Kröners Wörterbuch der Religionen
Vollständig neu hrsg. von Ch. Auffarth, H.G. Kippenberg und A. Michaels
Erscheinungsdatum: voraussichtlich 2002
Auswahl einiger Einträge von Kocku von
Stuckrad
Alchemie
Astrologie
Esoterik
Hermetik
Juden
Kabbala
Magie
Alchemie, neben Magie und Astrologie die dritte „Grundwissenschaft“ der ->Esoterik. Der Begriff wird meist von ägypt. chema „das Schwarzerdige“ und dem arab. Artikel al hergeleitet, alternativ von griech. chymos/chymeía „Fluss, Vermischung“. Wissenschaftliche Ansichten über ihr Wesen sind so zahlreich wie alchemist. Schulen. Als gesichert kann gelten, dass die Wurzeln der A. im hellenist. Ägypten liegen, von wo sich jenes mag.-philosoph. Wissen über die monotheist. Religionen verbreitete und A. als Vorläuferin und Begleiterin der modernen Chemie zum festen Bestandteil europ. Kultur wurde. Parallel dazu entfaltete sich die A. auch im Nahen Osten, in China und Indien. Grundlegend ist stets die Annahme, dass alle sichtbare Materie, dass Mineralien, Pflanzen, Tiere, Planeten oder Menschen, Erscheinungsweisen einer einzigen, grundlegenden und essenziellen Substanz sind. Nach alchemist. Auffassung machen drei Qualitäten, die auch „philoso-ph. Prinzipien“ genannt werden, die individuellen Eigenschaften jeder materiellen Erscheinung aus: Sal (Salz), Sulfur (Schwefel) und Merkur (Quecksilber). Damit sind indes nicht die gleichnamigen chem. Stoffe gemeint, sondern immaterielle Gestaltungsprinzipien, deren Mischungsverhältnisse den spezif. Charakter jeder sichtbaren Erscheinung bestimmen. A. ist aus diesem Grunde am Besten als Naturphilosophie anzusprechen, die gleichwohl in eine religiöse Praxis mündet, indem das Wissen um die Korrespondenzen dazu verwendet wird, einen äußeren und inneren Transformationsprozess des Adepten einzuleiten. Die geläufige Ansicht, die A. habe lediglich mit der Gewinnung von Gold aus minderwertigen Metallen zu tun, verkennt demnach den inneren religiösen Weg des Alchemisten, der oftmals das eigentliche Thema darstellt. Die westl. A. wurde wesentlich durch jüd. Frauen und Männer inspiriert, angefangen mit Maria der Jüdin und ihrem Schüler Zosimus (um 300 n.Chr.), über die ->Kabbala bis hin zu Jakob Emden (1697–1776) und Gelehrte des 19. Jh.s. Im Islam wurde die A. seit jeher intensiv praktiziert. Berühmt ist Jabir ibn Chayyan, genannt „Geber“, aus Konfa am Euphrat (gest. um 815 n.Chr.), der 3000 Werke verfasst haben soll. Von Avicenna (Ibn Sina, 980–1037 n.Chr.) waren ebenfalls alchemist. Schriften im Umlauf, die jedoch nicht erhalten sind. Schließlich verdankt auch das Christentum der A. nachhaltige Impulse, und sowohl in der Medizin (->Paracelsus, 1493–1541), die hier Spagyrik genannt wird, als auch in Mystik und Magie (->Freimaurer ->Rosenkreuzer) wirkte christl. Semantik nach der Renaissance auf die Geschichte der A. ein. ->Esoterik. K.v.S.
