Universität Erfurt

Petrus dictus Palma ociosa - Compendium de discantu

Das "Compendium de discantu" (1336) des Petrus dictus Palma ociosa gehört zweifelsohne zu den wichtigsten und zugleich rätselhaftesten Musiktraktate des 14. Jahrhunderts. Seit seiner Entdeckung durch Ludwig Wolf und eine erste Edition (SIMG, 15, 1913/14) gilt er der musikwissenschaftlichen Mediävistik als Schlüsselquelle für die Mehrstimmigkeit der sogenannten Ars nova.

Auf gedrängtem Raum gewährt das Lehrwerk, das von Daniel Leech-Wilkinson zu recht zum „interessantesten der Contrapunctus-Traktate des 14. Jahrhunderts“ erkärt wurde, seltene Einblicke in Fragen kompositorischer und kontrapunktischer Technik (contrapunctus und contrapunctus diminutus), musica ficta (dort musica falsa genannt) und das ansonsten nur schwer greifbare Verhältnis von improvisierter (das ist mündlicher) und verschriftlichter Mehrstimmigkeit.
Diesem Informationsreichtum steht eine Reihe von offenen Fragen gegenüber: Vom Autor wissen wir nicht mehr, als er uns selbst offenbart. Dem Explicit des Traktas zufolge handelt es sich um einen Petrus mit dem mysteriösen Beinamen Palma ociosa (was am ehesten als ruhige oder untätige Hand zu übersetzen wäre), der Konventuale der Zisterzienserabtei Cercamps im Bistum Amiens war. Über Entstehungskontext und Zielsetzung des Traktats, von denen ausgehend erst eine Einordnung der oft singulären Lehraussagen möglich wäre, breitet sich dagegen das Dunkel der Geschichte.

Das "Compendium de discantu" ist einzig in einer Miszellanhandschrift des Collegium Amplonianum erhalten (Dep. Erf. CA. 8° 94, fol. 58v-69r, vgl. Schum, S. 752f.), wo es in einem Faszikel zusammen anderen ebenfalls singulär überlieferten Musiktraktaten der Zeit überliefert ist. Das im Erfurter Codex mitgeteilte Unicum ist von besonderem philologischen Interesse, weil die Musikbeispiele zum größten Teil von einer anderen Hand (nach)getragen wurden und vielfach Spuren von Überarbeitungen zeigen (Rasuren, Korrekturen und dergleichen). Stellt sich schon hier die Frage nach der Authorität der Beispiele, so wird das Problem noch dadurch verkompliziert, daß die vom Textschreiber gemachten Vorgaben hinsichtlich mise en page dem Notenschreiber nicht tauglich erschienen.

Das geplante internetbasierte (virtuelle) Editionsprojekt versucht, die komplexen Wechselwirkungen zwischen den beiden Medien Lehrtext und Musik transparent zu machen, indem es eine kritische Neuausgabe mit digital aufbereiteten Bildern der Handschrift verknüpft. Auf diese Weise kann der Benutzer selbst den mehrschichtigen Entstehungsprozeß eines mit praktischen Fragen befaßten Musiktraktats nachverfolgen, wie er für diese Textgattung typisch ist.

Im konkreten Falle des "Compendium de discantu" stellt die Erschließung des Verhältnisses Notenbeispiele zum umgebenden Text überdies ein besonderes Forschungsdesiderat dar: Um das strenge Mehrstimmigkeitsverbot zu umgehen, das innerhalb des Zisterzienserordens galt, schwieg sich Petrus über die wesentlichen Details seiner Lehre aus und vermittelte diese, gleichsam verschlüsselt, in Form von nicht weiter kommentierten Musikbeispielen: den zwölf Modi der sprichwörtlich gewordenen flores musicae mensurabilis („Blüten der mensurablen Musik“). Da die Notenbeispiele des Fr. Petrus somit über den üblichen illustrierenden Charakter hinausgehen und zum eigentlichen Träger der Lehre werden, wird die im Projekt vorgenommene philologischen und kodikologischen Untersuchung grundlegend für ein adäquates Verständnis des Traktats sein.

Bearbeiter

Dr. Christian Thomas Leitmeir ist Lecturer in Music an der Bangor University in Wales.

Der Schwerpunkt seiner Forschung liegt in der älteren Musikgeschichte, dort vor allem mittelalterliche Musiktheorie, geistliche Musik des 16. Jahrhunderts (vor dem Hintergrund der Konfessionalisierung) und generell editorische und kodikologische Fragen. Die Edition des Compendium steht im Rahmen eines größeren Forschungsprojekts zur Funktion und Überlieferung von Musikbeispielen im Kontext von Mensuraltraktaten des 13.-15. Jahrhunderts ("Exampla trahunt. Musical Examples in Late-Medieval Mensural Theory").

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