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Kröners Wörterbuch der Religionen

Vollständig neu hrsg. von Ch. Auffarth, H.G. Kippenberg und A. Michaels

Erscheinungsdatum: voraussichtlich 2002

Auswahl einiger Einträge von Kocku von Stuckrad
 


Alchemie
Astrologie
Esoterik
Hermetik
Juden
Kabbala
Magie
 

Alchemie, neben Magie und Astrologie die dritte „Grundwissenschaft“ der ->Esoterik. Der Begriff wird meist von ägypt. chema „das Schwarzerdige“ und dem arab. Artikel al hergeleitet, alternativ von griech. chymos/chymeía „Fluss, Vermischung“. Wissenschaftliche Ansichten über ihr Wesen sind so zahlreich wie alchemist. Schulen. Als gesichert kann gelten, dass die Wurzeln der A. im hellenist. Ägypten liegen, von wo sich jenes mag.-philosoph. Wissen über die monotheist. Religionen verbreitete und A. als Vorläuferin und Begleiterin der modernen Chemie zum festen Bestandteil europ. Kultur wurde. Parallel dazu entfaltete sich die A. auch im Nahen Osten, in China und Indien. Grundlegend ist stets die Annahme, dass alle sichtbare Materie, dass Mineralien, Pflanzen, Tiere, Planeten oder Menschen, Erscheinungsweisen einer einzigen, grundlegenden und essenziellen Substanz sind. Nach alchemist. Auffassung machen drei Qualitäten, die auch „philoso-ph. Prinzipien“ genannt werden, die individuellen Eigenschaften jeder materiellen Erscheinung aus: Sal (Salz), Sulfur (Schwefel) und Merkur (Quecksilber). Damit sind indes nicht die gleichnamigen chem. Stoffe gemeint, sondern immaterielle Gestaltungsprinzipien, deren Mischungsverhältnisse den spezif. Charakter jeder sichtbaren Erscheinung bestimmen. A. ist aus diesem Grunde am Besten als Naturphilosophie anzusprechen, die gleichwohl in eine religiöse Praxis mündet, indem das Wissen um die Korrespondenzen dazu verwendet wird, einen äußeren und inneren Transformationsprozess des Adepten einzuleiten. Die geläufige Ansicht, die A. habe lediglich mit der Gewinnung von Gold aus minderwertigen Metallen zu tun, verkennt demnach den inneren religiösen Weg des Alchemisten, der oftmals das eigentliche Thema darstellt. Die westl. A. wurde wesentlich durch jüd. Frauen und Männer inspiriert, angefangen mit Maria der Jüdin und ihrem Schüler Zosimus (um 300 n.Chr.), über die ->Kabbala bis hin zu Jakob Emden (1697–1776) und Gelehrte des 19. Jh.s. Im Islam wurde die A. seit jeher intensiv praktiziert. Berühmt ist Jabir ibn Chayyan, genannt „Geber“, aus Konfa am Euphrat (gest. um 815 n.Chr.), der 3000 Werke verfasst haben soll. Von Avicenna (Ibn Sina, 980–1037 n.Chr.) waren ebenfalls alchemist. Schriften im Umlauf, die jedoch nicht erhalten sind. Schließlich verdankt auch das Christentum der A. nachhaltige Impulse, und sowohl in der Medizin (->Paracelsus, 1493–1541), die hier Spagyrik genannt wird, als auch in Mystik und Magie (->Freimaurer ->Rosenkreuzer) wirkte christl. Semantik nach der Renaissance auf die Geschichte der A. ein. ->Esoterik. K.v.S.

Lit.: M.P.E. Berthelot/C.E. Ruelle, Collection des anciens alchimistes grecs, 1888. - L. Thorndike, A History of Magic and Experimental Science, 8 Bde., 1923–58. - C.G. Jung, Psychologie u. A., 1944. - J. Lindsay, The Origins of Alchemy in Graeco-Roman Egypt, 1970. - H. Biedermann, Materia Prima, 1973. - H. Biedermann, Handlexikon der mag. Künste, 1976. - M. Eliade, Schmiede u. Alchemisten, 1980. - C. Meinel (Hg.), D. A. i. d. europ. Kultur u. Wissenschaftsgeschichte, 1986. - Z.R.W.M. v. Martels (Hg.), Alchemy Revisited, 1990. - H. Gebelein, A., 1991. - R. Patai, The Jewish Alchemists. A History and Source Book, 1994. - D. Hornfisher, Löwe u. Phönix. D. große Hb d. prakt. Spagyrik u. A., 1998.