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Astrologie, griech. für „Sternkunde“, Lehre vom Zusammenhang zwischen Tierkreis (Zodiak), den Bewegungen der Gestirne bzw. Planeten und der ird. Sphäre. Der A. stellt sich dabei nicht die Frage nach dem kausalen Einfluss der Astralebene auf die Welt, wie verschiedentlich angenommen wurde. Vielmehr liegt ihr das Entsprechungsdenken der Esoterik zu Grunde, nach dem die Gestirne Kräfte symbolisieren, die gleichzeitig auf anderen Ebenen der Wirklichkeit anzutreffen sind („Wie oben, so unten“, ->Mikrokosmos, Makrokosmos). In den Bewegungen von Sonne, Mond und Planeten zeigt sich eine immer wechselnde Dynamik von Kräften, deren Entsprechungen die A. untersucht. Deshalb kann die A. auch als „gedeutete Zeit“ betrachtet werden. Das Horoskop als wichtigstes Werkzeug ist dabei die Momentaufnahme eines bestimmten Zeitpunktes (Geburt, Vertragsabschluss etc.), dessen Eigenschaften von der A. beschrieben werden. Viele, mitunter hochgradig spezialisierte Zweige der A. thematisieren unterschiedliche Korrespondenzen: Die Entsprechungen zwischen Astralebene und Ländern, Völkern, Städten wird von der Mundana. behandelt, die Korrespondenzen auf individueller Ebene von der Geburtshoroskopie (Genethlialogie), auf körperlicher und medizin. Ebene von der Melothesie. Die günstigen Zeitpunkte für polit. oder wirtschaftliche Unternehmungen eruiert die Katarchena.Lit.: A. Bouché-Leclercq, L’Astrologie Grecque, 1899. - F. Cumont, L’Egypte des astrologues, 1937. - F.H. Cramer, Astrology in Roman Law and Politics, 1954. - T. Ring, Astrolog. Menschenkunde. 4 Bde., 1956–73. - W. u. H. G. Gundel, Astrologumena. D. astrolog. Literatur i. d. Antike u. ihre Geschichte, 1966. - W. Knappich, Geschichte d. A., 21988. - B.L. v. d. Waerden, D. Anfänge d. Astronomie. Erwachende Wissenschaft 2, 1968. - F. Boll, Sternglaube u. Sterndeutung. D. Geschichte u. d. Wesen d. A., 61974. - T. Barton, Ancient Astrology, 1994. - K. v. Stuckrad, D. Ringen um d. A. Jüd. u. christl. Beiträge z. ant. Zeitverständnis, 2000.
Esoterik, geistesgeschichtliche Tradition, die die Entwicklung der europ. Religionen von der Antike bis zur Gegenwart begleitete und immer wieder entscheidend prägte. Der Begriff wurde im 19. Jh. populär und dient heute zur Beschreibung eines Phänomens, das man früher auch „->Okkultismus“ nannte.Lit.: T. Dethlefsen, Schicksal als Chance. D. Urwissen zur Vollkommenheit d. Menschen, 1976.- H.-D. Leuenberger, Das ist E. Eine Einf. i. esoter. Denken u. d. esoter. Sprache, 1986. - A. Faivre/J. Needleman (Hg.), Modern Esoteric Spirituality, 1992. - A. Faivre, The Eternal Hermes: From Greek God to Alchemical Magus, 1995. - W.J. Hanegraaff, New Age Religion and Western Culture. Esotericism in the Mirror of Secular Thought, 1996. - A. Faivre, E., 1996. - E. Runggaldier, Philosophie d. E., 1996. - R. van den Broek/W.J. Hanegraaff (Hg.), Gnosis and Hermeticism from Antiquity to Modern Times, 1998. - A. Faivre/W.J. Hanegraaff (Hg.), Western Esotericism and the Science of Religion, 1999. - M. Neugebauer-Wölk (Hg.), Aufklärung u. E., 1999.
