Universität Erfurt

Forschungsmethoden und Methodenbücher

Forschungsmethoden: Spezifikum des wissenschaftlichen Arbeitens

Eine Methode ist ein planmäßiges und zielgerichtetes Verfahren, Vorgehen. Sie ist ein entschiedener Weg bzw. die auf Planung und Zielerreichung beruhende Ausführung/Realisierung einer geistig vorweggenommenen (antizipierten) Handlungsfolge.

Im Kontext des wissenschaftlichen Arbeitens sind Methoden Untersuchungsverfahren, also Tätigkeiten, um Forschungsergebnisse zu erarbeiten. Forschungsmethoden werden planmäßig, zielgerichtet und systematisch angewendet und auf ebensolche Weise erkundet und entwickelt.

Die Forschungsmethoden sind essenziell für das wissenschaftliche Arbeiten. Sie sind dasjenige, wodurch eine bestimmte Art von menschlichem Tun zum wissenschaftlichen, zur Wissenschaft wird.  "Die M[ethode] gilt als Charakteristikum für die wissenschaftlichen Verfahren, und damit – pars pro toto [der Teil steht für das Ganze] – als Kennzeichen der Wissenschaften selbst. Den Wissenschaften geht als Teil der Logik (im weiteren Sinne) eine Methodenlehre (Methodologie) voraus, die den wichtigsten Teil der Wissenschaftstheorie bildet." (1)

(1) Lorenz, Kuno: Methode, in: Mittelstraß, Jürgen (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Bd. 2, H – O, Stuttgart, Metzler, 1995, S. 876 – 879, dort S. 876

Durch den Fokus auf das forschungsmethodische Vorgehen kann wissenschaftliches Arbeiten nicht nur als eine spezielle Denkungsart, sondern sogar als eine spezielle Haltung zur Welt, welche vom Streben, ausgewählte Weltausschnitte wissenschaftlich zu durchdringen, geprägt ist, beschrieben werden.

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Große Methoden. Arten wissenschaftlicher Arbeiten


Überblick

  1. Quellen untersuchendes Vorgehen. Quellen untersuchende Arbeiten
  2. Empirisches Vorgehen. Empirische Arbeiten
  3. Auf Anwendung ausgerichtetes Vorgehen. Angewandte Arbeiten
  4. Theoretisieren/Philosophieren. Theoretische/philosophische Arbeiten
  5. Wissen zu einem Thema zusammenführen. Zusammenfassende Arbeiten
  6. Kombinationen und Mischformen aus 1 – 5. Polymethodische (vom Forschungsansatz mehrmethodische) und interdisziplinäre Arbeiten
  7. Künstlerisches Tun wissenschaftlich begleiten und nachbereiten. Künstlerisch-wissenschaftliche Arbeiten

Weitere Vorgehensweisen und daraus erwachsende Arbeiten müssten einer achten Gruppe zugeordnet werden.

Gruppiert man die Forschungsmethoden und die aus ihnen erwachsenden wissenschaftlichen Arbeiten, so lassen sich sieben große Vorgehensweisen und Arten von Arbeiten bestimmen:

  1. Quellen untersuchendes Vorgehen. Es entstehen Quellen untersuchende Arbeiten (typisch und häufig in den Geisteswissenschaften, z. B. der Geschichtswissenschaft, Kunstwissenschaft, Literaturwissenschaft): Du stellst eine Sammlung von Primärquellen zusammen. Die Primärquellensammlung wird Korpus genannt. Das Korpus kann aus einer einzigen Primärquelle bis hin zu mehreren bestehen. Die Quellen werden in der Regel beschrieben, analysiert und interpretiert. Eventuell wird auch begründet, warum gerade diese Quellen in das Korpus aufgenommen worden sind. Quellenauswahl, Quellensammlung, Quellenkritik, Quellenbeschreibung, Quellenanalyse, Quellenvergleich, Quelleninterpretation, Quellendatierung, Chronologisierung sind hier einige der Methoden.