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Astrologie, griech. für „Sternkunde“, Lehre vom Zusammenhang zwischen Tierkreis (Zodiak), den Bewegungen der Gestirne bzw. Planeten und der ird. Sphäre. Der A. stellt sich dabei nicht die Frage nach dem kausalen Einfluss der Astralebene auf die Welt, wie verschiedentlich angenommen wurde. Vielmehr liegt ihr das Entsprechungsdenken der Esoterik zu Grunde, nach dem die Gestirne Kräfte symbolisieren, die gleichzeitig auf anderen Ebenen der Wirklichkeit anzutreffen sind („Wie oben, so unten“, ->Mikrokosmos, Makrokosmos). In den Bewegungen von Sonne, Mond und Planeten zeigt sich eine immer wechselnde Dynamik von Kräften, deren Entsprechungen die A. untersucht. Deshalb kann die A. auch als „gedeutete Zeit“ betrachtet werden. Das Horoskop als wichtigstes Werkzeug ist dabei die Momentaufnahme eines bestimmten Zeitpunktes (Geburt, Vertragsabschluss etc.), dessen Eigenschaften von der A. beschrieben werden. Viele, mitunter hochgradig spezialisierte Zweige der A. thematisieren unterschiedliche Korrespondenzen: Die Entsprechungen zwischen Astralebene und Ländern, Völkern, Städten wird von der Mundana. behandelt, die Korrespondenzen auf individueller Ebene von der Geburtshoroskopie (Genethlialogie), auf körperlicher und medizin. Ebene von der Melothesie. Die günstigen Zeitpunkte für polit. oder wirtschaftliche Unternehmungen eruiert die Katarchena.
Histor. nahm die A. ihren Ausgang im Mesopotamien des 3. Jt.s v.Chr., wo sie als ausgesprochene Priesterdisziplin im 2. Jt. v.Chr. erste große astrolog. Kompendien hervorbrachte (die Keilschrifttafeln Mul.Apin und Enuma Anu Enlil). Der Zodiak als feste Bezugsgröße mit zwölf gleich großen Sternzeichen, die nun von den Sternbildern unabhängig waren, wurde nach 500 v.Chr. eingeführt. Im Folgenden verband sich die mesopotam. mit der griech. A. und brachte jene „klass.“ abendländ. Sternkunde hervor, die im Werk Tetrabiblos von Klaudios Ptolemaios (ca. 100–178 n.Chr.) ihre antike Vollendung fand. Die A. wurde durchgängig auch in Judentum, Christentum und Islam gepflegt, doch bemühte man sich dort, sie von ->Astralkult und determinist. Konzepten zu trennen. In der Renaissance wurde die A. in Europa neu belebt, und ihre enge Verbindung zu ->Hermetik und ->Alchemie machte sie zur Kerndisziplin esoter. Nachdenkens. Unter den neuzeitlichen Astrologen sind bes. Galilei, Kepler und Melanchthon zu erwähnen. Im 20. Jh. entwickelte sich die A. unter dem Einfluss der Lehre C.G. ->Jungs zu einer psycholog. A. weiter. In Buddhismus und Hinduismus gehörte die A. seit jeher zum Kernbestand religiöser Theorie und Praxis (->Kalender), was zu einer hochkomplexen Wissenschaft führte, die als wichtige Beraterin in Politik und Wirtschaft auftritt (->Feng-shui). In Lateinamerika waren es v. a. die ->Maya, die ein eigenes System der A. entwickelten, das bis heute praktiziert wird. ->Esoterik. K.v.S.

Lit.: A. Bouché-Leclercq, L’Astrologie Grecque, 1899. - F. Cumont, L’Egypte des astrologues, 1937. - F.H. Cramer, Astrology in Roman Law and Politics, 1954. - T. Ring, Astrolog. Menschenkunde. 4 Bde., 1956–73. - W. u. H. G. Gundel, Astrologumena. D. astrolog. Literatur i. d. Antike u. ihre Geschichte, 1966. - W. Knappich, Geschichte d. A., 21988. - B.L. v. d. Waerden, D. Anfänge d. Astronomie. Erwachende Wissenschaft 2, 1968. - F. Boll, Sternglaube u. Sterndeutung. D. Geschichte u. d. Wesen d. A., 61974. - T. Barton, Ancient Astrology, 1994. - K. v. Stuckrad, D. Ringen um d. A. Jüd. u. christl. Beiträge z. ant. Zeitverständnis, 2000.