Hermetik, antike religiöse Richtung, die sich auf die legendären Offenbarungen des Hermes Trismegistos (griech. „Dreimalgrößter Hermes“) beruft. Erste hermet. Schriften zirkulierten um 300 v.Chr. in Ägypten, wo Hermes als Hermes-Thot und Gott der Priester und Schreiber bekannt war. Trotz des älteren ägypt. Kerns entfaltete sich die eigentl. H. erst im 2.–3. Jh. n.Chr. durch die Verbindung von Neuplatonismus und jüd.-christl. Gedankengut, vielleicht als Spaltung der neuplaton. Philosophie in eine philosoph. (Plotin) und eine christl. Richtung. Letztere ist in Nag-Hammadi greifbar. An Schriften sind zu unterscheiden die älteren disparaten Hermetica, die v. a. mag. und astrolog. Inhalts waren, und das sog. „Corpus Hermeticum“, das aus 18 Schriften bestand, die im gnost. Christentum hohen Stellenwert besaßen. Die H. kann als eine Grundlage der ->Esoterik betrachtet werden. K.v.S.Lit.: Bibl.: A.G. Blanco, in: ANRW II.17.4, 2240-2281, 1984. - G. Kroll, D. Lehren d. Hermes Trismegistos, 1914. - A.-J. Festugière/A.D. Nock (Hg.), Corpus Hermeticum, 3 Bde., 1946–54. - G. Fowden, The Egyptian Hermes, 1986. - B.P. Copenhaver, Hermetica. The Greek Corpus Hermeticum and the Latin Asclepius, 1992. - C. Colpe/J. Holzhausen, D. Corpus Hermeticum deutsch, 2 Bde., 1997. - R.v.d. Broek/W.J. Hanegraaff (Hg.), Gnosis & Hermeticism from Antiquity to Modern Times, 1997. - E. Hornung, D. esoter. Ägypten. D. geh. Wissen d. Ägypter u. sein Einfluß auf d. Abendland, 1999.
Juden, Name der Anhängerinnen und Anhänger jener Religion, die sich genealog. auf Abraham und Sarah (Isaak und Rebecca, Jakob, Leah und Rachel), religiös auf Mose beruft, der am Berg Sinai Gesetzestafeln und Torah erhalten habe. Die Torah als zentraler Bezugspunkt regelt die monotheist. Theologie, das besondere Verhältnis des Einen Gottes JHWH zum jüd. Volk (auch „Israel“ genannt, mit dem Gott einen Bund geschlossen hat) sowie die besondere Konzeption der jüd. Heilsgeschichte, für die v. a. die Begriffe „Exil“ und „Restauration“ prägend wurden. Abgesehen von diesen allgemeinen Bestimmungen ist festzuhalten, dass jede Definition des Judentums falsch sein muss, da es stets eine Vielzahl von Judentümern gab, die keiner autoritativen Instanz untergeordnet waren. Im Gegenteil: Die Geschichte der J. kann als eine Auseinandersetzung mit den religiösen und sozialen Implikationen jener Grundbestimmungen betrachtet werden. Im Verlauf dieser etwa 3000-jährigen Geschichte entfalteten verschiedene Interpretationen – bzw. die sie tragenden jüd. Gruppierungen – ihren je eigenen Einfluss.1. Von den Anfängen bis zum
Ende der Zeit des Zweiten Tempels. Über die vorstaatliche Zeit des
alten Israel ist auf Grund spärlicher Quellen nur wenig bekannt. Man
hat bis zum 11./10. Jh. v.Chr. von einer heterogenen Stammeskultur auszugehen,
die sich erst langsam durch eine stärkere Identifikation mit übergreifenden
religiösen und polit. Konstruktionen vereinheitlichte. Für das
spätere Judentum wurde v. a. die Jerusalemer Tradition leitend, und
zwar einmal im Sinne des Königtums, das ->David im 10. Jh. konstituierte,
daneben in kult. Hinsicht, indem die Tempelpriesterschaft zur maßgebenden
Instanz wurde, die versuchte, Definitionshoheit über die Volksreligion
zu gewinnen, was nicht uneingeschränkt gelang, da kanaanäisch-phöniz.
Traditionen noch lange Zeit attraktiv blieben. Nachdem Nebukadnezar 587/86
v.Chr. den Salomon. Ersten Tempel zerstört und weite Teile der judäischen
Oberschicht nach Babylonien exiliert hatte, wurde der Alleinherrschaftsanspruch
JHWHs von diesen Gruppen zunehmend offensiv vertreten, also ein Monotheismus,
den man dem geläufigen Henotheismus der benachbarten Volksgruppen
gegenüber stellte. Die Exilszeit war insofern für die spätere
Ausformulierung jüd. Weltdeutung konstitutiv. Als der pers. König
Kyros 538 v.Chr. die Heimkehr der Exilierten und den Wiederaufbau des Jerusalemer
Tempels (des sog. Zweiten Tempels) erlaubte, etablierte sich in der Auseinandersetzung
zwischen Exilsgemeinden, die in Babylonien verblieben waren, der neuen
Priesterelite sowie den Altjudäern und Altisraeliten zunehmend eine
einheitliche jüd. Religion (->Esra ->Nehemia). Der Name „Jude/Judäer“
mit Ausweitung der ethn.-territorialen Bedeutung über Juda hinaus
entstand zwar in dieser Zeit, als Eigenbezeichnung der Religion dient indes
bis heute i.d.R. ->„Israel“. Das wichtigste Merkmal der Zeit des Zweiten
Tempels ist die Herausbildung einer distinkten religiösen Tradition,
die sich durch ->Beschneidung, Sabbatheiligung, Tempelkult sowie bestimmte
rituelle Vorschriften über rein und unrein von der Umgebung abhob.
