Universität Erfurt

Tilmann von Siegburg

Tilmann von Siegburg - Tilmann Henrici, dictus Sure de Syberg (* um 1330 in Siegburg, † 15. Juli 1392 (?)) war ein herausragender Mediziner und Leibarzt des Kölner Erzbischof Friedrich von Saarwerden.

Die Kenntnisse über das Leben Tilmanns von Siegburg basieren auf einigen Urkunden sowie auf Informationen in jenen Handschriften aus seinem Vorbesitz, die sich heute in der Erfurter „Bibliotheca Amploniana“ befinden. Sein Vater war Heinrich dictus Sure aus Siegburg, wie aus Tilmanns vollständigem Namen geschlossen werden kann.

Zumindest in jungen Jahren scheint Tilmann von Siegburg noch keine Kanonikate besessen zu haben, die zwar stets eine sichere Einkommensgrundlage darstellten, deren Erwerb in der Regel jedoch mit nicht unerheblichen (Voraus-)Kosten verbunden war. So erhielt er im Januar 1363 zwar die Bestätigung des Papstes für eine Anwartschaft auf ein Kanonikat in St. Aposteln zu Köln, doch wird in diesem Zusammenhang nur eine Vikarie in St. Johannes Baptist zu Vilich (bei Bonn) erwähnt.

Tilmann hatte zu diesem Zeitpunkt bereits Medizin in Montpellier studiert und praktizierte wohl in Strassburg, von wo aus er um 1362/1363 häufiger das Rheinland in Richtung Köln bereiste. Spätestes 1367 erlangte er ein Kanonikat im hochvornehmen Stift St. Cassius zu Bonn, das er wohl bis zu seinem Lebensende inne hatte.

Um 1384 füllte Tilmann das Amt des Leibarztes beim Kölner Erzbischof Friedrich von Saarwerden (*1348, Erzbischof 1370-1414) aus, wie ein Kaufvermerk des Amplonius Rating de Berka belegt. Er erwarb in diesem Jahr seine wohl erste wertvolle medizinische Handschrift (Dep. Erf. CA. 2° 257 -  Avicenna) für den nicht geringen Preis von sechs rheinischen Gulden von Tilmann. Tilmann selbst dürfte zu dieser Zeit ein Jahresgehalt von mindestens 25 Goldgulden bezogen haben, orientiert man sich an jenem Gehalt, das seinem Vorgänger Jean Beraud (Beraldi) von Nîmes 1374 zugestanden worden war.

Es ist zu vermuten, dass Amplonius, der 1401 dann ja selbst zum Leibarzt Friedrichs aufstieg, seit seiner Jugend in Kontakt zu Tilmann stand und vielleicht auch wichtige fachliche Impulse von ihm empfing; sicher erwarb oder erbte Amplonius zudem weitere medizinische Handschriften bzw. Faszikel aus dem Vorbesitz dieses bedeutenden Mediziners (so Dep. Erf. CA. 4° 174, CA. 4° 193, CA. 2° 236).

Unter diesen Handschriften aus Tilmanns Vorbesitz ragt eine Sammelhandschrift heraus, die sich aus verschiedenen Faszikeln des 13./14. Jahrhunderts zusammensetzt (Dep. Erf. CA. 4° 193). In ihr findet sich nicht nur eine sehr alte – wahrscheinlich sogar in Frankreich entstandene – Abschrift des berühmten „Pariser Pestgutachtens“, das nach dem Pesttod seiner Gemahlin 1348 von König Philipp IV. bei den berühmtesten Ärzten der Pariser Universität in Auftrag gegeben worden war; der Codex enthält zudem gleich im Anschluss an dieses Gutachten auch umfangreiche medizinische Fallbeobachtungen, die Tilmann mit eigener Hand um das Jahr 1362/1363 niederschrieb, und in denen Fälle aus seiner eigenen praktischen Tätigkeit (überwiegend) im Großraum Strassburg geschildert werden.

Ungewöhnlich präzise und sachlich beschreibt Tilmann in diesen Consilia die von ihm jeweils vorgenommene gründliche Untersuchung des Körpers und der Ausscheidungen des Patienten, die er unter Berücksichtigung von Alter, Geschlecht und allgemeinem Gesundheitszustand der Untersuchten zur Grundlage seiner Diagnosen macht. Ebenso sachlich erscheint sein Blick auf die Möglichkeiten und Grenzen seiner Heilkunst, indem er recht schonungslos die Genesungsaussichten beurteilt und in jenen Fällen, die ihm hoffnungslos erscheinen, auf eine weitere Behandlung verzichtet: So etwa bei einer jungen Frau, die sich nach einer schon Monate zurück liegenden Fehlgeburt wegen einer unvollständig abgegangenen Plazenta im fortgeschrittenen Stadium einer Sepsis befindet, oder einem über 90jährigen Mann, der aufgrund von Nierensteinen seit fast zwei Wochen an Harnverhaltung leidet. Gleichzeitig spricht Tilmann sich deutlich gegen die Praxis mancher seiner Kollegen aus, die er als Laien bezeichnet, todgeweihte Patienten unnötig schmerzhaften Kuren zu unterziehen, statt sie auf den unvermeidlichen Tod vorzubereiten, und ihr Leiden nicht unnötig zu verlängern.

Obwohl ein studierter Arzt und souverän in der Beherrschung der Lehrmeinungen der Autoritäten (Hippocrates, Avicenna etc.), zeigte Tilmann kaum Berührungsängste mit der Volksmedizin, wie eine diesen Consilia angefügten Rezeptssammlung, die ebenfalls von seiner Hand stammt, belegt. Bei der Zusammenstellung der Rezepte griff er sowohl auf Rezepturen gelehrter Medici als auch auf (Haus)-Rezepte zurück, die von (weisen) Frauen tradiert wurden, und vermittelt den Eindruck, dass allein die nachgewiesene Wirksamkeit eines Medikaments für ihn dessen Nutzbarkeit begründet. Hiermit erweist er sich als ein medizinischer Praktiker und ausgesprochenen Pragmatiker von ungewöhnlicher geistiger Offenheit.

Ob eine von Amplonius kopfständig auf dem vorderen Spiegel von Dep. Erf. CA. 2° 257 nachgetragene Notiz „Nota quidam dominus canonicus Bunensis 2° feria post Margarete 1392 etc.“ auf Tilmanns Tod zu beziehen ist, muss vorerst offen bleiben.

Literatur:

Ernest Wickersheimer: Faits cliniques obersevès a Strasbourg et a Haslach en 1362 et suivis de formules de remèdes, in: Bulletin de la Société française d’histoire de la médecine 33 (1939), 69-92.

Marie-Thérèse Lorcin: Pour l’aise du corps. Confort et plaisirs, médications et rites. Orléans 1998, bes. S. 85-97.

Ernest Wickersheimer: Dictionnaire Biographique des médecins en France au Moyen Age. Bd. 2. Genf 1979, S. 749.


Autorin: Dr. Brigitte Pfeil

Fassung vom: 26. Juli 2010

Nach oben

Prof. Dr. Benedikt Kranemann, Thomas Bouillon, letzte Änderung: 18.03.2016

Werkzeugkiste

Suche

Nutzermenü und Sprachwahl