Universität Erfurt

Max-Weber-Kolleg

Matthias Bornemann: Gast-Doktorand am Max-Weber-Kolleg

Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien
Universität Erfurt
Postfach 900221
99105 Erfurt

Forschungsprojekt

Religiöse Subjekte – Bekenntnis durch Teilnahme

In der öffentlichen Diskussion – und zum Teil auch in der wissenschaftlichen – ist, wenn man sich für die Entwicklungen des Christentums in der Moderne interessiert, vor allem eine Denkrichtung dominant. Das letzte Jahrhundert wird dann vor allem als eine Epoche der Säkularisierung interpretiert und wahrgenommen. Zum einen büßen die Kirchen Einfluss und Macht in öffentlichen Debatten und Diskursen ein. Zum anderen verlieren die Kirchen offenbar an der entscheidenden Substanz für ihren Weiterbestand: den praktizierenden Gläubigen, den Kirchgängern.
Diese Feststellungen sollen nicht grundlegend angezweifelt werden. Jedoch sollte der Fokus nicht auf diesen Problemstellungen verharren. Denn die Säkularisierung bedeutet trotz allem keine Auflösung von Kirche, kein Ende von Gottesdienst und Liturgie. Medial dominieren zwar vor allem Liturgien mit Event-Charakter, wie der neuerliche Besuch des Papstes in Deutschland gezeigt hat. Doch auch alltägliche – oder besser sonntägliche – Liturgien werden weiterhin gefeiert. Die Frage ist dann, wie sich diese fundamentale Form der Glaubensversicherung unter dem Einfluss der oben genannten Phänomene verändert hat.
Es gab gerade in der katholischen Kirche ein Ereignis, das weit mehr von besonderer Bedeutung und Tragweite für die Praxis des Gottesdienstes war: Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil fand Mitte des 20. Jahrhunderts eine Reformierung des Gottesdienstes statt, die in der religionssoziologischen Forschung nur sehr zögerlich aufgenommen und verarbeitet wurde. Zentrales Element der Liturgiereform war hierbei der Ansatz der „aktiven Teilnahme“. Die Anwesenden sollten in der Folge zu Mitfeiernden gemacht werden und das Geschehen im Gottesdienst sollte sich daran orientieren, dass jeder „aktiv teilnehmen“ kann. Dies hat weitreichende Änderungen zur Folge, von der Praxis des Gottesdienstes selbst bis hin zur Architektur neuer Kirchengebäude. In der Theologie wie auch unter religiösen Laien ist diese Reform nach wie vor stark diskutiert und umstritten.
Umso lohnenswerter scheint es, die Liturgie und deren Reform auch soziologisch zu analysieren. Zudem die Veränderungen wohl nicht ohne Auswirkungen auf das Glaubensverständnis der mithin „Teilnehmenden“ sind. Et vice versa wurde in der Liturgiereform auch ein neues Glaubensverständnis aufgenommen und fortgeführt. So wird zu überprüfen sein, inwiefern die religiöse Individualisierung Einfluss nimmt auf das Geschehen im Gottesdienst – und wie das Geschehen im Gottesdienst die religiöse Individualisierung fortschreibt. Durch eine qualitative Untersuchung sowohl der Liturgie wie auch des (theologischen) Diskussionsstandes, soll diesen Fragen intensiv nachgegangen werden. Eine grundlegende Aufarbeitung der christlich-liturgischen Praxis und deren Transformation in der Moderne, scheint wesentlich zu sein für eine Religionssoziologie, die sich lösen will von der bloßen Feststellung eines religiösen Diffusionsprozesses.

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