Universität Erfurt

Gotha Portal zur Bildungsgeschichte der Frühen Neuzeit

Pilotstudien

Veit Ludwig von Seckendorff (1612-1692), SSFG, Inv.Nr. 6-69,52

Das Projekt „Bildungslandschaft und Wissenskultur. Sammlungsbezogene Forschung zur frühneuzeitlichen Bildungsgeschichte des Herzogtums Sachsen-Gotha-Altenburg“ verbindet sammlungsbezogene Forschungsansätze mit exemplarischen Pilotstudien. Einerseits geht es darum, die einmaligen Gothaer bildungsgeschichtlichen Sammlungen in ihrer Genese, ihrem Wandel und ihrer Struktur zu verstehen und zu erschließen. Andererseits sollen projektbegleitende Publikationen die Potentiale für die historische Forschung aufzeigen und dabei allgemeine Fragestellungen mit konkreten Quellenstudien verbinden.

Bildungsmedien im Kontext

Die Perspektive der Problemstudie „Bildungsmedien im Kontext“ ist auf die Schule als Ort der Wissensgeschichte, die Verbreitung von Lehrbüchern und anderen Objekten sowie die Erforschung des Unterrichtsalltags gerichtet. Im Mittelpunkt steht dabei die erstmals in Gotha praktizierte Realienunterricht, für den 1657 das erste Lehrbuch seiner Art, der „Kurtzer Unterricht I. Von Natürlichen Dingen. II. Von etlichen nützlichen Wissenschafften. III. Von Geist- und Weltlichen Land-Sachen. IV. Von etlichen Hauß-Regeln“, durch den Gothaer Gymnasialrektor Andreas Reyher vorgelegt wurde.

Die Erschließung und didaktische Aufbereitung neuer Wissensgebiete für die Schule ­– neben der Naturlehre beispielsweise Mathematik, Ökonomie und Politik – stellt ein Spezifikum der Gothaer Schulreformen dar. Eine Schlüsselstellung bei der Konzeption dieses Bildungsprogramms nahm Veit Ludwig von Seckendorff ein, der zwischen 1645 und 1664 im Dienst Herzog Ernst des Frommen von Sachsen-Gotha stand und hier wesentliche Prägungen für seinen späteren Aufstieg zu einem der führenden Universalgelehrten und Politiker seiner Epoche erhielt. Seckendorffs zentrale Rolle als Ideengeber und Organisator der Gothaer Reformen von Staat, Gesellschaft und Bildungswesen, die weit über den berühmten „Fürstenstaat“ (1655) hinausging, wird im Rahmen der Pilotstudie erstmals herausgearbeitet.

Geschichtsunterricht in der Frühen Neuzeit (1650–1750)

Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts begann man an einigen Gymnasien im mitteldeutschen Raum damit, Geschichte als eigenständiges Fach zu unterrichten. In den darauf folgenden 100 Jahren erlebt der Geschichtsunterricht einen beispiellosen Aufschwung. Die Stundenzahlen werden erhöht, die Stofffülle vergrößert, die Lehrmethoden verfeinert und die Unterrichtsinhalte verschiedenen sozialen Kontexten angepasst. Gleichzeitig unterlag der Wissensbereich der ‚Historien‘ einem tiefgreifenden theoretisch-methodischen und inhaltlichen Wandel, der wiederum auf Veränderungen der frühneuzeitlichen ‚Wissensgesellschaft‘ und ihrer Verwendungsmöglichkeiten für historisches Wissen schließen lässt.

Die Pilotstudie verbindet einen historiographiegeschichtlichen Ansatz mit Methoden der allgemeinen Bildungsgeschichte und der historischen Pädagogik. Auf der Basis der handschriftlichen Überlieferung von ‚Schulwirklichkeit‘ in Archivquellen wird die Entwicklung des Geschichtsunterrichts in verschiedenen Schultypen (illustre Gymnasien, Lateinschulen und Ritterakademien) nachvollzogen und die daraus gewonnenen Informationen über das verwendete Lehrmaterial analysiert. Dabei spielt der identitätsstiftende Charakter historiographischer Konstruktionen und Metanarrative ebenso eine Rolle wie die Anpassung des Stoffes zum Zwecke der ‚Didaktisierung‘ mit Hilfe von Bildern, Tabellen und der Fragmentierung des Textes in ‚sokratische‘ Fragen und Antworten. Vorläufige Ergebnisse weisen darauf hin, dass parallel zur Entwicklung der Historie von einer ars zur scientia die Geschichte auch im Schulunterricht zunehmend ihrer Funktion als Exempelreservoir für Rhetorik und Ethik entfremdet und wissenschaftlich auf eine empirisch-skeptische Grundlage gehoben wird. Gleichzeitig verstärken viele Pädagogen den Fokus auf die damalige Zeitgeschichte und ihre Funktion als Verfügungs- und Herrschaftswissen des frühneuzeitlichen Beamtenstaates, was nicht bedeutet, dass die traditionelle Anwendung als ethisches Lehrbeispiel gänzlich in den Hintergrund tritt.

 

 

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