    Beispiele für derartige Arbeiten:
    • Das Ereignis X in der Tagespresse, ein Vergleich der Berichterstattung und Reflexion über das Ereignis in einer regionalen Zeitung und in einer überregionalen Zeitung
    • Lesebücher der ersten Klasse – ein Vergleich
    • Bilderbücher zum Thema "Tod" und "Sterben"
    • Die Stadt Erfurt im Reiseführer – eine diachrone Untersuchung
    • Magersucht – wie Betroffene in Erlebnisberichten die Erkrankung darstellen
    • Die Widmungsexemplare der Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel (1922 – 2003) in der Universitätsbibliothek Erfurt
    • Das Gedicht "Psalm" (Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm) von Paul Celan (1920 – 1970)
    • Das Zedler-Lexikon ("Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste" von Johann Heinrich Zedler [1706 – 1751])
    • Die Songtexte der Rockband "Silly", welche von Tamara Danz (1952 – 1996) gesungen worden sind
  2. Empirisches Vorgehen. Es entstehen empirische Arbeiten (typisch in den Sozial- und Naturwissenschaften, z. B. der Soziologie, Psychologie, Chemie): Du sammelst mit Deinen Sinnen Erfahrungen. (Empirie = Erfahrung.) Du sammelst Daten durch Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten. Die wichtigen Verfahren sind: Beobachten, Experimentieren und Befragen. Man unterscheidet dabei zwischen qualitativem und quantitativem Forschen. Beim quantitativen Forschen werden die erhobenen Daten einer statistischen Auswertung unterzogen.

    Beispiele für derartige Arbeiten:
    • Lesegewohnheiten bei den Schülerinnen und Schülern meiner Klasse
    • Ich habe keine Angst. Zukunftsängste bei Jugendlichen?! – untersucht am Beispiel der Schülerinnen und Schüler meiner Klasse
    • Lebensweisheiten – ein Vergleich der Aussagen von Großeltern, Eltern und Jugendlichen, untersucht am Beispiel der Aussagen der Schülerinnen und Schüler meiner Klasse und derer Eltern und Großeltern
    • Frei lebende Tiere in meinem Heimatort (Welche leben dort, wo leben sie, verbleiben sie dauerhaft oder nur zeitweilig?) – eine Beobachtungsstudie
    • Speichermaterial Papier – die Veränderung unterschiedlicher Papiersorten durch Wärme, durch Feuchtigkeit, durch Licht – eine Experimentalreihe
  3. Auf Anwendung ausgerichtetes Vorgehen. Es entstehen angewandte Arbeiten (typisch in den auf Anwendung ausgerichteten Wissenschaften, z. B. Technikwissenschaften, beispielsweise der Informatik; Teilbereichen der Wirtschaftswissenschaft; typisch auch an den auf Wissensanwendung ausgerichteten Fachhochschulen): Du wählst einen bestimmten Lebenszusammenhang der Menschen aus. Du bestimmst den Istzustand, planst einen Sollzustand, erarbeitest ein Konzept zur Erreichung des Sollzustandes und setzt eventuell auch noch Dein Konzept um und dokumentierst dabei, ob das Konzept funktioniert hat oder ob es weiterzuentwickeln ist. Oder: Du ermittelst ein bestimmtes Problem im Lebensvollzug der Menschen, also ein Alltagsproblem. Für dieses erarbeitest Du einen Lösungsansatz und eventuell sogar die Lösung. Oder: Du entwickelst/erfindest ein bestimmtes Objekt sowie begründest und reflektierst das Objekt. Bei diesen Arbeiten geht es darum, Lebenswelt zu verändern. Stets sind sie gegenwartsbezogen und praxisorientiert.

    Beispiele für derartige Arbeiten:
    • Eine Informations-/Aufklärungskampagne entwickeln
    • Einen Sendeplan für einen Rundfunksender erarbeiten
    • Eine Stadtführung konzipieren
    • Ein Computerprogramm entwickeln
    • Ein Musikfestival planen
    • Ein Schulbuch entwerfen
    • Einen Stadtpark planen
    • Die Wiederbelebung eines Stadtteils konzipieren
    • Eine wissenschaftliche Ausstellung erarbeiten
    • Ein Solarauto entwickeln
    • Ein Ökohaus/Niedrigenergiehaus entwerfen
    Es gilt die "neue" Praxis zu begründen! Insofern bestehen angewandte Arbeiten in der Regel aus einem Theorie- und einem Praxisteil. Ein Methodenmix ist für diese Arbeiten typisch.

  4. Theoretisieren/Philosophieren. Es entstehen theoretische/philosophische Arbeiten (in allen Wissenschaften möglich, insbesondere in Mathematik, theoretischer Physik, typisch für Philosophie und Theologie): Bei dieser Gruppe von wissenschaftlichen Arbeiten handelt es sich um Sprachwerke, in denen überwiegend gedanklich konstruierend und/oder dekonstruierend vorgegangen bzw. in denen mit geistigen Abbildern, mit Verallgemeinerungen, Abstraktionen operiert wird. Es sind Texte mit einer sehr hohen Verallgemeinerungsstufe. Sie sind dem "reinen Denken" verpflichtet und erwachsen aus einer Liebe zur Weisheit. "Im modernen Sinn bedeutet T[heorie] den Entwurf reiner Möglichkeitsstrukturen, der jeder experimentellen bzw. historischen Verifizierung [Bestätigung] vorausgreift u[nd] so erst den Raum schafft für die natur- bzw. geschichtswissenschaftl[iche] Forschung, durch welche der 'theoretische Rahmen' zwar bewährt, doch nie endgültig verifiziert [durch Überprüfung bestätigt], wohl aber falsifiziert [widerlegt] [...] werden kann." (2) Dazugehörige Verfahren sind z. B. Analogiebildung, Induktion, Deduktion, These, Hypothese, Synthese, Dialektik, Pars pro toto, Totum pro parte, Kausalität, Axiombildung.

