Universität Erfurt

Lehrstuhl für Islamwissenschaft

Südasien

Muslimische Kulturen in Südasien

Eine nicht zu unterschätzende Zahl muslimischer Migranten in Europa, vorrangig in Großbritannien, kommt aus den Ländern Südasiens, insbesondere aus Indien, Pakistan und Bangladesch. Zudem ist in dieser Region eine der weltweit größten Konzentrationen an muslimischer Bevölkerung vorhanden.

Die Beschäftigung mit den muslimischen Kulturen in Südasien im Rahmen der Islamwissenschaft an der Universität Erfurt dient beispielhaft dazu, die Brücke zwischen muslimischen Minderheitsgesellschaften in Europa und ihren Herkunftsgesellschaften zu schlagen. Einer der Gründe für die Wahl dieses regionalen Schwerpunktes ist, daß gerade im 19. und 20. Jahrhundert von dort wesentliche Impulse ausgegangen sind, die das Denken in vielen anderen muslimischen Gesellschaften nachhaltig beeinflußt haben. Man denke in diesem Zusammenhang etwa an die Kontroverse um Salman Rushdie, oder auch an Abu l-A'la Mawdudi, einen der Vordenker des modernen politischen Islam.
Ein anderer Grund liegt darin, daß in der deutschsprachigen Islamwissenschaft ein großer Nachholbedarf in der Erforschung dieser Kulturen besteht. In dieser Hinsicht wird durch die Erfurter Islamwissenschaft Pionierarbeit geleistet.
Besonderes Gewicht bei der Beschäftigung mit muslimischen Kulturen in Südasien wird auf folgende Punkte gelegt:

* Das 17. bis 19. Jahrhundert: Die Zeit zwischen 17. und 19. Jahrhundert markiert den Wendepunkt zur "Neuzeit": Es ist die Zeit der Auflösung der muslimischen Großreiche und der Entstehung neuer Territorialfürstentümer. Es ist auch die Zeit der Entstehung neuer sozialer Gruppen und auch die Zeit der kulturellen Auseinandersetzung mit den europäischen Kolonialmächten. Es ist schließlich die Zeit des beginnenden Reformdenkens innerhalb der muslimischen Bildungseliten. Eine genaue Kenntnis dieser Prozesse ist also generell notwendig für das Verstehen aktueller Entwicklungen und Tendenze
       
* Sufitum und Ordensgeschichte: Die Islamisierung des Subkontinents wurde in erster Linie durch Angehörige sufischer Bruderschaften erreicht. Zu allen Zeiten bis heute wohnt diesen Gemeinschaften, die sich oftmals an den Rändern des orthodoxen Religionsverständnisses befinden, ein bedeutendes kulturelles, soziales und politisches Reformpotential inne. Die Verbindungen dieser Gruppen reichen heute auch bis nach Europa hinein.

* Literatur: Ähnlich wie in Europa haben auch die Muslime in Südasien eine reiche Literatur hervorgebracht, sei es in der Poesie, im Roman oder in der Kurzgeschichte. Da diese Literatur gesellschaftsrelevante Aussagekraft hat, kann sie als Quelle für die Rekonstruktion der Sozialstruktur muslimischer Gesellschaften dienen.

* Raumkonzeptionen: Die Frage, die sich hinter diesem Schwerpunkt verbirgt, hängt untrennbar mit der Problematik von "Selbst- und Fremdwahrnehmung" zusammen. Gibt es beispielsweise "die islamische Stadt" tatsächlich, oder ist ein solches Konzept nicht vielmehr ein Konstrukt westlicher Wissenschaften? Welche Rolle spielt die räumliche und soziale Ausgrenzen? Zentrale Stichworte in diesem Zusammenhang sind u.a. "Orientalismus" und "Kommunalismus".

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