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Esoterik, geistesgeschichtliche Tradition, die die Entwicklung der europ. Religionen von der Antike bis zur Gegenwart begleitete und immer wieder entscheidend prägte. Der Begriff wurde im 19. Jh. populär und dient heute zur Beschreibung eines Phänomens, das man früher auch „->Okkultismus“ nannte.
1. Systematik. In der religionswissenschaftl. Betrachtung der E. ist es in den letzten Jahrzehnten zu einer grundlegenden Neuorientierung gekommen. Ging man früher davon aus, E. sei – entsprechend der Grundbedeutung von griech. esôteros „Inneres“ – eine „Geheimlehre“, die nur einem „inneren Kreis“ durch Einweihungen zugänglich gemacht werde, oder aber eine Tradition, die die „innere“ spirituelle Entwicklung des Menschen in den Mittelpunkt stelle, neigt man heute dazu, nicht zuletzt auf Grund des hohen Maßes an Popularisierung esoter. Lehren im 20. Jh. E. nicht als eigene Religion, sondern als Denkform zu beschreiben, mit der die Wirklichkeit in spezifischer Weise konzipiert wird. Antoine Faivre, Mentor der neueren Forschung, führte vier bzw. sechs Grundzüge esoter. Denkens in die wissenschaftl. Systematik ein, die heute allgemeine Verwendung finden: (1) Das Denken in Entsprechungen ist als Grundkonstitutivum jeder E. zu betrachten, nämlich die Annahme, die verschiedenen Ebenen oder „Klassen“ der Wirklichkeit (Pflanzen, Menschen, Planeten, Mineralien etc.) bzw. die sichtbaren und unsichtbaren Teile des Universums seien durch ein Band der Entsprechungen miteinander verbunden. Diese Verbindung ist nicht kausal, sondern symbol. zu verstehen, im Sinne des hermet. „wie oben, so unten“ (->Mikrokosmos, Makrokosmos). Das Universum ist gleichsam ein Spiegeltheater, indem alles Hinweise auf anderes enthalten kann. Veränderungen geschehen parallel auf allen Ebenen der Wirklichkeit. (2) Die Idee der lebenden Natur fasst den Kosmos als komplexes, beseeltes System auf, das von einer lebendigen Energie durchflossen wird. Sowohl in der magia naturalis (->Magie) als auch in der Naturphilosophie ist dieses Modell vorherrschend. (3) Imagination und Mediationen (Vorstellungskraft und Vermittlungen) weisen darauf hin, dass das Wissen um die Entsprechungen hohe symbol. Vorstellungskraft erfordert bzw. durch spirituelle Autoritäten (Götter, Engel, Meister, Geistwesen) offenbart wird. Auf diese Weise werden die „Hieroglyphen der Natur“ entziffert. (4) Die Erfahrung der Transmutation stellt eine Parallele her zwischen äußerem Handeln und innerem Erleben; in Analogie zur ->Alchemie geht es der E. darum, den Menschen auf seinem spirituellen Weg zu läutern und eine innere Metamorphose zu ermöglichen. Neben diesen vier Grundzügen kommen zuweilen noch zwei weitere Elemente hinzu: (5) Die Praxis der Konkordanz bemüht sich darum, einen gemeinsamen Nenner oder „Urgrund“ verschiedener Lehren zu finden, der sich in verschiedenen histor. Epochen lediglich in einem anderen Licht zeigt. (6) Transmission oder  Initiation durch Meister ist ein soziolog. Element der E., denn häufig wird die Lehre durch spirituelle Autoritäten weitergegeben und die Transformation des Gläubigen durch Einweihungsrituale äußerlich sichtbar gemacht.
2. Geschichte. Obwohl esoter. Denken die westl. Geistesgeschichte immer begleitete, lassen sich mehrere Epochen als Wegmarken isolieren. (a) Die Grundlagen der E. liegen eindeutig in der Antike; hier sind es Neuplatonismus und Stoa, die die Welt als Netzwerk von Energien mit Offenbarungsqualitäten konzipieren. Ägypt.-hellenist. Gedankengut in ->Hermetik und ->Gnosis bildete zudem für spätere Rezeptionen wichtige Voraussetzungen. (b) Als Marsilio Ficino (1433–99) 1450 mit der Gründung einer platon. Akademie in Florenz beauftragt wurde sowie mit der Übersetzung des gerade in Mazedonien wiederentdeckten Corpus Hermeticum, brach eine neue Epoche der E. an. Der Text erlebte bis 1641 25 Neuauflagen, einschl. weiterer Übersetzungen. Die Renaissance entdeckte die philosophia perennis „die Ewige Philosophie“, und auch der Nachweis Isaac Casaubons (1614), dass das Corpus nicht älter als die christl. Texte ist, änderte daran nichts. Bekannte Tradenten der abendländ. E. sind Henricus Cornelius Agrippa (De occulta philosophia, 1533), John Dee (1527–1608) und Giordano Bruno (1548–1600). Von zentraler Bedeutung für die weitere Geschichte war schließlich die jüd. ->Kabbala, die u.a. durch Pico della Mirandola (1463–94) und Knorr von Rosenroths Übersetzung des ->Sohar auch dem christl. Publikum bekannt wurde. E. fand dadurch verstärkt Eingang in die europ. Geistesgeschichte, beeinflusste Naturwissenschaft, Philosophie und Religion. (c) Dies wurde erneut spürbar im 18. Jh., als in der Auseinandersetzung mit Zielen der Aufklärung wissenschaftliche Grundpositionen mit esoter. Konzepten verbunden wurden, etwa bei Emmanuel Swedenborg (1688–1772). Die Mystik Jakob Böhmes (1575–1624) wurde von Denkern wie Friedrich Christoph Oetinger (1702–1782), einem Naturphilosophen und Alchemisten, aufgegriffen und weitergeführt. Die Spannung zwischen einem esoter. Weltbild und dem mechanist. Modell Newtons blieb bestehen und prägte auch das 19. Jh., wobei insbesondere der deutsche Idealismus und die Romantik esoter. Konzepte adaptierten. In diese Epoche fällt auch die Etablierung esoter. gesinnter Gemeinschaften, allen voran der ->Freimaurer. (d) Die zweite Hälfte des 19. Jh.s war in Europa geprägt von einer Begeisterung für fremde Kulturen und Sprachen, deren Entschlüsselung plötzlich den Blick freigab auf „uralte“ Religionen (Bsp. Hieroglyphen). Gleichzeitig wurden die Schriften des Hinduismus und Buddhismus erstmals zugänglich, sodass die esoter. Suche nach Konkordanz weitere Impulse bekam. Ein Ergebnis dieses breiten Interesses im Grenzbereich von Religionswissenschaft und Religion ist die Gründung der Theosoph. Gesellschaft 1875, die als entscheidender Wendepunkt zur E. des 20. Jh.s betrachtet werden kann (->Theosophie). In der Folge kam es einerseits zur Fortschreibung esoter. Traditionen in freimaurer., rosenkreuzer., christl.-kabbalist. und mag. Kreisen wie dem Order of the Golden Dawn (gegr. 1888), andererseits zu einer starken Popularisierung „östl.“ Traditionen. Letzteres ist ein entscheidendes Agens der ->New Age genannten Aufbruchsbewegung der 1970er Jahre. Eine von heterogenen Momenten geprägte Suche nach spiritueller Entwicklung verband sich nun mit theosoph. transportierten Traditionen esoter. Denkens zu einem eigenen religiösen Komplex. Wenn heute von E. die Rede ist, so ist meist jenes Konglomerat gemeint, das eine erhebliche Breitenwirkung entfaltete, sowohl in Bezug auf spirituell-religiöse Optionen jenseits der etablierten Religionen als auch auf Philosophie und Wissenschaft. ->New Age ->Geheimnis ->Hermetik ->Astrologie ->Mystik. K.v.S.

Lit.: T. Dethlefsen, Schicksal als Chance. D. Urwissen zur Vollkommenheit d. Menschen, 1976.- H.-D. Leuenberger, Das ist E. Eine Einf. i. esoter. Denken u. d. esoter. Sprache, 1986. - A. Faivre/J. Needleman (Hg.), Modern Esoteric Spirituality, 1992. - A. Faivre, The Eternal Hermes: From Greek God to Alchemical Magus, 1995. - W.J. Hanegraaff, New Age Religion and Western Culture. Esotericism in the Mirror of Secular Thought, 1996. - A. Faivre, E., 1996. - E. Runggaldier, Philosophie d. E., 1996. - R. van den Broek/W.J. Hanegraaff (Hg.), Gnosis and Hermeticism from Antiquity to Modern Times, 1998. - A. Faivre/W.J. Hanegraaff (Hg.), Western Esotericism and the Science of Religion, 1999. - M. Neugebauer-Wölk (Hg.), Aufklärung u. E., 1999.