    (2) Halder, Alois; Müller, Max: Theorie, in: Halder, Alois; Müller, Max: Philosophisches Wörterbuch, erweiterte Neuausgabe, Neubearbeitung des unter Mitarbeit von Hans Brockard, Severin Müller und Wolfgang Welsch herausgegebenen "Kleinen philosophischen Wörterbuchs", 3. Aufl., Freiburg, Herder, 1997 (Herder Spektrum, Bd. 4151), S. 311 – 312, dort S. 311

    Beispiele für derartige Arbeiten:
    • Lebenssinn
    • Wann beginnt menschliches Leben? – Grundfragen der Ethik
    • Von der Erkennbarkeit der Welt
    • Von der Rechtmäßigkeit oder Unrechtmäßigkeit der Selbstverteidigung
    • Frieden – Zustand oder Weg?
    • Was ist Schönheit?
    • Ich glaube.
  5. Wissen zu einem Thema zusammenführen, das meint: vorhandenes, in der Sekundärliteratur veröffentlichtes Wissen zu einem bestimmten Thema zusammenfassen, unter einem bestimmten Fokus zusammenstellen, bündeln. Es entstehen zusammenfassende Arbeiten bzw. Sekundärliteratur auswertende und Wissen aus Sekundärliteratur bündelnde Arbeiten. Das Wissen zu dem gewählten Thema kann dabei auf unterschiedliche Weise zusammengeführt und neu dargestellt werden, z. B.
    • faktisch/faktographisch (die Daten und Fakten, die bisher nur verstreut veröffentlicht bzw. zugänglich waren, jetzt bündelnd, nur nennend, auflistend [Die Daten und Fakten können zusätzlich auch beschrieben und/oder erläutert werden.);
    • diskursiv (erörternd, unterschiedliche wissenschaftliche Positionen zu ein und demselben Untersuchungsgegenstand aufzeigend, verschiedene Arbeitsergebnisse zu ein und derselben Fragestellung gegeneinander abwägend);
    • chronologisch (in zeitlicher Abfolge, Entwicklungen aufzeigend, Perioden bestimmend);
    • edukativ (zum Lehrzweck ausgewählt und aufbereitet, Lernvorgänge anderer fördernd);
    • vergleichend (Gemeinsamkeiten und Unterschiede bestimmend);
    • biographisch (alles über eine Person aufführend);
    • bezüglich (Wissen zu unterschiedlichen Sachverhalten jetzt kombinierend, Relationen herstellend, z. B. zwischen Informationen zum "literarischen Leben/zur literarischen Produktion" und "Zeitereignissen").
    Beispiele für derartige Arbeiten:
    • Der derzeitige Wissensstand zum Thema „Klimakatastrophe“ – ein Literaturbericht anhand der deutschsprachigen Forschungsliteratur des Zeitraums 2000 bis 2010
    • Wer war Margo Lion (1899 - 1989)? Rekonstruktion eines Lebenslaufes anhand der Sekundärliteratur
    • Wie Zeitereignisse das literarische Leben und die literarische Produktion beeinflussen (die Anschläge auf das World Trade Center in New York City am 11. September 2001 und die Verarbeitung des Ereignisses durch die Schriftsteller), mit Hilfe von Sekundärliteratur (a) zum literarischen Leben/zur literarischen Produktion, (b) zum Ereignis 11. September und (c) zum literarischen Leben/zur literarischen Produktion in Verbindung zum Ereignis 11. September. [Diese Arbeit, die zunächst auf Sekundärliteratur beruht, könnte ein Teil innerhalb einer Seminarfacharbeit sein. Auf diesen könnte in einer Seminarfacharbeit ein Quellen untersuchender folgen, z. B. könnten zwei literarische Texte ausgewählt und unter dem Blickwinkel "Wie Zeitereignisse Literatur beeinflussen" analysiert und interpretiert werden.]
  6. Kombinationen und Mischformen aus 1 – 5. Es entstehen polymethodische (vom Forschungsansatz mehrmethodische) und interdisziplinäre Arbeiten.

