Universität Erfurt

Die katastrophische Feerie

Workshop 2 (14.-15. November 2013)

Proust und Céline: Bruch- und Verbindungslinien

Als ein „étrange Proust de la plèbe“ erscheint Céline der zeitgenössischen Literaturkritik in seinem ersten Roman Voyage au bout de la nuit – und es scheint so, als habe dieses Verdikt in mehrfacher Weise Wirkung gezeigt: bei der Literaturwissenschaft, die Proust und Céline häufig als die beiden großen Stilisten des französischen Romans im 20. Jahrhundert bezeichnet, ohne sich jedoch zumeist näher auf eine vergleichende Analyse einzulassen; im Verlagswesen, wo Céline als (wenn auch um gewisse Schriften ‚bereinigter‘) Hausautor im Gallimard Verlag die Nachfolge Prousts antritt; und schließlich bei Céline selbst, wenn dieser eine lebenslange Proust-Obsession kultiviert, die von homophoben und antisemitischen Schmähungen („Prout-Proust“; „Vive le Talmud!“) bis hin zur (den Schulterschluss suchenden) Würdigung seiner besonderen Stellung in der französischen Literatur („une sorte de génie“) reichen. In dieser schwankenden Einschätzung liegt auch die Bandbreite der denkbaren Relationen zwischen Proust und Céline beschlossen: Handelt es sich bei Célines Romanen tatsächlich um eine „plebejische“ Parodie der aristokratisch-großbürgerlichen Welt von Prousts Recherche, in der bspw. die Erinnerung an die Kindheit in die zwielichtige Welt der kleinen Pariser Passagen verlegt wird (v.a. in Mort à crédit), oder handelt es sich trotz aller Absetzung womöglich auch um eine unablässige réécriture, vielleicht sogar um eine Hommage an Proust?
Ist das Verhältnis von Proust und Céline, so wäre weiterhin zu fragen, nur eine Einbahnstraße, bei dem Céline durch die Profanation dessen in Erscheinung tritt, was Proust – an Affektpoetik, an Subjektpraktiken, an Stilbeherrschung, an Theatralität – zuvor aufgebaut hat? Oder sind nicht einige, wenn nicht die meisten der Célineschen Profanationen bereits bei Proust angelegt? Inwieweit lassen sich beispielsweise bereits die Proustschen Epiphanien selbst mit ihrer katastrophischen Kehrseite verknüpfen, wenn auch das Begehren bei Proust biopolitisch lesbar ist, wenn die modernste Verkehrs- und Medientechnik ihre unheimlichen Kehrseite offenbart oder wenn gar Flugzeuge über Paris beginnen, ihre Bomben abzuwerfen? Eine mögliche unter vielen denkbaren Brücken könnte die sowohl von Proust als auch Céline geschätzte, aber ganz unterschiedlich in die jeweiligen Romanprojekte integrierte „féerie“ sein.

Der Workshop beginnt am Do, 14.11.2013 um 18 Uhr ct mit einem öffentlichen Abendvortrag von Prof. Dr. Friedrich Balke (Bochum) zum Thema: Insoumission: Céline, der historisch-politische Diskurs und die Literatur der Verhaltensrevolte (Campus der Uni Erfurt, LG IV, Raum D08); er wird am Fr, 15.11. fortgesetzt.

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