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Hermetik, antike religiöse Richtung, die sich auf die legendären Offenbarungen des Hermes Trismegistos (griech. „Dreimalgrößter Hermes“) beruft. Erste hermet. Schriften zirkulierten um 300 v.Chr. in Ägypten, wo Hermes als Hermes-Thot und Gott der Priester und Schreiber bekannt war. Trotz des älteren ägypt. Kerns entfaltete sich die eigentl. H. erst im 2.–3. Jh. n.Chr. durch die Verbindung von Neuplatonismus und jüd.-christl. Gedankengut, vielleicht als Spaltung der neuplaton. Philosophie in eine philosoph. (Plotin) und eine christl. Richtung. Letztere ist in Nag-Hammadi greifbar. An Schriften sind zu unterscheiden die älteren disparaten Hermetica, die v. a. mag. und astrolog. Inhalts waren, und das sog. „Corpus Hermeticum“, das aus 18 Schriften bestand, die im gnost. Christentum hohen Stellenwert besaßen. Die H. kann als eine Grundlage der ->Esoterik betrachtet werden. K.v.S.

Lit.: Bibl.: A.G. Blanco, in: ANRW II.17.4, 2240-2281, 1984. - G. Kroll, D. Lehren d. Hermes Trismegistos, 1914. - A.-J. Festugière/A.D. Nock (Hg.), Corpus Hermeticum, 3 Bde., 1946–54. - G. Fowden, The Egyptian Hermes, 1986. - B.P. Copenhaver, Hermetica. The Greek Corpus Hermeticum and the Latin Asclepius, 1992. - C. Colpe/J. Holzhausen, D. Corpus Hermeticum deutsch, 2 Bde., 1997. - R.v.d. Broek/W.J. Hanegraaff (Hg.), Gnosis & Hermeticism from Antiquity to Modern Times, 1997. - E. Hornung, D. esoter. Ägypten. D. geh. Wissen d. Ägypter u. sein Einfluß auf d. Abendland, 1999.

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Juden, Name der Anhängerinnen und Anhänger jener Religion, die sich genealog. auf Abraham und Sarah (Isaak und Rebecca, Jakob, Leah und Rachel), religiös auf Mose beruft, der am Berg Sinai Gesetzestafeln und Torah erhalten habe. Die Torah als zentraler Bezugspunkt regelt die monotheist. Theologie, das besondere Verhältnis des Einen Gottes JHWH zum jüd. Volk (auch „Israel“ genannt, mit dem Gott einen Bund geschlossen hat) sowie die besondere Konzeption der jüd. Heilsgeschichte, für die v. a. die Begriffe „Exil“ und „Restauration“ prägend wurden. Abgesehen von diesen allgemeinen Bestimmungen ist festzuhalten, dass jede Definition des Judentums falsch sein muss, da es stets eine Vielzahl von Judentümern gab, die keiner autoritativen Instanz untergeordnet waren. Im Gegenteil: Die Geschichte der J. kann als eine Auseinandersetzung mit den religiösen und sozialen Implikationen jener Grundbestimmungen betrachtet werden. Im Verlauf dieser etwa 3000-jährigen Geschichte entfalteten verschiedene Interpretationen – bzw. die sie tragenden jüd. Gruppierungen – ihren je eigenen Einfluss.

