Universität Erfurt

Theologisches Forschungskolleg

Tagung in Prag 23.-26.06.2011

Diasporasituationen und Säkularisierungsprozesse in Tschechien und Deutschland

Vom 23. bis 26. Juni trafen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Theologischen Forschungskollegs Erfurt und der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Prag in der tschechischen Hauptstadt, um gemeinsam die Chancen und Probleme der katholischen Kirche angesichts der für Tschechien und Ostdeutschland charakteristischen Diasporalage und der fortgeschrittenden Säkularisierung der Gesellschaft zu diskutieren. Die Tagungsbeiträge näherten sich in unterschiedlichen Sektionen dem übergreifenden Thema. In einem ersten historischen Zugang wurde z.B. von Tomàs Petràcek die Entwicklung der tschechischen Kirche von einer Volkskirche zu einer Kirche in der Diaspora dargestellt und die Gründe für diese Entwicklung analysiert. Begründet liege dieser Säkularisierungsprozess, so vor allem in der fehlenden Bereitschaft und Fähigkeit des österreichisch-aristokratischen hohen Klerus, auf die sich im Zuge von Industrialisierung und Urbanisierung herausbildende Arbeiterschaft zuzugehen. Seit dem 19. Jahrhundert gebe es daher, so Petràcek, eine sich immer mehr verstärkende Spaltung zwischen Katholizismus und Tschechentum. Der Erfurter Sozialethiker Christof Mandry ging in seinem Vortrag in der ethischen Sektion auf die Frage nach der Stellung der Theologie im Diskurs der Gesamtgesellschaft ein. Diese sieht er bis heute gut verortet, weil es angesichts eines immer stärkeren Verlusts der Erfahrung eines Sinngesamtzusammenhangs, doch verstärkt den Wunsch nach eben dieser Erfahrung gibt. Der Prager Ethiker Libor Ovecka verneinte im Hinblick auf Tschechien das Vorhandensein eines gesamtgesellschaftlichen ethischen Diskurses. In der Sektion Laien und Kirche referierte der Erfurter Doktorand Sebastian Holzbrecher über den Aktionskreis Halle als eine Form katholischer Zivilgesellschaft unter den Bedingungen des real existierenden Sozialismus, während Jaroslav Lormann aus Prag auf die hohe Frustration in der katholischen Amtskirche Tschechiens und ihr großes Misstrauen gegenüber engagierten Laien einging - beides Schwierigkeiten auf dem Weg zu einer lebendig-einladenden Kirche. In der Sektion Liturgie und Kirchenraum hob Benedikt Kranemann, der Leiter des Theologischen Forschungskollegs in Erfurt, die Balance zwischen einem Zugehen auf die religiösen Bedürfnisse der Menschen in der säkularen Umwelt und die Orientierung an der kirchlich-liturgischen Tradition hervor und gab Empfehlungen zur Anordnung der Elemente innerhalb des sakralen Raumes. Aktuelle Fragen der Liturgie, vor allem im Hinblick auf die Wortgottesfeiern und die Gestaltung von Fürbitten, schlossen sich an. Höhepunkt war sicherlich die Begegnung mit Weihbischof Václav Maly, der sehr bewegend über seine Erfahrung als Priester in der Untergrundkirche während des Kommunismus erzählte und die Leistung derjenigen Frauen und Männer hervorhob, die die Verkündigung des Evangeliums und die Spendung der Sakramente im Untergrund ermöglicht haben. Leider habe die offizielle Kirche nach der Wende diese Menschen, die als Priesterinnen und Priester eingesprungen waren, nicht in ausreichender Weise gewürdigt. Eine Begegnung mit dem Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät, die der Absprache zukünftiger Kooperationsprojekte gewidmet war und eine Stadtführung zählten zu den weiteren Elementen der spannenden Tagung beider Institutionen, die auch wesentlich durch das Engagement von Dr. Petr Stica in so erfolgreicher Weise verlaufen konnte. Ein zentrales Fazit für die deutschen Teilnehmer der Tagung war sicherlich das Kennenlernen der spezifischen tschechischen kirchlichen Situation mit ihrer starken Prolbematik kirchlicher Nostalgie, d.h. der Schwierigkeit, sich als Kirche der jeweiligen Gegenwart zu stellen und sich nicht in die Katakombe zurückzuziehen.

 

Marion Dürr

Navigation

Werkzeugkiste

Nutzermenü und Sprachwahl