Universität Erfurt

Die katastrophische Feerie

Vorhaben

Die katastrophische Féerie

Diskontinuität, Spektakularität und die französische Moderne

 

DFG-gefördertes Projekt an der Universität Erfurt

Laufzeit: 2 Jahre (Beginn April 2012, wg. Elternzeit verlängert bis Frühjahr 2015)

 

 Das Projekt widmet sich der Rehabilitierung der zu Unrecht in Vergessenheit geratenen, vor allem im Frankreich des 19. Jahrhunderts populären Gattung der Feerie. Über die bisher in der Forschung vorherrschende Einordnung als reine Unterhaltungsgattung hinaus soll es darum gehen, die Feerie als paradigmatisch für eine spezifische Erfahrung moderner Zeitlichkeit zu erfassen, die sich durch die ästhetische Form einer spektakulären Diskontinuität auszeichnet. Die Feerie wird vor allem als Brückengattung zwischen Theater und Film um 1900 zunächst auf die ästhetischen Effekte ihrer Tableaustruktur hin in den Blick genommen. Weiterhin soll anhand von narrativen Anverwandlungen katastrophischer Feerien in der französischen Erzählliteratur von Flaubert bis Céline untersucht werden, wie im Erzähltext Strukturen des Spektakulären entstehen, die herkömmliche Formen narrativer Zeitorganisation kontaminieren. Und schließlich wird es um die Frage gehen, inwiefern die spektakuläre Diskontinuität der Feerie paradigmatisch für eine spezifische Vorstellung von der ästhetischen sowie wissensgeschichtlichen Moderne als ganzer sein könnte, die zwischen Katastrophismus und magischer Sichtbarmachung von Unsichtbarem oszilliert.

Das Projekt hat zum Ziel, die impliziten Zusammenhänge zwischen der vor allem in der zweiten Hälfte des 19. sowie im beginnenden 20. Jahrhundert sehr populären Gattung der Feerie und einer spezifischen Form der spektakulären Verzeitlichung in der sog. Episteme der Moderne zu untersuchen, die sich als Inszenierung einer seriellen Abfolge diskontinuierlicher Zeit-Einheiten verstehen lässt. Die Hauptthese des Projekts, die es sowohl in Bezug auf die Feerie selbst als auch ihre narrativen bzw. kulturtheoretischen Aneignungen in Literatur und Kulturtheorie des 19. und 20. Jahrhunderts zu untersuchen gilt, ist folgende: Die theatral oder filmisch inszenierte Feerie bringt Diskontinuität in eine spektakuläre ästhetische Form und ist somit besonders geeignet zur Inszenierung von modernen Katastrophen aller Art.

Der Begriff der „Moderne“ soll im Rahmen des Projekts bewusst doppelgestaltig, d.h. sowohl als ästhetische (etwa in Anschluss an Baudelaires emphatisches Konzept der „modernité“, vgl. dazu grundlegend Benjamin 2002 sowie Jauß 1989) wie auch als epistemologische Moderne (vgl. Foucault 1966) verstanden werden. Das Projekt geht jedoch insofern über diese bekannten Ansätze hinaus: Moderne soll hier imaginationsgeschichtlich als etwas verstanden werden, das sich selbst aus einem bestimmten Imaginären, genauer: aus mediengestützten Imaginationspraktiken speist. Die ‚katastrophische Feerie‘ ist eine Gattung, in der diese ambivalente Imagination der Moderne eine feste Form annimmt.

Die Feerie soll damit als Gattung interpretiert werden, die nicht nur eskapistisch das Wunderbare des traditionellen Märchens sucht, vielmehr zeigen sich in ihr grundlegende Ambivalenzen und Imaginationsformen der Moderne. In paradigmatischer Weise entwirft die Feerie eine gespaltene, d.h. ebenso wunderbare wie auch katastrophische Moderne, die Semioseprozesse, technische Artefakte und menschliche Akteure gleichermaßen betrifft. Ausschlaggebend für diese spezifische Form der „Modernisierung“ der Feerie ist nicht so sehr ihre Literarisierung in der symbolistischen Literatur, sondern ihre populäre „Spektakularisierung“, die auch die Inszenierung naturwissenschaftlicher oder politischer Phänomene umfasst.

Insbesondere sollen im Rahmen des Projekts Fälle untersucht werden, in denen Feerien in der Moderne zur Inszenierung katastrophischer Szenarien, sei es naturwissenschaftlicher oder politischer Art, verwendet werden – Ansatzpunkte dafür finden sich bereits in der theatralen oder kinematographischen Feerie selbst, das „Katastrophen-Potenzial“ der Feerie wird jedoch darüber hinaus vor allem in narrativen Zusammenhängen genutzt. Es stellt sich die Frage, ob diese Affinität moderner Feerien zur Inszenierung von Katastrophen auf thematischer Ebene bloß kontingent ist oder, ob es möglicherweise eine strukturelle Affinität der Feerie zur Inszenierung von Katastrophen gibt, die in formalen Aspekten der Gattung begründet liegt, insbesondere im diskontinuierlichen Übergang zwischen den einzelnen Tableaus. Die Katastrophen-Affinität der Feerie hat damit vor allem eine Grundlage, die auf der speziellen Inszenierungsform basiert. Die Tableau-Struktur der Feerie verweist aber auch auf eine bestimmte Form der Wissensorganisation, die in spezifischer Weise an die bereits von Foucault (1966) beschriebene epistemologische Funktion des Tableaus anschließt. Die Art, wie Feerien wunderbare fiktionale Handlungen in Form einer Spannung von tableauhafter Statik und plötzlicher Ereignishaftigkeit organisieren, lässt die Feerie zu einer ästhetischen Form werden, in der sich darüber hinaus eine spezifische Denkfigur epistemologischer Historizität als serielle Abfolge diskontinuierlicher Zeitschichten profiliert.

 

Das Vorhaben umfasst folgende Teilprojekte:

  • Eine Untersuchung zur Konjunktur der Gattung „Feerie“ als ‚Übergangsform’ zwischen Bühne und Film um 1900 (Gesine Hindemith)
  • Eine Untersuchung zur Funktion der katastrophischen Feerie in der Erzählliteratur von Gustave Flaubert bis Louis-Ferdinand Céline (Jörg Dünne)
  • Die Frage nach Imaginationsformen des Diskontinuitätsdenkens in der Kulturtheorie des 20.  Jahrhunderts (transversal zu den beiden Einzeluntersuchungen)

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