1. Von den Anfängen bis zum Ende der Zeit des Zweiten Tempels. Über die vorstaatliche Zeit des alten Israel ist auf Grund spärlicher Quellen nur wenig bekannt. Man hat bis zum 11./10. Jh. v.Chr. von einer heterogenen Stammeskultur auszugehen, die sich erst langsam durch eine stärkere Identifikation mit übergreifenden religiösen und polit. Konstruktionen vereinheitlichte. Für das spätere Judentum wurde v. a. die Jerusalemer Tradition leitend, und zwar einmal im Sinne des Königtums, das ->David im 10. Jh. konstituierte, daneben in kult. Hinsicht, indem die Tempelpriesterschaft zur maßgebenden Instanz wurde, die versuchte, Definitionshoheit über die Volksreligion zu gewinnen, was nicht uneingeschränkt gelang, da kanaanäisch-phöniz. Traditionen noch lange Zeit attraktiv blieben. Nachdem Nebukadnezar 587/86 v.Chr. den Salomon. Ersten Tempel zerstört und weite Teile der judäischen Oberschicht nach Babylonien exiliert hatte, wurde der Alleinherrschaftsanspruch JHWHs von diesen Gruppen zunehmend offensiv vertreten, also ein Monotheismus, den man dem geläufigen Henotheismus der benachbarten Volksgruppen gegenüber stellte. Die Exilszeit war insofern für die spätere Ausformulierung jüd. Weltdeutung konstitutiv. Als der pers. König Kyros 538 v.Chr. die Heimkehr der Exilierten und den Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels (des sog. Zweiten Tempels) erlaubte, etablierte sich in der Auseinandersetzung zwischen Exilsgemeinden, die in Babylonien verblieben waren, der neuen Priesterelite sowie den Altjudäern und Altisraeliten zunehmend eine einheitliche jüd. Religion (->Esra ->Nehemia). Der Name „Jude/Judäer“ mit Ausweitung der ethn.-territorialen Bedeutung über Juda hinaus entstand zwar in dieser Zeit, als Eigenbezeichnung der Religion dient indes bis heute i.d.R. ->„Israel“. Das wichtigste Merkmal der Zeit des Zweiten Tempels ist die Herausbildung einer distinkten religiösen Tradition, die sich durch ->Beschneidung, Sabbatheiligung, Tempelkult sowie bestimmte rituelle Vorschriften über rein und unrein von der Umgebung abhob. Alexander d. Gr. erkannte 332 v.Chr. die Tempelstaats-Provinz Judäa mit ihrer Trennung von Monarchie und Hierokratie im Grunde an, und in der Folgezeit kam es zu einer Durchdringung der jüd. Welt mit hellenist. Traditionen und Strukturen. Eine bisweilen behauptete Dichotomie „Judentum vs. Hellenismus“ hat es nicht gegeben, wohl aber eine innerjüd. Kontroverse über das Ausmaß der Respektierung und Adaptierung fremder Kulte. Diese Auseinandersetzung eskalierte im 2. Jh. v.Chr., als durch die Religionsverfolgungen unter Antiochus IV. Epiphanes (175–64) starke Gegenkräfte mobilisiert wurden, was in den Aufstand der ->Makkabäer mündete. Unter den Hasmonäern verhärteten sich die Positionen weiter, bes. die Priesterelite, die gegen die Personalunion von Hohepriester und König kämpfte, war gespalten (->Zadokiden ->Sadduzäer ->Oniaden ->Qumran). Weitere polit.-religiöse Gruppen traten auf den Plan, unter ihnen die sog. ->Pharisäer und ->Essener. Insgesamt ist eine enorme Zunahme endzeitlich-apokalypt. Orientierungen zu verzeichnen, welche die Vergangenheit, namentlich die Thematik von Exil und Restauration, für die gegenwärtige Interpretation der Heilsgeschichte theolog. und messian. überhöhten. Nachdrücklich verschärft wurde eine solche Deutung, als 64 v.Chr. die Römer der hasmonäischen Hoheit und damit dem jüd. Staat ein Ende setzten. Auch ->Herodes d. Gr. und seinen Nachfolgern gelang es nicht, die Konflikte zu beruhigen, sodass sich nicht nur die radikalen ->Zeloten, sondern auch andere jüd. Gruppierungen in den Krieg gegen Rom ziehen ließen, der aus Sicht dieser Gruppen durch die kult. Verunreinigung des Tempels (etwa durch die Aufstellung einer Herrscherstatue unter Caligula [37–41]) unausweichlich war. 66 kam es zum offenen Krieg, der 70 in der Einnahme Jerusalems und der Zerstörung des Tempels durch Titus gipfelte. 73/74 fiel die letzte Bastion der Rebellen auf ->Massada.
Insgesamt ist für diese Epoche festzuhalten, dass die griech. Bezeichnung Ioudaios „Judäer/Jude“ alles andere als klar definiert war, Gruppenzuschreibungen – selbst bei den TeilnehmerInnen großer kult. Ereignisse – der jeweiligen kontextgebundenen Konstruktion unterlagen (s. Cohen 1999).

2. Talmud. Periode (ca. 70 n.Chr. – ca. 638 n.Chr.). Da für die Antike also nicht von einem klar definierten „Judentum“ gesprochen werden kann, wird die talmud. Periode häufig als die „formative“ Phase des Judentums bezeichnet, die jenes religiöse Gebilde erst entstehen ließ, welches bis heute das Judentum kennzeichnet. Durch die Zerstörung Jerusalems und des Tempels war die gesamte bisherige jüd. Religions- und Sozialordnung in Frage gestellt. Die Priesterschichten waren ihrer Arbeits- und Lebensgrundlage beraubt, viele ihrer Mitglieder, wie bei Angehörigen radikal apokalypt. Gruppen auch, getötet oder als Kriegsgefangene und Sklaven verkauft. Auch wenn während der Diaspora-Aufstände 115–17, stärker dann im zweiten Krieg gegen Rom (->Bar Kochba, 132–35), noch einmal apokalypt. Erwartungen aktiviert werden konnten, gelang es im 1. Jh. n.Chr. doch nur den gemäßigten Kreisen, die sich aus Pharisäern und einzelnen Mitgliedern anderer Gruppen zusammensetzten, einen religiösen und polit.-sozialen Neuanfang in die Wege zu leiten. Erste Maßnahmen eines von den Römer kontrollierten ->Sanhedrin zielten in Jabne auf die Sicherung jüd. Lebens und die Kontinuität maßgeblicher Traditionen. Diese wurden auch bald schriftlich festgelegt, womit die Zeit der ->Rabbinen angebrochen war. In mehreren Schritten etablierte sich das rabbin. Judentum, zunächst mit der Redaktion der ->Mischna, später dann durch die Schaffung eines komplexen Textkorpus aus ->Talmud und ->Midrasch. Nach dem gescheiterten Bar-Kochba-Aufstand, als Jerusalem für die Juden zur verbotenen Stadt wurde, entfalteten die palästin. Lehrhäuser der Rabbinen mit ihrem Patriarchen in Tiberias weiterhin die Tradition der ->mündlichen Torah, die nun auch nach Babylonien hin auszustrahlen begann. Daneben zeugen zahlreiche Synagogenbauten in Palästina von einem neu erwachenden religiösen Leben. Erst mit der fortschreitenden Christianisierung des Röm. Reiches, v. a. nach der sog. „Konstantin. Wende“, mehrten sich die Übergriffe gegen Juden, die christlicherseits bald mit Häretikern gleichgesetzt wurden. Um 425 n.Chr., als der Patriarch Gamaliel IV. gestorben war, wurde der zentrale Sanhedrin und das System des Patriarchats insgesamt aufgehoben, womit sich der Schwerpunkt jüd. Geistigkeit nach Babylonien verschob. Dort, im Partherreich, lagen die polit.-religiösen Vollmachten weit gehend in der Hand des sog. Exilarchen, der dem rabbin. Judentum stark verbunden war. Unter den Sassaniden entwickelten sich die großen rabbin. Lehrhäuser in Nehardea, Pumbeditha und Mahoza, deren Häupter (->Geonim) gemeinsam mit dem Exilarchen die jüd. Geschicke bestimmten. Da auch unter Chosroes II. (590–628) das Verhältnis zwischen Juden und Persern auf Toleranz beruhte, war das blühende babylon. Judentum der radikalen Veränderung durch die islam. Eroberung (632–41) weitaus besser gewachsen, als dies in Palästina der Fall war.