Alexander d. Gr. erkannte 332 v.Chr. die Tempelstaats-Provinz Judäa
mit ihrer Trennung von Monarchie und Hierokratie im Grunde an, und in der
Folgezeit kam es zu einer Durchdringung der jüd. Welt mit hellenist.
Traditionen und Strukturen. Eine bisweilen behauptete Dichotomie „Judentum
vs. Hellenismus“ hat es nicht gegeben, wohl aber eine innerjüd. Kontroverse
über das Ausmaß der Respektierung und Adaptierung fremder Kulte.
Diese Auseinandersetzung eskalierte im 2. Jh. v.Chr., als durch die Religionsverfolgungen
unter Antiochus IV. Epiphanes (175–64) starke Gegenkräfte mobilisiert
wurden, was in den Aufstand der ->Makkabäer mündete. Unter den
Hasmonäern verhärteten sich die Positionen weiter, bes. die Priesterelite,
die gegen die Personalunion von Hohepriester und König kämpfte,
war gespalten (->Zadokiden ->Sadduzäer ->Oniaden ->Qumran). Weitere
polit.-religiöse Gruppen traten auf den Plan, unter ihnen die sog.
->Pharisäer und ->Essener. Insgesamt ist eine enorme Zunahme endzeitlich-apokalypt.
Orientierungen zu verzeichnen, welche die Vergangenheit, namentlich die
Thematik von Exil und Restauration, für die gegenwärtige Interpretation
der Heilsgeschichte theolog. und messian. überhöhten. Nachdrücklich
verschärft wurde eine solche Deutung, als 64 v.Chr. die Römer
der hasmonäischen Hoheit und damit dem jüd. Staat ein Ende setzten.
Auch ->Herodes d. Gr. und seinen Nachfolgern gelang es nicht, die Konflikte
zu beruhigen, sodass sich nicht nur die radikalen ->Zeloten, sondern auch
andere jüd. Gruppierungen in den Krieg gegen Rom ziehen ließen,
der aus Sicht dieser Gruppen durch die kult. Verunreinigung des Tempels
(etwa durch die Aufstellung einer Herrscherstatue unter Caligula [37–41])
unausweichlich war. 66 kam es zum offenen Krieg, der 70 in der Einnahme
Jerusalems und der Zerstörung des Tempels durch Titus gipfelte. 73/74
fiel die letzte Bastion der Rebellen auf ->Massada.
Insgesamt ist für diese
Epoche festzuhalten, dass die griech. Bezeichnung Ioudaios „Judäer/Jude“
alles andere als klar definiert war, Gruppenzuschreibungen – selbst bei
den TeilnehmerInnen großer kult. Ereignisse – der jeweiligen kontextgebundenen
Konstruktion unterlagen (s. Cohen 1999).
