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Forschungsprojekt
Übertreibung, Abweichung, Übermaß – Zur Diskursgeschichte des Hyperbolischen
In seiner Vorlesung über Die alte Rhetorik hat Roland Barthes die Rhetorik als eine Moral beschrieben, das heißt als eine Art „Gesetzbuch, ein Corpus moralischer Vorschriften, deren Rolle darin besteht, insbesondere die »Abweichungen« der emotionsgeladenen Sprache zu überwachen, das heißt zu erlauben und zu beschränken“. Solche kulturell überwachten und limitierten „Abweichungen“ sind „hyperbolisch“ im Sinne der Abweichung von einer Norm des Angemessenen, lateinisch aptum.
Das Forschungsprojekt ist ein Beitrag zur Erschließung der Normen des sozialen aptum im 17. und 18. Jahrhundert und konzentriert sich auf die historischen Wahrnehmungs- und Bewertungsweisen eines kategorialen Bedeutungsfeldes, das sich um den Begriff der Hyperbel bzw. des Hyperbolischen zentriert, und zwar im Sinne des Hyperbolischen als „Abweichung“ von der rhetorischen Norm des richtigen Maßes, des Angemessenen und des Wahrscheinlichen. Dieses Bedeutungsfeld um den Begriff der Hyperbel, wie es sich zuerst in der antiken Philosophie und in der antiken Rhetorik als System kategorialer Sprach- und Verhaltenslehren ausdifferenzierte, hat als „Normabweichungstheorem“ in den neuzeitlichen Diskursen über Fragen und Problematiken religiöser Individualisierung eine wichtige Rolle gespielt.
Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf dem 17. und 18. Jahrhundert; sie konzentriert sich auf der Basis von Quellentexten, die in einem gesamteuropäischen Kontext stehen, auf die Entwicklungen in Deutschland.
Die Arbeit untersucht historische Unterfangen der diskursiven Grenzziehung zwischen Vernunft und (religiöser) Abweichung, bei denen es immer auch um die kulturelle Verhandlung der Formen und Grenzen verantwortlicher Selbstgestaltung und Formung des Selbst geht. Dabei verfolgt die Arbeit zwei zentrale Diskurs- und Reflexionsstränge, in denen „Hyperbolik“ als Abweichung im Hinblick auf die Dynamiken von Individualisierung in besonderer Weise thematisch wird, zum einen nämlich die mit der Renaissance einsetzende Loslösung vom normativ verbindlichen Gebot der Naturnachahmung, zum anderen die neuzeitliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen religiöser Devianz, die sich als eine bis in die Aufklärung reichende Hyperbolismus-Kritik an übertriebener Affektivität ausbildet. Eng verzahnt sind beide Diskurse durch den Begriff des enthusiastischen ingenium (ursprünglich die Ergriffenheit des Menschen durch Gott), der im Sprachgebrauch des 18. Jahrhunderts dann auch unter dem Begriff des menschlichen „Eigensinns“ firmiert. Hyperbolik als Abweichung von einer gegebenen Norm erscheint in diesen Diskursen als ein Phänomen, das durch eine erweiterte Lizenz des Ingeniösen und durch die normative Schwächung der rhetorisch fundierten Norm des aptum hervorgerufen wird.
Die Habilitation verfolgt eine chronologische und eine diachrone Achse der Untersuchung: ein wissensgeschichtlich-lexikalischer Strang des Forschungsvorhabens untersucht anhand ausgewählter Rhetorik- , Stil- und Verhaltenslehren, Lexika und Enzyklopädien (mit ihrer Vielzahl von Artikeln zu den Stichworten „Übertreibung“, „Hyperbel“ „Wohlanständigkeit“ oder „Wohlanstands-Lehre“) die deskriptiven und normativen Aspekte des Normabweichungstheorems (Standards für maßvolles Verhalten, Affektdisziplinierung) sowie die hochambivalenten Wahrnehmungen, Bewertungen, Limitierungen oder Rechtfertigungen religiöser Hyperbolik, etwa in der Sakralrhetorik. Die ausgewählten Quellentexte interessieren zum einen mit Blick auf die Regulierungsfunktion der Norm- und Normalitätsproduktion, wie sie die Diskurstheorie des Normalen beschreibbar macht, zum anderen aber auch hinsichtlich des verhandelten Stellenwertes des individuellen Denkens und Erlebens, des individuellen Ingenium als Agens religiöser Individualisierung.
Neben diesem diskursgeschichtlich-lexikalischen Strang der Untersuchung soll in exemplarischen Analysen der konzeptuelle Reichtum des Hyperbolischen als operationaler Faktor auf dem Feld religiöser und kultureller Kontroverse im 17. und 18. Jahrhundert aufgezeigt werden.
Forschungsschwerpunkte
- Literatur und Kultur des 17. und 18. Jahrhunderts
- Poetik und Rhetorik, Anthropologie der Rhetorik
- Literatur- und Kulturtheorie; Theorien der Modernisierung
- Wissens- und Wissenschaftsgeschichte
- Rezeptionstheorie
Publikationen
Monographien:
- Antike und Moderne. Friedrich Schlegels Poetik, Philosophie und Lebenskunst. Berlin/New York: de Gruyter, 2011.
Wissenschaftliche Aufsätze:
- „»Ich der Einzelne fürs Gemeinsame berufen«. Friedrich Schlegels Poetik im Spannungsfeld von Individualisierung und Gemeinsinn.“ In: Brink, Margot und Sylvia Pritsch (Hrsg.): Gemeinschaft in der Literatur - Mythos oder Wirklichkeit? Zur Aktualität poetisch-politischer Interventionen. Reihe Saarbrücker Beiträge zu vergleichenden Literatur- und Kulturwissenschaft. Hrsg. v. Von Manfred Schmeling u. Christiane Solte-Gresser. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2012.
- „Skepsis und Fideismus bei Pierre Bayle und Friedrich Schlegel.“ In: Sing, Sikander und Cornelia Ilbrig: Wir sind keine Skeptiker, denn wir wissen. Skeptische und antiskeptische Diskurse der Revolutionsperiode 1770-1850. Sonderband des Wezel-Jahrbuches. Studien zur europäischen Aufklärung. Hannover 2013 (zugesagt).
- „James Harris und Friedrich Schlegel – Transformationen der Philologie“. In: Schlegel-Studien. Hrsg. v. Ulrich Breuer u. a. Paderborn u. a. 2013 (zugesagt).

