und Kulturgeschichte. Denn im Unterschied zu dieser nimmt sie ihren Ausgang bei der kulturellen Praxis, in und mit der einzelne wie Gruppen kreativ sind, aber auch individuelle und kollektive Beschränkungen ihres Handelns erfahren.
Das entschiedene Interesse an der Vielfalt und Verschiedenartigkeit von Perspektiven und Praxisformen in unterschiedlichen historisch-gesellschaftlichen Verhältnissen und Kulturen erfolgt eine Erweiterung des Blickfeldes über Europa hinaus. Das Fremde wird nicht nur in der Vielfalt der eigenen europäischen Geschichte zu entdecken und verstehen sein, sondern ebenso in den Geschichten der Völker, Gesellschaften und Kulturen der außereuropäischen Welt, die nicht erst seit der kolonial-imperialen Epoche mit dem europäischen Zivilisationsprozeß auf eine widersprüchliche Weise verbunden sind. Um einer europa- und ethnozentrischen Denkweise vorzubeugen, werden die grundlegenden Anregungen und Herausforderungen der Ethnologie und hier vor allem die der Kultur- und Sozialanthropologie in der historischen Arbeit aufgenommen werden. Gerade aus dieser Perspektive eröffnet sich die Möglichkeit, unbefragte Vorstellungen über die Dauerhaftigkeit menschlicher Verhaltens- und Vorstellungsweisen kritisch zu überprüfen, wie sie noch weithin die Humanwissenschaften, aber auch die alltäglichen Wahrnehmungen der Menschen prägen.
Das Interesse an der Vielfalt "sozialer Logiken" zielt nicht auf beliebiges Nebeneinander; es hat nichts zu tun mit "anything goes". Vorstellungen vom "guten wie vom "richtigen Leben", die in der einen Gesellschaft dominieren oder sogar unbezweifelt sind, verletzen häufig Standards, die anderswo akzeptiert sind. Unbedingter Respekt vor körperlicher wie seelischer Integrität des anderen und der anderen gelten uns jedoch als Minimum von Humanität und Gerechtigkeit, welches keinem kulturrelativistischen Argumentieren preisgegeben werden darf.
Um den genannten Zielen gerecht zu werden, legt die Zeitschrift Wert auf interdisziplinäre Zusammenarbeit. Diese kann nur durch eine breite Vernetzung über die Grenzen der Staaten, Kontinente sowie über Disziplinen hinaus erreicht werden. Die Förderung des Austauschs mit den Ländern Ostmitteleuropas ist hierbei ein besonderes Anliegen der Zeitschrift.
Die Hefte werden, um die Aktualität zu sichern, in der Regel nicht themenorientiert angelegt. Vielmehr ist es unser Bestreben, historische Anthropologie in der Vielfalt ihrer Inhalte und Zugangsweisen zu repräsentieren.
Die unterschiedlichen Formen und Darstellungsweisen wissenschaftlicher Beiträge sollen möglichst gleichgewichtig vertreten sein: dazu gehören problemorientierte Fallstudien, epochenübergreifende Längsschnitte, methodologisch-theoretische Erörterungen innovatorischer Ansätze, kulturvergleichende Untersuchungen, historische Aufarbeitung unmittelbar aktueller Fragen, Forschungsberichte, Kontroversen und Debatten.
Die Aktualität ist eine wichtige Richtschnur der Zeitschrift. Sie bringt Wissenschaft "ins Gespräch". Sie bietet die Materialien und Diskussionsstoff für ein an historisch-kultureller Verständigung interessiertes Publikum. Zugleich dient sie der interkulturellen Orientierung.

Die Herausgeber

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Beteiligte Wissenschaftler


Geschäftsführende HerausgeberInnen:

Gesine Krüger,  Rebekka Habermas, Edith Saurer, Jakob Tanner, Beate Wagner-Hasel


HerausgeberInnen:

Gadi Algazi (Tel Aviv), Susanna Burghartz (Basel), Peter Burschel (Rostock), Rebekka Habermas (Götingen), Thomas Hauschild (Halle), Gesine Krüger (Zürich), Ludolf Kuchenbuch (Berlin), Erich Landsteiner (Wien), Rolf Lindner (Berlin), Alf Lüdtke (Erfurt/Göttingen), Sylvia Paletschek (Freiburg), Edith Saurer (Wien), Norbert Schindler (Salzburg), Regina Schulte (Bochum), Jakob Tanner (Zürich), Simon Teuscher (Zürich), Beate Wagner-Hasel (Hannover), Michael Wildt (Berlin)

Wissenschaftlicher Beirat:

Angiolina Arru (Neapel), Natalie Zemon Davis (Toronto), Christian-Huber Ehalt (Wien), Carlo Ginzburg (Pisa), Michael Harbsmeier (Roskilde), Karin Hausen (Berlin), Rhys Isaac (Melbourne), Don Kalb (Utrecht), Fritz W. Kramer (Hamburg), Giovanni Levi (Venedig), Carola Lipp (Göttingen), Ute Luig (Berlin), Hans Medick (Göttingen), Michael Mitterauer (Wien), Jan Peters (Potsdam), Jacques Revel (Paris), Lyndal Roper (Oxford), David Sabean (Los Angeles), Martin Schaffner (Basel), Gerald Sider (New York), Patrice Veit (Paris/Bonn), Dorothee Wierling (Hamburg)

 

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Redaktion & Verlag

Manuskripte

Die Manuskripte bitte als .doc-Datei per E-Mail oder auf CD an folgende Adresse senden:

Hanni Geiser
Prof. Dr. Gesine Krüger
Dr. Frank Schubert
Historisches Seminar
Universität Zürich
Karl Schmid-Strasse 4
CH-8006 Zürich

Lektüren

Verantwortlich für die Lektüren: Prof. Dr. Michael Wildt und Prof. Dr. Rebekka Habermas

Postanschrift:
Prof. Dr. Michael Wildt
Hamburger Institut für Sozialforschung
Mittelweg 36
20148 Hamburg

Verlag

Böhlau Verlag
Ursulaplatz 1
50668 Köln

 

Die Zeitschrift HISTORISCHE ANTHROPOLOGIE erscheint dreimal jährlich mit einem Heftumfang von ca. 160 Seiten. Preise: Einzelheft 19,50 Euro, Jahrgang 45 Euro (für Studierende 34,50 Euro)

 

 

 

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