Universität Erfurt

Wissenschaftsgeschichte

Wahrheitspraktiken

Tagung Wahrheitspraktiken

Erfurt, Max-Weber-Kolleg, 25. April und 26. April 2019
Organisiert von: Bernhard Kleeberg (Universität Erfurt) und Laurens Schlicht (HU Berlin)

Beiträge von: Peter Becker, Larissa Fischer, Ruben Marc Hackler, David Keller, Barbara Krasmann, Sophie Ledebur, Sarah Lempp, Maria Christina Müller, Martin Mulsow, Bettina Paul, Henning Schmidgen, Martin Wieser und Mariia Zimina

Poster Programm

Wahrheit scheint nur dann sinnvoll zu sein, wenn sie als zeit- und subjektunabhängig be­griffen wird. Und doch ist sie auf innigste Weise auf Praktiken angewiesen, die Akteure in bestimmten Situationen ausüben, auf Techniken, die eingeübt und Verfahren, die angewandt werden. Das, was die Semantik und die kommunikative Logik von Formen von Wahrheit in Gang setzt, scheinen dabei spezifische Formen des Umgangs (mit Subjekten, Positionen, Wissen etc.) zu sein. Wir nehmen an, dass Wahrheit unter anderem als Differenzeffekt auftritt, Liminalität markiert oder Ambiguität reduziert, etwa in Grenzdiskursen oder Situa­tionen (krisenhafter) Unübersichtlichkeit und Unsicherheit. So wird Wahrheit implizit im Rahmen von Praktiken der Wissensvermittlung eingesetzt, um Wissen von Nichtwissen zu unterscheiden, wird angerufen, um sich seiner selbst zu vergewissern, um transitorisches Wis­sen in Streitsituationen zu arretieren, zu qualifizieren oder von Pseudowissen abzusetzen, dient als regulative Idee der Motivation von Erkenntnisfortschritt, oder als (in-)offizielle Wahrheit der Ausübung von Macht bzw. dem Aufruf zur Subversion.

Im Rahmen operativer Praxisfelder verschiedener humanwissenschaftlicher, administrativ-technischer oder juristischer Bereiche findet sich ein ganzes Ensemble in dieser Hinsicht re­levanter Prozeduren: Praktiken des Beobachtens, Analysierens, Durchleuchtens, Ergründens und Ermittelns; des Befragens, Verhörens und des Testens; des Abhörens, Aushorchens und Auskundschaftens; das Durchschauen, Enträtseln und Dekodieren, das Aufdecken und Ent­hüllen; das Offenbaren, Bekennen, Gestehen und Beichten, das Ausplaudern, Wahrsprechen und Lügen.

Der Workshop begreift diese verschiedenen Wahrheitspraktiken als Indizien für unterschied­liche Wahrheitsregime, mit ihren je eigenen exemplarischen Szenen, Figuren und Theorien. Er möchte der Frage, wie Wahrheit in jeweils relevanten gesellschaftlichen Feldern einge­setzt, erzeugt und problematisiert wurde, in einer breiten wissenshistorischen Perspektive mit einem historischen Schwerpunkt auf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nachgehen. Die Beiträge sollen einen Schwerpunkt auf die unterschiedlichen Praxisformen der Wahrheitsfin­dung legen und die Frage aufwerfen, ob und in welcher Weise sich unterschiedliche Wahrheitsregimes bestimmen und voneinander abgrenzen lassen.

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