Universität Erfurt

Kommunikationswissenschaft

Zwischen Konsens, Meinung und Tabu. Die publizistischen Kontroversen um Thilo Sarrazin, Oriana Fallaci und James Watson

Darf man öffentlich sagen, dass Schwarze dumm oder, dass Muslime gewaltbereit (vor allem, aber nicht nur) gegen Frauen sind? Stellen diese Ansichten Tabus dar oder sind es nur einige Meinungen unter vielen? Wo liegen die Grenzen der öffentlichen Auseinandersetzung, wenn gruppenbezogene, biologische Unterschiede gegenüber schwarzen Menschen und kulturelle Unterschiede gegenüber Muslimen thematisiert werden? Reagieren die Medien in Deutschland „sensibler“ bei diesen Thematiken als dies in anderen Ländern der Fall ist?

Diese Fragen sollen anhand der öffentlich ausgetragenen Kontroversen in der nationalen und internationalen Presse über die Aussagen von Thilo Sarrazin,  Oriana Fallaci und  James Watson untersucht  werden. Die Analyse bezieht überregionale Tageszeitungen aus europäischen, nord- und südamerikanische Ländern ein, deren Kommunikationskulturen durch jeweils unterschiedliche historische und politische Erfahrungen mit diesen Themen geprägt sind: Portugal/ Spanien (Kolonialismus), Deutschland (Nationalsozialismus), USA (Rassentrennung) und Brasilien („Rassendemokratie“).

Die Polemiken sind insofern beispielhaft, da sie Aussagen umfassen, denen ein Commonsense- bzw. Selbstverständlichkeitscharakter zugeschrieben wird („Jeder weiß doch, dass...“).  Basierend auf der Theorie der sozialen Repräsentationen (Moscovici) soll inhalts- und diskursanalytisch untersucht werden: a) mit welchen sozialen Repräsentationen man sich über schwarze Menschen und Muslime in der Berichterstattung auseinandersetzt und welche im Verlauf der Kontroverse ausgegrenzt bzw. als illegitim eingestuft werden und b) welche Strategien die Medien und ihre Quellen verwenden, um solche Denkmuster weiterhin zu diskutieren bzw. als legitime Meinungen darzustellen.

Die Annahme ist, dass im medialen Diskurs der klassische Rassismus (Fall Watson) keinen Konsens mehr darstellt. Die Frage ist nun, ob die Meinung, dass soziale Unterschiede auf Phänotypen zurückzuführen sind, durch die Medien als legitim betrachtet wird oder nicht. In Bezug auf den Neorassismus wird angenommen, dass sein Ausdruck als Islamophobie in den Medien als legitime Meinung behandelt wird: Die Idee, dass soziale auf kulturelle Unterschiede zurückzuführen sind, gewinnt dadurch an „Selbstverständlichkeitscharakter“, was anhand der publizistischen Kontroversen um Fallaci und Sarrazin untersucht werden soll. Das Projekt wird von 2011 bis 2014 durchgeführt.

Foto: Paolo Massa

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