2. Talmud. Periode (ca. 70 n.Chr. – ca. 638 n.Chr.). Da für die Antike also nicht von einem klar definierten „Judentum“ gesprochen werden kann, wird die talmud. Periode häufig als die „formative“ Phase des Judentums bezeichnet, die jenes religiöse Gebilde erst entstehen ließ, welches bis heute das Judentum kennzeichnet. Durch die Zerstörung Jerusalems und des Tempels war die gesamte bisherige jüd. Religions- und Sozialordnung in Frage gestellt. Die Priesterschichten waren ihrer Arbeits- und Lebensgrundlage beraubt, viele ihrer Mitglieder, wie bei Angehörigen radikal apokalypt. Gruppen auch, getötet oder als Kriegsgefangene und Sklaven verkauft. Auch wenn während der Diaspora-Aufstände 115–17, stärker dann im zweiten Krieg gegen Rom (->Bar Kochba, 132–35), noch einmal apokalypt. Erwartungen aktiviert werden konnten, gelang es im 1. Jh. n.Chr. doch nur den gemäßigten Kreisen, die sich aus Pharisäern und einzelnen Mitgliedern anderer Gruppen zusammensetzten, einen religiösen und polit.-sozialen Neuanfang in die Wege zu leiten. Erste Maßnahmen eines von den Römer kontrollierten ->Sanhedrin zielten in Jabne auf die Sicherung jüd. Lebens und die Kontinuität maßgeblicher Traditionen. Diese wurden auch bald schriftlich festgelegt, womit die Zeit der ->Rabbinen angebrochen war. In mehreren Schritten etablierte sich das rabbin. Judentum, zunächst mit der Redaktion der ->Mischna, später dann durch die Schaffung eines komplexen Textkorpus aus ->Talmud und ->Midrasch. Nach dem gescheiterten Bar-Kochba-Aufstand, als Jerusalem für die Juden zur verbotenen Stadt wurde, entfalteten die palästin. Lehrhäuser der Rabbinen mit ihrem Patriarchen in Tiberias weiterhin die Tradition der ->mündlichen Torah, die nun auch nach Babylonien hin auszustrahlen begann. Daneben zeugen zahlreiche Synagogenbauten in Palästina von einem neu erwachenden religiösen Leben. Erst mit der fortschreitenden Christianisierung des Röm. Reiches, v. a. nach der sog. „Konstantin. Wende“, mehrten sich die Übergriffe gegen Juden, die christlicherseits bald mit Häretikern gleichgesetzt wurden. Um 425 n.Chr., als der Patriarch Gamaliel IV. gestorben war, wurde der zentrale Sanhedrin und das System des Patriarchats insgesamt aufgehoben, womit sich der Schwerpunkt jüd. Geistigkeit nach Babylonien verschob. Dort, im Partherreich, lagen die polit.-religiösen Vollmachten weit gehend in der Hand des sog. Exilarchen, der dem rabbin. Judentum stark verbunden war. Unter den Sassaniden entwickelten sich die großen rabbin. Lehrhäuser in Nehardea, Pumbeditha und Mahoza, deren Häupter (->Geonim) gemeinsam mit dem Exilarchen die jüd. Geschicke bestimmten. Da auch unter Chosroes II. (590–628) das Verhältnis zwischen Juden und Persern auf Toleranz beruhte, war das blühende babylon. Judentum der radikalen Veränderung durch die islam. Eroberung (632–41) weitaus besser gewachsen, als dies in Palästina der Fall war.
3. Mittelalter (ca. 638–1492).
Im Unterschied zur talmud. Periode mit seiner starken Konzentration auf
Palästina und Babylonien zeigt sich seit dem frühen MA eine Tendenz
zur Ausdifferenzierung jüd. Lebens innerhalb sehr unterschiedlicher
Diasporasituationen. Zu unterscheiden ist dabei einmal zwischen dem christl.
und dem islam. Herrschaftsgebiet, ferner zwischen lokalen Kontexten, die
insgesamt sehr disparat waren. Eine grobe Darstellung ergibt folgendes
Bild: Im Zuge der islam. Eroberung wurden die alten jüd. Zentren Palästina
und Babylonien mit einem großen Teil des Mittelmeergebietes polit.
vereint, eine Einheit, die bis zum Zerfall des Kalifenreiches im 11. Jh.
Bestand hatte. Die hohe Reputation der rabbin. Lehrhäuser in Babylonien
wurde weiter ausgebaut, der babylon. Talmud stieg zur kanon. Quelle jüd.
