Universität Erfurt

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Projekte

Aktuell findet die Arbeit der Projektgruppe auf drei zentralen Forschungsfeldern statt. Diese sind zwar grundsätzlich erweiterbar, dennoch bilden sie drei für unsere Fragestellung wesentliche Bereiche ab und können so als Architektur des gesamten Vorhabens gelten: den Bereich literarischer Reflexion (A), den Bereich sozialer Organisation (B) und den Bereich konkreter Raum- und Zeitpraktiken des Übergangs (C).

 

A. Historisch-literarische Liminalisierungen

Im Mittelpunkt des Forschungsfelds A steht die Beschreibung gesellschaftlicher und politischer Übergangsphasen und deren literarischer Umformungen, d.h. intra- und extraliterarische Phänomene. Die bewusste Ausgestaltung solcher prozessualer, gerichteter Übergänge entspricht dem dynamischen Konzept der Liminalisierung. Diese Fragestellung konkretisiert sich in den folgenden Teilprojekten:
Das Teilprojekt A1 „Auf der Schwelle zwischen Fiktion und Realität – die Figur des Sklaven in der Alten und Neuen Komödie“ (Dr. Cordula Bachmann) fragt am Beispiel einer detaillierten Erforschung des Verhältnisses der Herren- und Sklavenfiguren in den griechischen Komödien nach der Schwelle zwischen der Spiegelung des griechischen Alltags und der bewussten, der Gattung geschuldeten Überzeichnung alltäglicher Erfahrungen und Vorstellungen.
Das Teilprojekt A2 „Dichter und Dichtung in der römischen Republik, 240-9 v.Chr.“ (Otto Ritter) stellt die These auf, dass im Rom des späten 3. und frühen 2. Jh. v.Chr. der Dichter eine liminale Figur darstellte, da er zwar öffentlich wirkte und somit eine „Prominenzrolle“ innehatte (wie ein Aristokrat), gleichzeitig jedoch keine Ämter bekleidete, ja in rechtlichem Sinne nicht einmal als Römer gelten konnte. Es wird nach den poetologischen Strategien einer derartigen (Selbst-)Liminalisierung gefragt, die in den Dramen in verschiedenen ihrerseits wiederum liminalen Figuren (z.B. dem „Gott“, aber auch dem „Hanswurst“) ihren Ausdruck findet. Dies ermöglicht eine neuartige Perspektive auf den sog. „Anfang der Römischen Literatur“, der seinerseits als Epochenschwelle gilt und bereits in der Antike als solche erinnert wurde.

B. Gewalt und Grausamkeit als „Grenzerfahrungen“

Im Forschungsfeld B wird gefragt, wie körperliche Erfahrungen (z.B. in Ritualen, aber eben auch in Strafpraktiken) als „Grenzerfahrungen“ im sozialen Bereich erfasst werden können. Dabei geht es zum einen um Grenzen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, zum anderen aber auch um die Grenzen des einzelnen Subjekts. Aktuell wird dies anhand von zwei Teilprojekten erforscht, die beide das Phänomen physischer, zwischenmenschlicher Gewalt fokussieren.
Das Teilprojekt B1 „Der Diskurs über Grausamkeit an der Epochenschwelle von der Republik zur Kaiserzeit“ (Lucas Rischkau; MA) konzentriert sich auf eine Analyse des Diskurses über den Vorwurf der „Grausamkeit“ vom 1. Jh.v. bis zum 2. Jh. n.Chr. Dabei wird nach der Funktion dieses Diskurses zur Herstellung einer Grenze zwischen sozialen Schichten, nämlich einer von physischer Gewalt zu verschonenden „Oberschicht“ (honestiores) und einer Gewalt permanent ausgesetzten „Unterschicht“ (humiliores), ebenso gefragt wie danach, welche Auswirkungen die Veränderung der politischen Machtverhältnisse auf die Verhandlungen eben dieser Grenze hatten.
Das Teilprojekt B2 „Die Märtyrer von Palästina des Eusebios von Caesarea“ (Prof. Dr. Katharina Waldner) liest den noch kaum erforschten Text des bekannten Kirchenhistorikers als Dokument des Übergangs des Christentums von einer verfolgten zu einer politisch etablierten Religion. Gefragt wird, wie Eusebios selbst durch die Erzählung der Martyrien im Nachhinein diesen Übergang narrativ gestaltet und welche Rolle dabei die ausführlich beschriebene physische Gewalt gegen die Märtyrer spielt.

C. limina: Naturräume und die Vermessung von Zeit und Raum

In Teilprojekt C soll „Liminalisierung“ in ihrer konkreten räumlichen und zeitlichen Dimension untersucht werden: līmen bezeichnet für die antiken Autoren die Schwelle zwischen außen und innen, zwischen oben und unten, aber auch zwischen Land und Land (etwa als Gebirge oder Meerenge) und Meer und Meer (so wird die Meerenge von Gibraltar als līmen bezeichnet) sowie - nur in eine Richtung überschreitbar - zwischen Leben und Tod.
Das Teilprojekt C1 „Meerengen als Konzept räumlicher Ordnungen“ (Dr. Johanna Leithoff) zielt darauf, die unterschiedlichen Wege zu verfolgen, auf denen Menschen sich dem Konzept der Meerengen als natürlicher Grenze, aber auch verbindendem Element angenähert haben, und diese in ihrer Entwicklung vergleichend zu untersuchen. Dabei soll zunächst gefragt werden, inwiefern und auf welche Weise Meerengen in der Antike als wissenschaftliche Kategorie konzeptualisiert wurden. Im Weiteren werden dann der geographische und der mythologische Diskurs über dieses Phänomen des Übergangs untersucht.
Das Teilprojekt C2 „Die Erfassung von Raum durch Zeit und Zeit durch Raum“ (Prof. Dr. Kai Brodersen) verbindet erstmals in der althistorischen Forschung Landvermessung und Zeitbestimmung. Es zielt darauf ab, die antike Evidenz im Blick auf den Konnex von Raum und Zeit zu studieren und zu zeigen, welche Folgen die Erfassung von Raum durch Zeit (Tagwerk) und von Zeit durch Raum (Schattenlinien/Sonnenuhren) für die antike Mentalität hatte - und nicht zuletzt wie sich dies auf das aktuelle Verständnis von Liminalisierung auswirkt.

 

 

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