Universität Erfurt

Max-Weber-Kolleg

Matthias Engmann: Doktorand am Max-Weber-Kolleg

Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien
Universität Erfurt
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Büro: Nordhäuser Str. 74, 99089 Erfurt
Forschungsgebäude 1 (Haus 27 - Gelände Helios Klinikum), Raum 0212

Forschungsprojekt

Konzeption der Innerlichkeit des frühen und mittleren Kierkegaard mit besonderer Berücksichtigung der „Erbaulichen Reden“ von 1843 bis 1847

Innerlichkeit ist ein zentrales Motiv kierkegaardscher Philosophie, in dem im umfassendsten als auch konkretesten Sinne das Verhältnis des Menschen zu sich selbst als auch das Verhältnis zu Gott seinen Ausdruck findet. Ziel meines Dissertationsprojekts soll es sein, die Argumentationsstrukturen, systematischen Voraussetzungen, hermeneutischen Konstituenten, Erscheinungsweisen, Vermittlungsstrategien und die Bedeutung der Innerlichkeit innerhalb des kierkegaardschen Frühwerks, vor allem in den „Erbaulichen Reden“, zu analysieren. Davor stellt sich nicht nur die Frage, was das Innen sei, sondern auch die Frage, wie die Subjektivität sprachlich vermittelt werden kann, was Kierkegaard eingehend mit der Strategie der indirekten Mitteilung thematisiert. In meiner Arbeit soll – kurz gesagt – das Was und Wie der Innerlichkeit betrachtet werden: was unter ihr zu verstehen ist und wie ihr Inhalt mit dem Wie der Form (ihrer Vermittlung) korreliert.

Zwar wird die Innerlichkeit bei Kierkegaard in der Sekundärliteratur vielfach implizit thematisiert, jedoch zeigt sich, dass stillschweigend ein Verständnis von Innerlichkeit vorausgesetzt wird, es also klar sei, was mit Innerlichkeit gemeint ist. Ein Defizit, dem abgeholfen werden soll. Denn Innerlichkeit gestaltet sich bei Kierkegaard als eine philosophisch-theologische Konstruktion, die, gerade weil sie das gesamte Œuvre des Dänen durchzieht, verschiedenste Ausformungen erfährt. So bedeutet Innerlichkeit bei Kierkegaard nicht nur – wenn auch vorrangig – ein Verharren des Individuums in Immanenz, sondern auch das Heraustreten aus sich selbst, um ethisch zu handeln. Es geht nicht nur um eine subjektimmanente Individuation, sondern auch um Lebensgestaltung. Dass die Innerlichkeit bisher in expliziter Weise nur wenig verhandelt wurde, lag u. a. an der kaum vorhandenen Auseinandersetzung mit den „Erbaulichen Reden“. Doch gerade in diesen homiletischen Schriften, neben der „Unwissenschaftlichen Nachschrift“, kommt die Innerlichkeit in aller Reflektiertheit zum Vorschein.

Da der Schwerpunkt meiner Arbeit auf dem Philosophischen liegt, ist eine Abhandlung über die „Erbaulichen Reden“, im Gegensatz zu den späten genuin christlichen Reden und Schriften (ab 1847), besonders lohnenswert. Während die frühen Werke noch unter philosophischen Gesichtspunkten das Christ-Werden thematisieren, sind die späten Schriften in ihrer Argumentation nur vom Standpunkt des Christ-Seins her zu verstehen. So wird in den „Erbaulichen Reden“ anhand des Mensch-Welt-Verhältnisses nach den ontologischen und anthropologischen Konstituenten des Menschseins gefragt, hinter denen ein Grund für alle Menschen waltet: Gott. Innerlichkeit gestaltet sich als das Wesensmerkmal, das alle Menschen eint. Die „Erbaulichen Reden“ sind daher nicht nur philosophisch-theologische Abhandlungen, die Kierkegaard als Denker, der vom Religiösen her denkt, charakterisieren, sondern auch Schriften, die das Allgemein-Menschliche in den Blick nehmen.

Das Konzept der Innerlichkeit hat in der philosophischen und theologischen Ideengeschichte vielfach Ausprägung erfahren: von der innerlichen Kontemplation der Stoa über die Innerlichkeit als Inversionsbewegung zu Gott bei Augustinus bis hin zu Kierkegaard und über ihn hinaus, z. B. in Heideggers „Eigentlichkeit“. Für meine Arbeit sollen vornehmlich vier ideengeschichtliche Kontexte einbezogen werden, auf die sich Kierkegaard direkt oder indirekt bezieht: Stoa, Augustinus, Meister Eckehart und Luther. Im Gegensatz zu diesen gestaltet sich die Innerlichkeit bei Kierkegaard als ein Widerspruch: als Bewegung und Ruhe. In der Nivellierung von Welt und Zeit (dem Endlichen) soll der Einzelne im Innen ein Negationsverhältnis zu sich selbst eingehen, um indirekt Gott (das Unendliche) präsent werden zu lassen. Jedoch ist die Selbst-Überwindung nicht nur eine unendliche Bewegung auf der Stelle, weil das Selbst sich selbst zu negieren versucht, sondern auch ein Widerspruch, der nur durch Gottes Hilfe aufgelöst werden kann. Die kierkegaardsche Innerlichkeit ist Ausdruck von Streben, Scheitern und Hoffen und umspannt des Menschen Situation als weltzugehöriges Wesen, wie sie seit Platon in der Philosophie betrachtet wird.

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