3. Mittelalter (ca. 638–1492). Im Unterschied zur talmud. Periode mit seiner starken Konzentration auf Palästina und Babylonien zeigt sich seit dem frühen MA eine Tendenz zur Ausdifferenzierung jüd. Lebens innerhalb sehr unterschiedlicher Diasporasituationen. Zu unterscheiden ist dabei einmal zwischen dem christl. und dem islam. Herrschaftsgebiet, ferner zwischen lokalen Kontexten, die insgesamt sehr disparat waren. Eine grobe Darstellung ergibt folgendes Bild: Im Zuge der islam. Eroberung wurden die alten jüd. Zentren Palästina und Babylonien mit einem großen Teil des Mittelmeergebietes polit. vereint, eine Einheit, die bis zum Zerfall des Kalifenreiches im 11. Jh. Bestand hatte. Die hohe Reputation der rabbin. Lehrhäuser in Babylonien wurde weiter ausgebaut, der babylon. Talmud stieg zur kanon. Quelle jüd. Rechts auch in der Diaspora auf. Die islam. Herrscher respektierten das Judentum als „Buchreligion“, sodass eine relativ freie Ausübung von Religion und Wissenschaft gewährleistet war. Durch die weitere Ausdehnung der islam. Welt kam es zur Migration vieler Juden nach Westen, von Ägypten über Nordafrika bis nach Spanien, wo sich bald ein äußerst lebendiges geistiges Zentrum jüd. Lebens entwickelte, welches nach dem Niedergang der babylon. Lehrhäuser im 12. Jh. zur bestimmenden religiösen Kraft avancierte (->Sefardim). In Spanien und Südfrankreich entwickelte sich – später in enger Referenz zu Palästina – die ->Kabbala, und zahlreiche jüd. Denker nahmen die islam. Reorganisation antiker philosoph. Traditionen auf und traten in einen aristotel. bzw. neuplaton. Diskurs ein.
Die jüd. Diaspora unter christl. Herrschaft entwickelte sich in Byzanz trotz der Ausgrenzung des Judentums bis zum Fall Konstantinopels 1453 relativ ungehindert, da der rechtliche Status der J. aus dem Röm. Reich beibehalten wurde. Wo dieser Status fehlte, ergab sich ein Unterschied zwischen jenen Familien oder Gemeinden, denen von Seiten der Herrscher Privilegien zuerkannt wurden, und unterprivilegierten Bevölkerungsschichten. In Spanien, wo die christl. Westgoten eine judenfeindliche Politik betrieben hatten, wurde die islam. Eroberung deswegen durchaus willkommen geheißen, allerdings gab es auf Grund von Vergünstigungen christl. Könige in Frankreich bald viele, die die Reconquista unterstützten. Damit gerieten die J. in den sich entwickelnden Machtkonflikt zwischen König, Adel und Volk, der durch die Inquisition und deren blutige Verfolgung von ->Marranen weiter angeheizt wurde. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war die Vertreibung der J. aus Spanien 1492, gefolgt von Portugal (1497) und der Provence (1508). Aus England waren die J. schon 1290 vertrieben worden. Die J. der nördl. Gebiete (Nordfrankreich, Rheinland, Donaugebiet, Osteuropa, ->Aschkenasim), die sich entlang der Handelsrouten von Italien aus dort niedergelassen hatten, waren einer allgemeinen, wenn auch regional sehr unterschiedlichen und schwer zu berechnenden Ausgrenzungspolitik unterworfen, die sie auf bestimmte riskante und oft unattraktive Wirtschaftszweige (Kleinhandel, Geldhandel) festlegte und einen Beitritt zu den Ständen und Gilden verbot. Die Kreuzzüge ab 1096 löschten etliche Gemeinden völlig aus, v. a. im Rheinland, andere Städte suchten ihre J. vor den aufkommenden Gräueln zu schützen. Die prekäre Situation vieler J. zwischen den verschiedenen Machtinstanzen, der Willkür der jeweiligen Herrscher bzw. der christl. Obrigkeit ausgeliefert, wurde erneut sichtbar, als es im Zuge der Pestkatastrophen ab 1348/49 zu einem Anwachsen judenfeindlicher Ausschreitungen mit den nun gängigen Vorwürfen der Brunnenvergiftung, des Ritualmordes etc. kam (->Antisemitismus). Auf Grund der Verfolgungen, gleichzeitig jedoch wegen der zunehmenden Bevölkerungszahlen im Westen und der Suche nach neuen städt. Zentren kam es zu einer Orientierung jüd. Lebens in die östl. Gebiete. Neben der äußeren Bedrohung der J. ist auch eine innerjüd. Spannung prägend gewesen, die mit dem Aufkommen der ->Karäer und ihrer Infragestellung rabbin. Tradition zusammen hing. Im kulturellen Gedächtnis der J. blieb indes die Verfolgungsthematik präsent, die sich mit dem Trauma der Vertreibung aus Spanien verband und eine innere Veränderung des Judentums mit sich brachte, die von einer neuerlichen völligen Umstrukturierung der Diaspora begleitet wurde.

