Universität Erfurt

Forschungsbibliothek Gotha

Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft

Religion und Politik in protestantischen Predigten des 16. und 17. Jahrhunderts im thüringisch-sächsischen Raum

Matthias Hoë von Hoënegg (kursächsischer Oberhofprediger)
Hoë von Hoënegg, Der geistreiche Prophet Joel, Leipzig 1605

Tiefenstrukturanalyse und Erschließung von gedruckten und handschriftlichen politischen Predigten der Forschungsbibliothek Gotha

Das Projekt

Die Forschungsbibliothek Gotha verfügt aufgrund ihrer konfessionellen Verankerung über eine Referenzsammlung für die Geschichte des mitteldeutschen Protestantismus im 16. und 17. Jahrhundert. Eine äußerst umfangreiche Predigtsammlung ist Teil dieser herausragenden Überlieferung.

Ziel des durch die Deutschen Forschungsgemeinschaft innerhalb der Aktionslinie "Bibliotheken und Archive im Verbund mit der Forschung" geförderten Projektes ist es, den Bestand Politischer Predigten formal wie inhaltlich zu erschließen und ihn der interessierten Öffentlichkeit online zur Verfügung zu stellen.

Obwohl die Quellengruppe Predigten in der Frühen Neuzeit ein zentrales Kommunikationsmedium darstellte, mittels dessen theologische Inhalte in die Gemeindepraxis transferiert werden konnten, wurden sie bisher von der historischen Forschung lediglich in Gestalt der Leichenpredigten wahrgenommen und entsprechend erfasst. Dieses Projekt nun widmet sich mit den politischen Predigten einer ganz eigenen Quellengruppe. Als politisch sollen dabei zunächst jene Predigten verstanden werden, die im weitesten Sinne aus politischem Anlass verfasst wurden und aus verschiedenen Kontexten heraus Konzeptionen gemeinschaftlicher Ordnung bis hin zu Vorstellungen weltlicher Herrschaft artikulieren. Es handelt sich hier vor allem um Regentenspiegel, Landtagspredigten, Huldigungs- oder Valetpredigten. Über diese eher formalen Kriterien hinaus verfügt die Forschung zur Zeit über keinen inhaltlichen Zugang zu der Quellengruppe. Der bisher wenig erprobte methodische Ansatz der Tiefenerschließung, der die bibliothekarische Formal- und Sacherschließung mit tiefergehenden wissenschaftlichen Erschließungsformen verbindet, soll hier Abhilfe schaffen. Die Predigten werden demnach nicht nur einer intensiven formalen Bearbeitung unterzogen, sondern auf ihre politische Sprache hin, die sich zum Beispiel in Schlüsselbegriffen wie iustitia oder pietas niederschlägt, untersucht werden. Im Ergebnis dieser Forschung entsteht ein Thesaurus der politischen Sprache, der nicht nur die Texte anhand konkreter Begrifflichkeiten aufschließt, sondern darüber hinaus anschlussfähig für weitere ähnlich gelagerte geistes- und sprachwissenschaftliche Projekte sein wird.

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Textcorpus

Das Corpus der bearbeiteten Texte umfasst drei Handschriften sowie 190 Druckschriften, die in den wettinischen Territorien und angrenzenden Herrschaften im 16. und 17. Jahrhundert entstanden sind. Der zeitliche Rahmen des zu bearbeitenden Corpus ergibt sich aus den innerprotestantischen und wettinisch-dynastischen Konflikten im Vorfeld des Interims seit den 1530er Jahren und den Tod Ernsts des Frommen im Jahr 1675.

Digitalisate

Neben der formalen und inhaltlichen Tiefenerschließung der Predigten bildet die digitale Aufbereitung des Predigtbestandes einen Schwerpunkt des Projektes. Über die Einspeisung der Metadaten in die entsprechenden Verbundkataloge und Datenbanken hinaus wurden 185 Predigten als Volldigitalisate der wissenschaftlichen Nutzung in der Digitalen Historischen Bibliothek Erfurt/Gotha online zur Verfügung gestellt. Alle Digitalisate sind mit Strukturdaten erschlossen.

