Universität Erfurt

Max-Weber-Kolleg

Timo Leimbach: Doktorand am Max-Weber-Kolleg

Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien
Universität Erfurt
Postfach 900221
99105 Erfurt

Büro: Nordhäuser Str. 74, 99089 Erfurt
Forschungsgebäude 1 (Haus 27 - Gelände Helios Klinikum), Raum 0207

Vita

geb. am 14. Mai 1985 in Eschwege

SS 2005 bis SS 2009 Studium der Fächer Geschichte und Latein auf Lehramt an Gymnasien

Thema der Staatsexamensarbeit: "Die Novemberrevolution 1918/19 im Spiegel zeitgenössischer Memoiren"

WS 2009/10 Wissenschaftlicher Mitarbeit am Historischen Institut der Friedrich-Schiller-Universität Jena am Lehrstuhl Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts bei Prof. Dr. Hans-Werner Hahn

seit SS 2010 Doktorand am Max-Weber-Kolleg mit dem Dissertationsprojekt: "Auf direktem Weg vom linksregierten Reformland zum nationalsozialistischen Experimentierfeld? Eine Untersuchung zu Chancen und Problemen der Entwicklung einer 'parlamentarischen Kultur' unter schwierigen Ausgangsbedingungen am Beispiel des Landes Thüringen 1920-1932"

Betreuer: Prof. Dr. Dieter Gosewinkel (Max-Weber-Kolleg), Prof. Dr. Hans-Werner Hahn (Universität Jena)

Forschungsprojekt

Chancen und Grenzen „parlamentarischer Kultur“ unter schwierigen Ausgangsbedingungen. Der Landtag von Thüringen 1920-1933

Ausgehend von der Perspektive ihres Scheiterns und dessen Folgen konzentrierte sich die Untersuchung der Weimarer Republik fast ausschließlich auf die Hypotheken und dysfunktionalen Aspekte ihrer politischen Institutionen. Demgegenüber gehen jüngere Studien dazu über, auch stärker ihre funktionierenden Elemente zu betonen und sich damit zusehends einer „Normalgeschichte“ der ersten deutschen Demokratie anzunähern. Eine wichtige, nicht unumstrittene Arbeit dieser neuen Tradition bildet Thomas Mergels Untersuchung zur „Parlamentarischen Kultur“ im Reichstag, dessen alltäglicher Praxis er ein überraschend positives Zeugnis ausstellt. Jenseits älterer Thesen von struktureller Blockade und „Selbstentmündigung“ rekonstruiert Mergel einen alle Parteien von der SPD bis zur DNVP umfassenden, bis 1930 die parlamentarische Arbeit gewährleistenden Grundkonsens, der nicht nur an den systemfeindlichen Flügelparteien, sondern vor allem an äußeren Faktoren zerbrach. In seiner dezidiert kulturgeschichtlich angelegten Studie eröffnet Mergel nicht nur neue Einblicke in den politischen Alltag der Weimarer Epoche, sondern offenbart auch die bislang eher randständige Behandlung ihrer politischen Institutionen. Dieses Defizit setzt sich auf der Ebene der Länder nahtlos fort, deren Volksvertretungen als zentrale Entscheidungsträger praktisch unerforscht sind: Zu den insgesamt 27 Länderparlamenten liegen lediglich zwei nennenswerte Studien vor, die mit Preußen und Baden zudem zwei von untypischer Stabilität geprägte Beispiele zum Gegenstand haben.

In diesem Rahmen stellt eine Untersuchung des Landtags von Thüringen 1920-1933 nicht nur eine quantitative, sondern überdies eine qualitative Erweiterung dar, indem sie sowohl die badisch-preußischen Idealtypen als auch die revidierte Bewertung des Reichstags mit einem ungleich krisenhafteren Entwicklungsszenario kontrastiert: Denn während in Baden und Preußen die demokratischen Mittelparteien der Weimarer Koalition fast ununterbrochen über eine stabile Mehrheit verfügen, zeichnet sich in Thüringen frühzeitig eine extreme Lagerpolarisierung zwischen Arbeiterparteien und Bürgertum ab, die lediglich eine Links- oder Rechtsregierung unter Einschluss der extremen Parteien – KPD und NSDAP – zulässt und auf dem Höhepunkt des Konflikts sogar das militärische Eingreifen des Reiches nach sich zieht.

Aufgrund dieser besonderen Ausgangspositionen verspricht eine Betrachtung der Thüringer Volksvertretung zum einen eine Erweiterung und Differenzierung im Wissen um parlamentarische Systeme und Entwicklungsszenarien der Zwischenkriegszeit. Durch die Erweiterung etablierter Fragestellungen um eine kulturgeschichtliche Perspektive soll zum anderen untersucht werden, ob sich die extreme Dysfunktionalität des Thüringer Landtags in ähnlicher Weise relativieren lässt, wie dies am Beispiel des Reichstags gelungen ist. Zuletzt soll jedoch Mergels Befund einer von lagerübergreifendem Konsens geprägten parlamentarischen Kultur nicht ungeprüft übernommen, sondern vielmehr kritisch auf seine Aussage- und Tragfähigkeit für das realpolitische Funktionieren der Weimarer Republik hin befragt werden.

Publikationen

  • Timo Leimbach (Bearb.), "Habe ich verkehrt gelebt?" – Karin Schrappe, in: Agnès Arp/ Annette Leo (Hg.), Mein Land verschwand so schnell… 16 Lebensgeschichten und die Wende 1989/90, Weimar 2009, S. 137-149.
  • Carolin Mittenentzwei/ Timo Leimbach, Wende-Bilanzen, in: Agnès Arp/ Annette Leo (Hg.), Mein Land verschwand so schnell… 16 Lebensgeschichten und die Wende 1989/90, Weimar 2009, S. 195-207.

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