4. Neuzeit (ca. 1492–ca. 1787). Durch die Vertreibungen aus vormaligen jüd. Zentren verlagerte sich der Schwerpunkt jüd. Religion bald in den östl. Mittelmeerraum, ins Ottomanische Reich sowie ins Heilige Land. Die dort schon zuvor angesiedelten Gemeinden erlebten nun, v. a. unter der toleranten Religions- und Wirtschaftspolitik Soleiman des Prächtigen (1520–66), eine neue Blütezeit, die bis zum Niedergang des Reiches und den ihm folgenden religiösen Ausschreitungen des 17. und 18. Jh.s (mit Blutbeschuldigungen etc.) andauerte. Auf Grund der Eroberung Palästinas durch die Türken 1517 war auch dort ein Aufschwung jüd. Lebens zu verzeichnen, der aus verschiedenen Teilen der Diaspora gefördert wurde. Sowohl die kabbalist. Bewegung als auch diverse messian.-endzeitliche Strömungen (->Sabbatai Zwi) entfalteten in diesem Kontext besondere Wirkung. In Mittel- und Osteuropa verlief die Geschichte anders. Die großen Städte des MA (Posen, Krakau, Lublin, Wilna) entwickelten sich mehr und mehr zu Ballungszentren, sodass die aschkenas. Bevölkerungszahl vom Beginn des 16. Jh.s bis zum Ende des 18. von ca. 50.000 auf 1,5 Mio. anwuchs und die Sefardim damit weit übertraf. Den J. wurden zwar immer wieder gewisse Rechte eingeräumt, doch auch wenn sie z.B. als Agenten von Großgrundbesitzern eingesetzt waren, gerieten sie zwischen die Fronten von Adel und Leibeigenen. Ein Großteil der J. lebte (wie die meisten Nichtj. auch) in ärmlichen Verhältnissen. Regionale Vagheiten bestimmten weiter das jüd. Leben, wobei die Tendenz zur Ausgrenzung durchaus unterschiedliche Wirkung hatte: Zum einen entwickelte sich dadurch eine auf Eigenverwaltung ausgerichtete jüd. Kultur mit besonderer Betonung der rabbin. Tradition und ihrer Lehrhäuser (Jeschîwôt). Bis zum 19. Jh. kam in den Gemeinden dem Rabbi eine zunehmend stärkere Bedeutung zu, besondes als der ->Chassidismus das osteurop. Judentum transformierte. Die eigene Sprache, das Jiddische, verstärkte die Tendenz zur Abgrenzung weiter. Auf der anderen Seite wirkte sich die fortschreitende Zwangsghettoisierung in ganz Mitteleuropa äußerst negativ aus, war sie doch immer wieder Anlass zu antijüd. Diffamierungen und Ausschreitungen (->Ghetto).
Die Ausrufung der amerikan. Verfassung 1787 und die französ. Revolution bedeutete für das Diasporajudentum insgesamt eine entscheidende Wende hin zur modernen Staatengesellschaft und Demokratie.

5. Von ca. 1787 bis heute. Im Zuge der europ. Aufklärung und in der Konsequenz der französ. Revolution veränderte sich der Status der J. beträchtlich. Ihre Funktion als religiös bestimmte und christlicherseits wichtige Kontrastgruppe (->Antijudaismus) wurde zunehmend aufgegeben zu Gunsten von polit. begründeter Emanzipation, später von Assimilation, die erneut regional unterschiedlich verlief (etwa in Russland). In Reaktion darauf enstanden im 19. Jh. die bestimmenden jüd. Strömungen der Moderne, nämlich das Reformjudentum einerseits, das Änderungen im liturg. und halach. Bereich einführte und jüd. Praxis an das jeweilige Herkunftsland anpasste, daneben – v. a. in den USA – das konservative Judentum mit seinem Versuch, Tradition und Wandel zu verbinden, und schließlich das orthodoxe Judentum, welches ebenfalls neben dem Torah-Studium eine säkulare Bildung anstrebte. Die rabbin. Tradition mit ihrem Konzept der doppelten Torah geriet darüber in den Hintergrund. Auch die rechtliche Gleichstellung der J. und eine z.T. sehr weit gehende Assimilation führte indes nicht zu einem Abflauen antisemit. Tendenzen. Diese Bedrängnisse sowie die zunehmenden sozialen Probleme in Folge des Bevölkerungswachstums bewirkten ab 1820 Auswanderungswellen aus Europa in die USA. Nach blutigen Pogromen in Russland 1881/82 und 1903 folgten weitere Abwanderungen nach Westen und in die „Neue Welt“. Die USA wurden damit zu einem Zentrum der Diaspora, nach der Ermordung eines Großteils der europ. Juden 1933–45 zum wichtigsten Mittelpunkt jüd. Lebens in der Diaspora. Durch die negativen Erfahrungen mit Emanzipation und Assimilation verstärkte sich daneben der Wunsch nach einem jüd. Staat, wie er im ->Zionismus formuliert wurde. Die Schoa, der ca. 6 Mio. J. zum Opfer gefallen waren, hatte traumat. Auswirkungen, und die Schaffung eines eigenen Staates war die zwangsläufige Konsequenz. Nach der Ausrufung des demokrat. Staates Israel (14.5.1948) kam es wiederholt zu krieger. Auseinandersetzungen mit den benachbarten islam. Staaten, und bis heute ist eine völlige Befriedung des Gebietes nicht erreicht.
Heute gehören die meisten J. dem Reform-, dem konservativen und dem orthodoxen Judentum an. Weltweit leben ca. 17,8 Mio.Juden, 48,2% davon in Nordamerika, 22,9% in Israel, 19,9% in Europa und Russland, 6,4% in Ländern des Mittleren Osten (Zahlen von 1993). In Deutschland stieg die Zahl der J. – namentlich durch Einwanderung russ. J. – 1999 auf etwa 80.000 an. K.v.S.

