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Neue Typografie: funktionales Grafik-Design in der Zwischenkriegszeit

In den 1920er Jahren veränderte sich das Erscheinungsbild von Drucksachen fundamental: Mit dem funktionalen Grafik-Design der „Neuen Typographie“ setzte sich eine gestalterische Bewegung durch, die sich klassischen Layout-Prinzipien verweigerte. Ziel war eine Optimierung der Drucksachen hinsichtlich ihrer Lesbarkeit, die Standardisierung in Schrifttypen wie Blattformaten und insgesamt eine Orientierung an der Deutschen Industrienorm (DIN). Die anachsiale Satzanordnung von bevorzugt serifenlosen Schrifttypen in größtmöglicher Klarheit, ohne ablenkenden Zierrat und mit der neusachlichen Fotografie als auffälligem Bildelement setzte sich bei der werbetreibenden Wirtschaft durch und bestimmt unsere visuelle Sozialisation bis heute.

Für gewöhnlich gilt Jan Tschichold mit seinem Manifest „Elementare Typographie“ (1925) als Spiritus Rector dieser Bewegung, die sich in Deutschland zentral auf den Bauhaus-Meister László Moholy-Nagy und dessen namensgebenden Aufsatz „Die neue Typographie“ (1923) bezieht. Wie allerdings die genaue Lektüre von Tschicholds maßgeblichem Lehrbuch „Die neue Typographie“ (1928) verdeutlicht, schlug die Geburtsstunde des funktionalen Grafik-Designs bereits im Juni 1917, mit der Veröffentlichung des Prospektes zur „Kleinen Grosz-Mappe“ als Sonderausgabe der Zeitschrift Neue Jugend im Berliner Malik-Verlag (vgl. S. 58). Jenseits der exzentrischen Kreationen aus Künstlerkreisen rund um Dadaismus und Konstruktivismus war hier erstmals eine reguläre Publikation für den Massenmarkt so gestaltet, wie es bald am Bauhaus gelehrt und von allen fortschrittlichen Reklamekünstlern in ihren Aufträgen für Industrie, Handel und Institutionen praktiziert werden sollte.

Es besteht also überzeugender Anlass, in 2017 an die 100jährige Tradition der „Neuen Typographie“ in Deutschland zu erinnern, die u.a. mit Willi Baumeister und Kurt Schwitters, Max Burchartz und Walter Dexel, den Geschwistern Leistikow oder Herbert Bayer und Joost Schmidt vom Bauhaus eine eindrucksvolle Reihe bedeutender Grafik-Designer des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat. Diese auch international hoch geschätzte Bewegung wird nun in einer Ausstellung in der Universitätsbibliothek anhand von gut 100 originalen Druckbelegen der Zwischenkriegszeit gewürdigt. Zu sehen sind dabei neben Buch- und Zeitschriftenumschlägen auch Prospekte, Werbefaltblätter und Fotografien, die aufgrund ihres ephemeren Charakters in den einschlägigen Bibliotheken und Archiven nur kaum überliefert sind. Die Präsentation gibt Gelegenheit, dieses selten gezeigte Material in seiner Vielfalt zu besichtigen.

Ein Interview mit dem Kurator der Ausstellung, Prof. Patrick Rössler, finden Sie in Novum.

Die Ausstellung anlässlich 100 Jahre Neue Typografie in Deutschland ist im Ausstellungsraum der Universitätsbibliothek im 2. OG von Montag bis Freitag von 9.00 Uhr - 17.00 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei.

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