Thesaurus

Im Rahmen des Projekts wurden die Texte des Corpus durch die wiss. Mitarbeiter auf politisch aufgeladene Begriffe hin analysiert. Diese Begriffe wurden von ihnen in ein hierarchisch strukturiertes Wortverzeichnis geordnet, einen sogenannten Thesaurus. Die Wörter erhielten Querverweise auf verwandte, übergeordnete oder  einschränkende Begriffe oder Antonyme (im Thesaurus als RT, BT, NT und ANT gekennzeichnet). Zur Darstellung wurde ein Baumdiagramm gewählt, dessen Zweige sich aus- und einklappen lassen. Um diese schnell umsortieren zu können, wurde bis zur endgültigen Festlegung mit Mindmaps gearbeitet. Insgesamt wurden 94 Hauptzweige (Top Terms) und zwei Indices (zu Bibelstellen und Exempeln) gesetzt.

Zu diesem Thesaurus wurden die Belegstellen im Textcorpus gesammelt und verknüpft. Im Endergebnis entstanden XML-Dateien, die die Weiterverarbeitung in einer Webanwendung ermöglichten. Auf diese Weise wurden über 100.000 Verknüpfungen erzeugt, die über die URN sowohl zu den Metadaten als auch zu den einzelnen Seiten in den Digitalisaten verlinken.

Die technische Umsetzung des Thesaurus erfolgte schließlich durch die Abteilung Informationsmanagement und Informationssysteme der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena. Die Softwarebasis der Anwendung ist MyCoRe.

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Suchmaske

Als besonderes Feature wurde eine spezielle Suchmaske auf Basis des Suchmaschinenprogramms Solr programmiert. Diese Maske bietet das Feld Vorauswahl Thesaurus an, welche eine Volltextsuche im Thesaurus ermöglicht, deren Ergebnisse unmittelbar bei der Eingabe angezeigt werden. Daraus lassen sich einzelne oder mehrere Treffer selektieren, in einem zweiten Feld zwischenspeichern und beliebig mit weiteren Thesaurusbegriffen oder Metadaten wie Jahr, Ort, Beteiligte oder Signatur kombinieren. Auch hier wird aus der Ergebnisliste über die URN sowohl auf die Metadaten als auch die einzelnen Seiten in den Digitalisaten des Textcorpus verlinkt. Auf diese Weise können sehr differenzierte Forschungsfragen beantwortet werden.

Die Arbeitsgruppe

Das Forschungsprojekt stellt eine Kooperation zwischen der Goethe-Universität Frankfurt am Main und der Forschungsibliothek Gotha dar.

Leitung

Prof. Dr. Luise Schorn-Schütte (Historisches Seminar, Goethe-Universität Frankfurt am Main)
Dr. Kathrin Paasch (Leiterin der Forschungsbibliothek Gotha)

Wissenschaftliche Bearbeiter

Dr. Anja Kürbis (geb. Moritz) - Oktober 2008 bis März 2009 (Historisches Seminar, Goethe-Universität Frankfurt am Main): Auswahl und Zusammenstellung des Textcorpus, konzeptionelle Vorarbeiten zum Thesaurus.
Dr. Philip Hahn - Juni 2009 bis November 2011 (Historisches Seminar, Goethe-Universität Frankfurt am Main): Semantische Auswertung des Textcorpus und Erstellung des hierarchisch strukturierten Wortverzeichnisses als Grundlage des Thesaurus.

Wissenschaftliche Hilfskraft

Martin Stelte (Historisches Seminar, Goethe-Universität Frankfurt am Main)
Fabrizio Dal Vera - April 2014 bis März 2015 (Historisches Seminar, Goethe-Universität Frankfurt am Main)

Bibliothekar

Wolfgang Hoffmann (Forschungsbibliothek Gotha)

Projektbetreuer

Cornelia Hopf (Leiterin der Handschriftenabteilung, Forschungsbibliothek Gotha)
Dr. Wolfgang Runschke (Leiter der Druckschriftenabteilung, Forschungsbibliothek Gotha).

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