Universität Erfurt

Projekt von Dr. Frank Nagel

Das negative Wissen. Hermeneutik und Ästhetik in spanischen Dialogen der Renaissance

In der spanischen Renaissance zählt der Dialog zu den erfolgreichsten Genremustern und gilt dort gemeinhin als privilegierter Ort der Verhandlung historischer Wissensdiskurse. Ausgehend von unterschiedlichen Traditionslinien antiker Herkunft, italienischen und erasmischen Einflüssen entwickelt sich etwa ab 1520 eine Blütezeit, in der sich dieses flexible Paradigma als Form des inszenierten gelehrten Austauschs im Gattungssystem etabliert. Dialoge können dabei auf höchst vielfältige Weise Wissenskultur und soziale Interaktion in einer mimetischen Gesprächsfiktion modellieren, die eng an Rhetorik und Dialektik des rinascimentalen Humanismus anknüpft. In stilisierter Form zeigen dialogische Varietäten dabei bald den usus disputandi akademischer Gelehrsamkeit, bald katechetische Gespräche, polemische Miniaturdramen oder komisch-phantastische Fabeln, deren außergewöhnlicher Formenreichtum als Spiegel einer in sich pluralen Schwellenzeit lesbar ist. Ein besonderes Merkmal des spanischen Korpus kann dabei in der hohen Anzahl an divulgativen Texten gesehen werden, die Fragen aus den Bereichen der Moral- und Naturphilosophie, der Medizin und der Kunstästhetik, aber auch aus dem Kreis der oficios handwerklicher, militärischer und nautischer Prägung aufnehmen. In der Forschungsbibliothek Gotha sollen vor diesem Hintergrund die kosmographischen Dialoge des frühen 16. Jahrhunderts behandelt werden, die im verzweigten Spannungsfeld von italienischen Erneuerungen und schulphilosophischen Traditionen der Naturforschung anzusiedeln sind. Sie beleuchten unter anderem die Ablösungsprozesse im frühneuzeitlichen Aristotelismus und entwickeln dabei eigenständige intertextuelle, hermeneutische und sprachlich-ästhetische Verfahren, die sich mit den spezifischen Möglichkeiten der Gattung verbinden. Neben der Untersuchung solcher Wissensdynamiken und ihrer Textstrategien gilt ein weiterer Blick der europäischen Rezeption von spanischen Naturdialogen in französischen und englischen Übersetzungen.

Kurzbiographie

Dr. Frank Nagel, Studium der Romanistik (Spanisch/Französisch) sowie der Mittleren und Neueren Geschichte an der Universität zu Köln, danach Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Rahmen des Graduiertenkollegs Imaginatio borealis. Perzeption, Rezeption und Konstruktion des Nordens an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, ebendort Promotion zur spanischen Gegenwartslyrik (Mythologia borealis. Szenen des Begehrens in der nördlichen Lyrik von Luis Alberto de Cuenca, Berlin 2014). Wissenschaftlicher Koordinator des interdisziplinären Projektkollegs Anoetik – Formen und Leistungen des Nichtverstehens an der Universität zu Kiel (2011-2014), daneben wissenschaftlicher Mitarbeiter für spanische und französische Literaturwissenschaft am Romanischen Seminar (ab 2011). Veröffentlichungen zur zeitgenössischen Lyrik in Spanien sowie zu Kultur und Literatur des Siglo de Oro, mit besonderer Berücksichtigung der Dialoge, der Lyrik (Garcilaso de la Vega, Juan del Encina) sowie der Novellistik (María de Zayas). Zahlreiche Übersetzungen spanischer und französischer Lyrik sowie spanischer Kurzprosa (Luis Mateo Díez u.a., Worte im Schnee. Ein filandón, Kiel 2012).

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