University of Erfurt

Max-Weber-Kolleg

Forschungsprogramm des Max-Weber-Kollegs

Das Max-Weber-Kolleg verfolgt ein Webersches Forschungsprogramm, das man kurz als interdisziplinäre und vergleichende Sozialwissenschaften mit großer historischer Tiefe und einem Interesse an normativen Fragen charakterisieren kann. Es richtet sich auf folgende Problemfelder:

  • Religion, Wissenschaft und Recht als Deutungs- und Steuerungsmächte;
  • Wechselwirkungen zwischen Kulturen, gesellschaftlichen Ordnungen und Mentalitäten bei radikalem Wandel;
  • handlungstheoretische Grundlagen der Kultur- und Sozialwissenschaften und ihre Beziehung zu normativen, insbesondere ethischen Fragen.

Diese Problemfelder werden durch folgende Forschungsschwerpunkte konkretisiert:

  • Gewalt und Menschenwürde;
  • Theorien des sozialen Wandels;
  • Kommunikation über Werte;
  • Pragmatismus/Historismus/Soziologie;
  • Religion.

Eine detailliertere Beschreibung dieser Forschungsschwerpunkte findet sich weiter unten.

Die Forschungsvorhaben der Fellows werden durch Projekte  der  am  Kolleg betreuten  (Post-)Doktoranden (Kollegiaten) ergänzt. Die Forschung am Max-Weber- Kolleg ist historisch und vergleichend. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf der inter- und transdisziplinären Verknüpfung der am Kolleg vertretenen Fachgebiete Soziologie, Geschichtswissenschaft, Religionswissenschaft, Wirtschaftswissenschaft, Rechtswissenschaft, Theologie und Philosophie.

Gewalt und Menschenwürde

Ein für heutige Gesellschaften zentraler Wertkomplex ist die Entwicklung der Menschenrechte und unser Glaube an eine universale Menschenwürde. Eine nähere Betrachtung dieses Komplexes zeigt, dass Werte nicht nur aus positiven wertkonstitutiven Erfahrungen hervorgehen können, sondern auch aus der Verarbeitung negativer Erfahrungen - etwa der Gewalt und Entwürdigung des Menschen. In einer Reihe von historisch-soziologischen Studien soll deshalb die Wechselwirkung von Wertentstehung und Gewaltgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert untersucht werden.

Kommunikation über Werte

Wie entstehen Werte und wie funktioniert eine Kommunikation über sie? Während in der Diskurstheorie von Jürgen Habermas, Karl-Otto Apel u. a. in Anknüpfung an den Pragmatismus eine umfassende Theorie der Argumentation über kognitive und normative Geltungsansprüche vorliegt, fehlt eine entsprechende Theorie für unsere Kommunikation über Werte. Über Werte, an die wir uns gebunden fühlen, können wir sehr wohl vernünftig miteinander sprechen; wir können aber nicht rein rational-argumentativ Wertbindungen erzeugen oder erschüttern. In diesem in die Philosophie reichenden Arbeitsgebiet geht es deshalb um die Erarbeitung von Spezifika unserer Kommunikation über Werte (z. B. Narrativität).

Theorien des sozialen Wandels

Eine Theorie, die kulturelle und institutionelle Innovationen ernst nimmt und die Verarbeitung von Erfahrungen für eine wichtige Determinante sozialer Prozesse hält, muss mit teleologischen und evolutionistischen Konzeptionen brechen. Soweit solche Konzeptionen in den verschiedenen Versionen der Modernisierungstheorie enthalten sind, ist die Ausarbeitung einer verbesserten Version nötig, die unter das Stichwort "Kontingenz" gefasst werden kann. Auf diesem Feld entstehen Arbeiten zur Geschichte des Kontingenzbewusstseins und zum Potential einer makrosoziologischen Theorie, die die verschiedenen Dimensionen von Modernisierung als nur locker verkoppelt auffasst.

Pragmatismus/Historismus/Soziologie

Dieser Schwerpunkt knüpft an die Philosophie des amerikanischen Pragmatismus an (Peirce, James, Dewey, Mead). Diese Orientierung ergibt sich aus der Annahme, dass der Pragmatismus dazu beitragen kann, in der ganzen Breite der Sozialwissenschaften (und auch in der Philosophie) Auswege aus Sackgassen europäischer Geistesgeschichte zu eröffnen - natürlich unter Bezug auf die klassische Theorietradition der Soziologie (Weber, Durkheim, Parsons).
Das Forschungsprojekt hat seinen Ausgangspunkt in der Feststellung, dass die Sozialwissenschaften in Deutschland in ihrer Entstehungszeit in vielfacher Weise an den Historismus anknüpften - was analog in den USA für den Pragmatismus gilt. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden diese Wurzeln aber weitgehend vergessen. Dementsprechend geht es darum, Studien über mehr oder minder vergessene Figuren und Theorien aus Pragmatismus und Historismus zu unternehmen und damit Anknüpfungspunkte für eine zeitgenössische, historisch tiefe, kulturvergleichende und interdisziplinäre, auch normativ orientierte Sozialwissenschaft zu schaffen.

Religion

Die lange vorherrschende Annahme, dass Modernisierung mit innerer Notwendigkeit zur Säkularisierung führe, hat sehr stark an Glaubwürdigkeit verloren. Ebenso aber ist die umgekehrte Vorstellung, dass Säkularisierung notwendig im Zerfall von Moral und sozialer Ordnung ende, nicht länger haltbar. In dieser Lage ist es nötig, in interdisziplinärer Weise, kulturvergleichend und historisch nach den Spezifika religiöser Erfahrung, den Prozessen religiöser Individualisierung und Gemeinschaftsbildung, den Wirkungen von Modernisierungsprozessen auf Religion und den religiösen Voraussetzungen von Modernisierungsprozessen zu fragen.

Navigation

Toolbox

User menu and language choice