University of Erfurt

Max-Weber-Kolleg

Prof. Dr. Richard Gordon: Kooptierter Gastwissenschaftler der Kolleg-Forschergruppe

Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien
Universität Erfurt
Postfach 900221
99105 Erfurt

Büro: Nordhäuser Str. 74, 99089 Erfurt
Forschungsgebäude 1 (Haus 27 - Gelände Helios Klinikum), Raum 0111

Forschungsprojekt von Prof. Dr. Richard Gordon:

Griechisch-römische Magie

Geographische Mobilität und Schriftlichkeit sind die zwei wichtigsten Motoren der Individualisierungsprozesse in der Magie, die in diesem Projekt beleuchtet werden soll. Weder Familientradition noch implizite Normen gelten in der Fremde; der Konkurrenzdruck zwingt den Praktiker, neue Rezepte und Verfahren zu entwickeln, neue Handlungsnischen zu entdecken. Aus dem Dorf-rhizotomos bzw. Geisterbeschwörer wird allmählich ein umherziehender Magier, ein Wissender, ein Experte, der, wie Empedokles, Pankrates oder Mithrobarzanes, eine ganze Reihe von außergewöhnlichen Fähigkeiten und Wundertaten anbietet. Eine wichtige Rolle bei solchen Innovationsprozessen spielen Techniken bzw. Modelle, die aus der Welt des kollektiv-legitimen Wissens übertragen werden (v.a. Sprüche, Redewendungen, Divinationstechniken, Krankheitsbilder, Götternamen).
Abgesehen von der Fixierung bzw. Inventarisierung von Rezepten und magischen Formeln und einer ganzen  Reihe von paragraphischen Verstellungsmodi, ermöglicht Schriftlichkeit sowohl das Zusammenfügen bzw. Verschmelzen grundverschiedener magischer Traditionen (z.B. die gräko-ägyptischen magischen Papyri) und  verwandter okkulter Wissenspraxis (z.B. Astrologie/Planetenlehre) als auch die Artikulation neuer Theorien (z.B. die Naturmagie des pseudo-Demokrits auf der Basis der stoischen Sympathie-Lehre; onomata barbarika als eine Göttersprache, die eine direkte Verbindung zwischen Magier und dem himmlischen Adressaten herstellt). Weitere Folgen sind die Entwicklung neuer Divinationsverfahren, die auf Schriftlichkeit basieren (sortes Astrampsychi; Demokrits Sphära; das „Zaubergerät von Pergamum“); die zunehmende Ausblendung der pharmakologischen Komponente ritueller Handlungen zugunsten der Invokation, insbesondere deren am leichtesten routinisierbares Charakteristikum, des onoma barbarikon; und die Verbreitung neuer Amulettentypen, deren Wirkung grundsätzlich eine schriftliche ist. Durch Schriftlichkeit wurde nicht nur das „magische Gedächtnis“ enorm vergrößert, mit entsprechender Erweiterung der Verfahrensmöglichkeiten, die Praxis der Magie wurde zunehmend marktorientiert.

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