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Kabbala (hebr. „Tradition, Überlieferung“), Bezeichnung einer Strömung der jüd. Mystik, die im 12. Jh. n.Chr. von Südfrankreich ihren Ausgang nahm und bald das ganze Judentum beeinflusste. Die sich konservativ gebenden und auf die „uralte Tradition“ rekurrierenden Kabbalisten formten ältere Elemente vorwiegend platon., aber auch pythagoräischer Philosophie in ein kohärentes System religiös-theosoph. Weltbetrachtung um. Dabei kommt dem „geheimen“ Wortsinn der Torah und den Namen Gottes besondere Bedeutung zu. Alles Sichtbare wird verstanden aus dem Unsichtbaren, der eigentliche Sinn erschließt sich allein durch die Versenkung in die symbol. Dimensionen des Textes. Die Frühform der K. wird repräsentiert von dem Buch Bahîr („Hellscheinendes Buch“), gegen 1180 redigiert und Grundlage der zunehmend verschriftlichten Lehre der K. Die klass. K. findet ihren stärksten Ausdruck in den Schriften des ->Gikatilla und des ->Abulafia, und der ->Sohar gilt bis heute als kanon. Werk der Bewegung. Die Lehre von den zehn Emanationen Gottes (->Sefirah) war inzwischen fester Bestandteil der Lehre. Einen weiteren Aufschwung erfuhr die K. durch Isaak Luria (1534–72) und seine Schule, die u.a. die Kosmogenese, den sog. „Bruch der Gefäße“ und die „Restauration“ der göttlichen Bestandteile (->Tikkun) einführte. In popularisierter Form wurde die lurian. K. vom ->Chassidismus aufgegriffen. Die äußerst heterogene Bewegung wird bisweilen (vereinfachend) in „profet.“ bzw. „ekstat.“ (Abulafia, Chassidismus etc.) und „theosoph.“ K. (v. a. Sohar) aufgeteilt. Trotz ihres Primats der ernsthaften Versenkung konnte die K. in ganz Europa und Palästina zur größten Gegen- und Parallelbewegung des rabbin. Judentums werden. Im Zuge der Neubelebung der ->Esoterik kommt der K. im Judentum heute erneut eine große Bedeutung zu. Auch im Christentum ist die K. prägend geworden, etwa durch die Vermittlung von Pico della Mirandola und Johannes Reuchlin (16. Jh.), was zu einer eigenen Rezeption in Magie, Theosophie und Esoterik führte. Forschungsgeschichtl. ist festzuhalten, dass die grundlegenden Studien G. ->Scholems heute durch neue Ansätze (Idel) kritisiert und erweitert wurden. ->Mystik  ->Theosophie. K.v.S.

Lit.: G. Scholem, D. jüd. Mystik i. ihren Hauptströmungen, 1957. - Ders., Zur Kabbala u. ihrer Symbolik, 1960. - M. Idel, Kabbalah. New Perspectives, 1988. - J. Maier, D. Kabbalah. Einführung – Klass. Texte – Erläuterungen, 1995. - J. Dan, Jewish Mysticism and Jewish Ethics, (2) 1996.

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Magie, ein krit. Begriff der Religionswissenschaft. Nach zahlreichen Versuchen, die M. von der Religion abzutrennen oder eine Entwicklung der Religionsgeschichte von „mag.“ zu „religiösen“ oder auch „wissenschaftl.“ Stufen zu konstruieren, geht man heute dazu über, die M. als bestimmte Konzeption von Wirklichkeit zu betrachten, die stets fester Bestandteil religiöser Ausdrucksformen war. M. konzeptualisiert die Welt als ein energet. verbundenes Netz von Erscheinungen, in das durch geeignete Maßnahmen und ->Rituale eingegriffen werden kann. Kennzeichen der M. ist deshalb 1. die Annahme eines inneren, symbol. oder „feinstoffl.“ Zusammenhangs der Dinge und 2. die zielgerichtete Orientierung religiösen Handelns. Während in traditionellen Kulturen sich die M. oft mit animist. oder dynamist. Konzepten verband, bildete sie im Abendland seit der Antike zusammen mit ->Alchemie und ->Astrologie den Kernbereich der ->Esoterik. Durch die bewusste Anwendung des Entsprechungsdenkens zwischen den Wirklichkeitsebenen versucht der Magier, sich mit den angestrebten Kräften sympathet. zu verbinden. In diesem Sinne ist M. eher Bewusstseinsfokussierung als eine simple Technik, die automatisch zum Erfolg führen wird. Wesentliche Hilfsmittel der M. sind dabei Gebete, heilige Namen, Amulette, Räucherungen etc., die liturg. zu einem Ritus verbunden werden. K.v.S.

Lit.: Forschungsüberblick: L. Petzoldt (Hg.), M. u. Religion. Beitr. zu e. Theorie d. M., 1978. - H. G. Kippenberg/B. Luchesi (Hg.), Magie. Die sozialwiss. Kontroverse über d. Verst. fremden Denkens, 1978. Neuere Forschung: C. A. Faraone/D. Obbink (Hg.), Magika Hiera. Ancient Greek Magic and Religion, 1991. - R. K. Ritner, The Mechanics of Ancient Egyptian Magical Practice, 1993. - M. Meyer/R. Smith, Ancient Christian Magic. Coptic Texts of Ritual Power, 1994. - M. Meyer/P. Mirecki (Hg.), Ancient Magic and Ritual Power, 1995. - F. Graf, Gottesnähe u. Schadenzauber. D. M. i. d. griech.-röm. Antike, 1996. - P. Schäfer/H. G. Kippenberg (Hg.), Envisioning Magic, 1997. - D. Jordan u.a. (Hg.), The World of Ancient Magic, 1999.

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Kocku von Stuckrad - Stand: 28.09.2000