Rechts auch in der Diaspora auf. Die islam. Herrscher respektierten das
Judentum als „Buchreligion“, sodass eine relativ freie Ausübung von
Religion und Wissenschaft gewährleistet war. Durch die weitere Ausdehnung
der islam. Welt kam es zur Migration vieler Juden nach Westen, von Ägypten
über Nordafrika bis nach Spanien, wo sich bald ein äußerst
lebendiges geistiges Zentrum jüd. Lebens entwickelte, welches nach
dem Niedergang der babylon. Lehrhäuser im 12. Jh. zur bestimmenden
religiösen Kraft avancierte (->Sefardim). In Spanien und Südfrankreich
entwickelte sich – später in enger Referenz zu Palästina – die
->Kabbala, und zahlreiche jüd. Denker nahmen
die islam. Reorganisation antiker philosoph. Traditionen auf und traten
in einen aristotel. bzw. neuplaton. Diskurs ein.
Die jüd. Diaspora unter
christl. Herrschaft entwickelte sich in Byzanz trotz der Ausgrenzung des
Judentums bis zum Fall Konstantinopels 1453 relativ ungehindert, da der
rechtliche Status der J. aus dem Röm. Reich beibehalten wurde. Wo
dieser Status fehlte, ergab sich ein Unterschied zwischen jenen Familien
oder Gemeinden, denen von Seiten der Herrscher Privilegien zuerkannt wurden,
und unterprivilegierten Bevölkerungsschichten. In Spanien, wo die
christl. Westgoten eine judenfeindliche Politik betrieben hatten, wurde
die islam. Eroberung deswegen durchaus willkommen geheißen, allerdings
gab es auf Grund von Vergünstigungen christl. Könige in Frankreich
bald viele, die die Reconquista unterstützten. Damit gerieten die
J. in den sich entwickelnden Machtkonflikt zwischen König, Adel und
Volk, der durch die Inquisition und deren blutige Verfolgung von ->Marranen
weiter angeheizt wurde. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war die Vertreibung
der J. aus Spanien 1492, gefolgt von Portugal (1497) und der Provence (1508).
Aus England waren die J. schon 1290 vertrieben worden. Die J. der nördl.
Gebiete (Nordfrankreich, Rheinland, Donaugebiet, Osteuropa, ->Aschkenasim),
die sich entlang der Handelsrouten von Italien aus dort niedergelassen
hatten, waren einer allgemeinen, wenn auch regional sehr unterschiedlichen
und schwer zu berechnenden Ausgrenzungspolitik unterworfen, die sie auf
bestimmte riskante und oft unattraktive Wirtschaftszweige (Kleinhandel,
Geldhandel) festlegte und einen Beitritt zu den Ständen und Gilden
verbot. Die Kreuzzüge ab 1096 löschten etliche Gemeinden völlig
aus, v. a. im Rheinland, andere Städte suchten ihre J. vor den aufkommenden
Gräueln zu schützen. Die prekäre Situation vieler J. zwischen
den verschiedenen Machtinstanzen, der Willkür der jeweiligen Herrscher
bzw. der christl. Obrigkeit ausgeliefert, wurde erneut sichtbar, als es
im Zuge der Pestkatastrophen ab 1348/49 zu einem Anwachsen judenfeindlicher
Ausschreitungen mit den nun gängigen Vorwürfen der Brunnenvergiftung,
des Ritualmordes etc. kam (->Antisemitismus). Auf Grund der Verfolgungen,
gleichzeitig jedoch wegen der zunehmenden Bevölkerungszahlen im Westen
und der Suche nach neuen städt. Zentren kam es zu einer Orientierung
jüd. Lebens in die östl. Gebiete. Neben der äußeren
Bedrohung der J. ist auch eine innerjüd. Spannung prägend gewesen,
die mit dem Aufkommen der ->Karäer und ihrer Infragestellung rabbin.
Tradition zusammen hing. Im kulturellen Gedächtnis der J. blieb indes
die Verfolgungsthematik präsent, die sich mit dem Trauma der Vertreibung
aus Spanien verband und eine innere Veränderung des Judentums mit
sich brachte, die von einer neuerlichen völligen Umstrukturierung
der Diaspora begleitet wurde.