  7. Künstlerisches Tun wissenschaftlich begleiten und nachbereiten. Es entstehen künstlerisch-wissenschaftliche Arbeiten (typisch an Kunsthochschulen): Diese Arbeiten stellen eine Sonderform dar, da ausschließlich der wissenschaftliche Teil nach den Prinzipien der Wissenschaft erarbeitet wird. Du konzipierst und gestaltest eine künstlerische Arbeit. Den Prozess des Konzipierens und Realisierens dokumentierst und kommentierst Du. Das fertige künstlerische Arbeitsergebnis reflektierst Du. Du gehst insbesondere auf die Form, den Inhalt und den Zusammenhang zwischen beidem ein. Schließlich folgt ein wissenschaftlicher, und zwar ein kunsthistorischer und/oder -theoretischer Teil. In Vorbereitung auf ein Studium an einer Kunsthochschule kannst Du eine künstlerisch-wissenschaftliche Arbeit im Rahmen des Seminarfachunterrichts probieren.

Weitere Vorgehensweisen und Arbeiten müssten einer achten Gruppe zugeordnet werden.

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Methodenbücher

In jeder Wissenschaft haben Forschende Untersuchungsmethoden entwickelt. Die Methoden, die als zum Ziel führend eingeschätzt worden sind und sich auch immer wieder als relevant erwiesen haben, sind in sogenannten Methodenbüchern der einzelnen Wissenschaften dokumentiert worden. In Methodenbüchern erfährst Du, welche Verfahren zu begründetem, überprüfbarem und weitgehend irrtumsfreiem Wissen führen, was die Methoden untersuchen können und was mit ihnen nicht untersuchbar ist. Auch wird Dir erläutert, wie die Methoden anzuwenden sind.

Methodenbücher kannst Du in der UB Erfurt auf zweierlei Art finden:

  1. Schau in die Regensburger Verbundklassifikation (RVK) hinein. Dort gibt es "Schubladen" für Methodenbücher. Zwei wichtige Stellen für Dich könnten MR 2000 (sozialwissenschaftliche Methoden) und EC 1600 (literaturwissenschaftliche Methoden) sein.
  2. Du kannst auch im Katalog der UFB Erfurt/Gotha nach Methodenbüchern suchen. Stell die Suchkategorie "Schlagwort [SLW]" ein und tippe ins Suchfeld folgende Anfrage: ((methode oder forschungsmethode) und lehrbuch) nicht unterrichtsmethode. Oder tippe sie – ergänzt um ein Wissenschaftsfach – ein: ((methode oder forschungsmethode) und lehrbuch und psychologie) nicht unterrichtsmethode.

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Impulse

  1. Rufe die Regensburger Verbundklassifikation (RVK) auf! Für welche Inhalte stehen die "Schubladen"-Codierungen (Notationen) MR 2000 und EC 1600?
  2. Findest Du in der Regensburger Verbundklassifikation (RVK) zusätzlich zu MR 2000 und EC 1600 weitere Stellen, wo sich Methodenbücher befinden? Suche zwei weitere Stellen heraus!
  3. Wähle ein Buch aus MR 2000 oder EC 1600 aus! Wähle in diesem Methodenbuch eine Methode: Beschäftige Dich mit dieser und stelle sie Deinen Mitschülerinnen und Mitschülern vor!
  4. Welche Forschungsmethoden hast Du bereits im Fachunterricht kennengelernt?
  5. Gibt es Forschungsmethoden, die Dir besonders liegen bzw. Spaß machen?
  6. Mach Dich auf die Suche nach Forschungsmethoden! Schau in Methodenbücher hinein, frage Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, recherchiere in Datenbanken usw.! Schreibe die Namen der Methoden auf und notiere eine Kurzerklärung!
  7. Was ist eigentlich Explorieren, Kasuistik, Feldforschung, Darstellung des äußeren Lebenslaufs, Darstellung des inneren Lebenslaufs, ein feministischer Interpretationsansatz, teilnehmende Beobachtung?

Wähle für Deine Seminarfacharbeit eine Methode, die geeignet ist, das herauszubekommen, was Du tatsächlich ermitteln willst! Mach Dich mit dieser Methode frühzeitig vertraut! Die Methode sollte Dir auch liegen, das meint, Deinen Erkennensvorlieben und Deiner Erkennensdisposition entsprechen!

Wenn Du gern Texte interpretierst, könntest Du eine Seminarfacharbeit schreiben, die auf der Grundlage von Textinterpretationen entsteht. Wenn Du das Anfertigen von Berechnungen nicht magst, solltest Du statistische Verfahren in Deiner Seminarfacharbeit vermeiden. Wenn Du gern angewandt arbeitest, dann solltest Du Dir auch ein praxisrelevantes Thema suchen.

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