Universität Erfurt

Max-Weber-Kolleg

Apl. Prof. Dr. Andres Quero-Sanchez

Assoziierter Gastwissenschaftler am Max-Weber-Kolleg

 

 

Forschungsprojekt

»Der ewige Begriff des Individuums«: Eine historisch-philologisch-systematische Untersuchung der ›mystischen Vernunft‹ und deren Rezeption im Werk Schellings (gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft [QU 258/3, Antragsteller: Andrés Quero-Sanchez])


Fachliche Zuordnung Katholische Theologie
Förderung Förderung seit 2015
Projektkennung Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
Institut für Philosophie (Universität Regensburg) / Meister-Eckhart-Forschungsstelle, Universität Erfurt (in Zusammenarbeit mit Dietmar Mieth und Markus Vinzent)

Die ‚Kongenialität‘ zwischen der Mystik Meister Eckharts und der Philosophie des Deutschen Idealismus ist schon im 19. Jahrhundert – bekanntlich sogar von Hegel selbst – erkannt worden. Die spätere Eckhartforschung wollte mit einer solchen Feststellung insbesondere die Modernität des Denkens Eckharts hervorheben (KURT FLASCH, BURKHARD MOJSISCH); die Idealismusforschung wollte ihrerseits damit vor allem die theologische (ERNST BENZ) oder gar irrationale (ROBERT SCHNEIDER) Grundlage des Denkens Schellings und Hegels ans Licht kommen lassen. Man kann jedoch zeigen, dass weder die Mystik Eckharts als ‚irrational‘ zu bezeichnen ist noch das Denken des neuzeitlichen Idealismus ohne Weiteres als ‚modern‘. Zum Einen wird die Mystik Eckharts durch eine bestimmte Auffassung der Vernunft – Vernunft nämlich als absolute Vernunft – konstituiert; zum Anderen bringt der neuzeitliche Idealismus eine Kritik an der im Sinne der französischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts verstandenen Modernität mit sich, wobei aus einer solchen Kritik freilich eine neue, eben kritische Redefinition der Modernität entstehen wird, die inzwischen sogar unser Modernitätsverständnis entscheidend prägt. Der Deutsche Idealismus wäre dann – zumindest zum Teil – als Wiederaufnahme der mystischen – sprich: absoluten, unmittelbaren – Vernunft zur kritischen Redefinition der Modernität zu betrachten. Nachdem in verschiedenen Andrés Quero-Sánchez in den letzten Jahren publizierten Studien der – sowohl sachliche als auch historisch-philologische – Zusammenhang zwischen Eckharts Predigten und den Schriften Schellings nachgewiesen worden ist, sollen nun weitere von Schelling nachweislich rezipierte ‚mystische‘ Autoren untersucht werden: Tauler (einschließlich des anonymen ›Buchs zur geistigen Armuth‹), Böhme, Silesius, Swedenborg, Bengel, Oetinger, Hahn und Baader. Die Untersuchung all dieser Autoren soll – erstens – klären, ob sie als Vermittler der Schriften Eckharts in Frage kommen, womit ein wichtiger Beitrag zur Forschung der Eckhart-Rezeption geleistet werden soll (Quero-Sánchez). Es soll zudem – zweitens – die Frage nach Schellings Rezeption einzelner ›mystischer‹ Motive untersucht werden (Quero-Sánchez). Es soll – drittens und vor allem – die auf Schelling wirkende ›mystische‹ Tradition einer an der Sache orientierten Analyse unterzogen werden, bei welcher es nun nicht bloß um wiederaufgenommene ›Motive‹ geht, sondern um die sachliche Frage selbst (Mieth, Quero-Sánchez), und zwar bezüglich folgender vier Themen: (1) Armut als philosophisch-theologischer Begriff. (2) Das Verständnis der Individualität und überhaupt der Endlichkeit. (3) Bedeutung und Rolle der Begriffe ›Warumlosigkeit‹ und ›Absolutheit‹, insbesondere Bedeutung und Rolle der ›absoluten Vernunft‹. (4) Das Verhältnis von Mystik und Rationalität. Die sachliche Analyse der Texte steht somit im Mittelpunkt des Interesses, welche freilich im Lichte des relevanten historisch-philologischen Kontexts durchgeführt wird, und das heißt – was die ‚Mystik‘ Eckharts angeht – vor allem (wie die neueste Forschung gezeigt hat und gerade zeigt): im Lichte der philosophisch-theologischen Debatten an der Pariser Universität um 1300 (Vinzent). Die letztlich sachliche Orientierung des freilich mittels konkreter kontextbezogener Untersuchungen durchzuführenden Projekts soll schließlich ermöglichen, die Frage nach der Rolle und den Chancen der ›mystischen Vernunft‹ in aktuellen philosophisch-theologischen Debatten zu erörtern (Mieth).

Nachdem in der ersten Förderungsperiode der Einfluss mystischer Autoren (Meister Eckhart, Johannes Tauler, das Pseudo-Taulerische Buch von der geistigen Armut, Jakob Böhme, Angelus Silesius, Philipp Matthäus Hahn, Friedrich Christoph Oetinger und Franz von Baader) auf Schellings Werke bis 1826 untersucht wurde, sollen nun in der zweiten Förderungsperiode dieselben Autoren (zusätztlich Johann Albrecht Bengels) im Hinblick auf deren Einfluss auf Schellings Philosophie von 1826 bis 1846 untersucht werden, d.h. auf die sowohl im zweiten Münchener als auch im Berliner Aufenthalt entstandenen Schriften. Im Mittelpunkt des Interesses stehen deshalb Schellings Philosophie der Offenbarung, seine Philosophie der Mythologie und das Verhältnis von positiver und negativer Philosophie. Vorarbeiten haben bereits nahegelegt, dass gerade die Begriffe Offenbarung und Mythologie von Schelling in einer für Autoren wie Böhme, Bengel, Hahn und – vor allem – Oetinger charakteristischen Bedeutung gebraucht, die näher zu bestimmen sein wird. Beide Begriffe sind also mystischen Ursprungs – was jedoch nicht bedeutet, dass Schelling spätes Denken als einen Rückfall in den Irrationalismus zu betrachten wäre. Vielmehr ist er dabei, die der Mystik zugrundeliegende rationale Struktur herauszudestilieren und sie für die philosophische Debatten seiner Zeit fruchtbar zu machen. Ein besonderer Schwerpunkt in dieser zweiten Förderungsperiode liegt auf der Analyse des Verhältnisses von Platonismus und Aristotelismus im Spätwerk Schellings sowie auf dessen Rezeption derjenigen Stellen im Werk Oetingers, in welcher dieser – indirekt – Meister Eckharts Predigten sie kritisierend rezipiert. Mittelpunkt des Interesses ist darüber hinaus noch das Verhältnis von Mystik, Vernunft und Modernität.

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