4. Neuzeit (ca. 1492–ca. 1787).
Durch die Vertreibungen aus vormaligen jüd. Zentren verlagerte sich
der Schwerpunkt jüd. Religion bald in den östl. Mittelmeerraum,
ins Ottomanische Reich sowie ins Heilige Land. Die dort schon zuvor angesiedelten
Gemeinden erlebten nun, v. a. unter der toleranten Religions- und Wirtschaftspolitik
Soleiman des Prächtigen (1520–66), eine neue Blütezeit, die bis
zum Niedergang des Reiches und den ihm folgenden religiösen Ausschreitungen
des 17. und 18. Jh.s (mit Blutbeschuldigungen etc.) andauerte. Auf Grund
der Eroberung Palästinas durch die Türken 1517 war auch dort
ein Aufschwung jüd. Lebens zu verzeichnen, der aus verschiedenen Teilen
der Diaspora gefördert wurde. Sowohl die kabbalist. Bewegung als auch
diverse messian.-endzeitliche Strömungen (->Sabbatai Zwi) entfalteten
in diesem Kontext besondere Wirkung. In Mittel- und Osteuropa verlief die
Geschichte anders. Die großen Städte des MA (Posen, Krakau,
Lublin, Wilna) entwickelten sich mehr und mehr zu Ballungszentren, sodass
die aschkenas. Bevölkerungszahl vom Beginn des 16. Jh.s bis zum Ende
des 18. von ca. 50.000 auf 1,5 Mio. anwuchs und die Sefardim damit weit
übertraf. Den J. wurden zwar immer wieder gewisse Rechte eingeräumt,
doch auch wenn sie z.B. als Agenten von Großgrundbesitzern eingesetzt
waren, gerieten sie zwischen die Fronten von Adel und Leibeigenen. Ein
Großteil der J. lebte (wie die meisten Nichtj. auch) in ärmlichen
Verhältnissen. Regionale Vagheiten bestimmten weiter das jüd.
Leben, wobei die Tendenz zur Ausgrenzung durchaus unterschiedliche Wirkung
hatte: Zum einen entwickelte sich dadurch eine auf Eigenverwaltung ausgerichtete
jüd. Kultur mit besonderer Betonung der rabbin. Tradition und ihrer
Lehrhäuser (Jeschîwôt). Bis zum 19. Jh. kam in
den Gemeinden dem Rabbi eine zunehmend stärkere Bedeutung zu, besondes
als der ->Chassidismus das osteurop. Judentum transformierte. Die eigene
Sprache, das Jiddische, verstärkte die Tendenz zur Abgrenzung weiter.
Auf der anderen Seite wirkte sich die fortschreitende Zwangsghettoisierung
in ganz Mitteleuropa äußerst negativ aus, war sie doch immer
wieder Anlass zu antijüd. Diffamierungen und Ausschreitungen (->Ghetto).
Die Ausrufung der amerikan. Verfassung
1787 und die französ. Revolution bedeutete für das Diasporajudentum
insgesamt eine entscheidende Wende hin zur modernen Staatengesellschaft
und Demokratie.
5. Von ca. 1787 bis heute. Im
Zuge der europ. Aufklärung und in der Konsequenz der französ.
Revolution veränderte sich der Status der J. beträchtlich. Ihre
Funktion als religiös bestimmte und christlicherseits wichtige Kontrastgruppe
(->Antijudaismus) wurde zunehmend aufgegeben zu Gunsten von polit. begründeter
Emanzipation, später von Assimilation, die erneut regional unterschiedlich
verlief (etwa in Russland). In Reaktion darauf enstanden im 19. Jh. die
bestimmenden jüd. Strömungen der Moderne, nämlich das Reformjudentum
einerseits, das Änderungen im liturg. und halach. Bereich einführte
und jüd. Praxis an das jeweilige Herkunftsland anpasste, daneben –
v. a. in den USA – das konservative Judentum mit seinem Versuch, Tradition
und Wandel zu verbinden, und schließlich das orthodoxe Judentum,
welches ebenfalls neben dem Torah-Studium eine säkulare Bildung anstrebte.
Die rabbin. Tradition mit ihrem Konzept der doppelten Torah geriet darüber
in den Hintergrund. Auch die rechtliche Gleichstellung der J. und eine
z.T. sehr weit gehende Assimilation führte indes nicht zu einem Abflauen
antisemit. Tendenzen. Diese Bedrängnisse sowie die zunehmenden sozialen
Probleme in Folge des Bevölkerungswachstums bewirkten ab 1820 Auswanderungswellen
aus Europa in die USA. Nach blutigen Pogromen in Russland 1881/82 und 1903
folgten weitere Abwanderungen nach Westen und in die „Neue Welt“. Die USA
wurden damit zu einem Zentrum der Diaspora, nach der Ermordung eines Großteils
der europ. Juden 1933–45 zum wichtigsten Mittelpunkt jüd. Lebens in
der Diaspora. Durch die negativen Erfahrungen mit Emanzipation und Assimilation
verstärkte sich daneben der Wunsch nach einem jüd. Staat, wie
er im ->Zionismus formuliert wurde. Die Schoa, der ca. 6 Mio. J. zum Opfer
gefallen waren, hatte traumat. Auswirkungen, und die Schaffung eines eigenen
Staates war die zwangsläufige Konsequenz. Nach der Ausrufung des demokrat.
Staates Israel (14.5.1948) kam es wiederholt zu krieger. Auseinandersetzungen
mit den benachbarten islam. Staaten, und bis heute ist eine völlige
Befriedung des Gebietes nicht erreicht.
Heute gehören die meisten
J. dem Reform-, dem konservativen und dem orthodoxen Judentum an. Weltweit
leben ca. 17,8 Mio.Juden, 48,2% davon in Nordamerika, 22,9% in Israel,
19,9% in Europa und Russland, 6,4% in Ländern des Mittleren Osten
(Zahlen von 1993). In Deutschland stieg die Zahl der J. – namentlich durch
Einwanderung russ. J. – 1999 auf etwa 80.000 an. K.v.S.
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Magie, ein krit. Begriff der Religionswissenschaft. Nach zahlreichen Versuchen, die M. von der Religion abzutrennen oder eine Entwicklung der Religionsgeschichte von „mag.“ zu „religiösen“ oder auch „wissenschaftl.“ Stufen zu konstruieren, geht man heute dazu über, die M. als bestimmte Konzeption von Wirklichkeit zu betrachten, die stets fester Bestandteil religiöser Ausdrucksformen war. M. konzeptualisiert die Welt als ein energet. verbundenes Netz von Erscheinungen, in das durch geeignete Maßnahmen und ->Rituale eingegriffen werden kann. Kennzeichen der M. ist deshalb 1. die Annahme eines inneren, symbol. oder „feinstoffl.“ Zusammenhangs der Dinge und 2. die zielgerichtete Orientierung religiösen Handelns. Während in traditionellen Kulturen sich die M. oft mit animist. oder dynamist. Konzepten verband, bildete sie im Abendland seit der Antike zusammen mit ->Alchemie und ->Astrologie den Kernbereich der ->Esoterik. Durch die bewusste Anwendung des Entsprechungsdenkens zwischen den Wirklichkeitsebenen versucht der Magier, sich mit den angestrebten Kräften sympathet. zu verbinden. In diesem Sinne ist M. eher Bewusstseinsfokussierung als eine simple Technik, die automatisch zum Erfolg führen wird. Wesentliche Hilfsmittel der M. sind dabei Gebete, heilige Namen, Amulette, Räucherungen etc., die liturg. zu einem Ritus verbunden werden. K.v.S.Lit.: Forschungsüberblick: L. Petzoldt (Hg.), M. u. Religion. Beitr. zu e. Theorie d. M., 1978. - H. G. Kippenberg/B. Luchesi (Hg.), Magie. Die sozialwiss. Kontroverse über d. Verst. fremden Denkens, 1978. Neuere Forschung: C. A. Faraone/D. Obbink (Hg.), Magika Hiera. Ancient Greek Magic and Religion, 1991. - R. K. Ritner, The Mechanics of Ancient Egyptian Magical Practice, 1993. - M. Meyer/R. Smith, Ancient Christian Magic. Coptic Texts of Ritual Power, 1994. - M. Meyer/P. Mirecki (Hg.), Ancient Magic and Ritual Power, 1995. - F. Graf, Gottesnähe u. Schadenzauber. D. M. i. d. griech.-röm. Antike, 1996. - P. Schäfer/H. G. Kippenberg (Hg.), Envisioning Magic, 1997. - D. Jordan u.a. (Hg.), The World of Ancient Magic, 1999.