Universität Erfurt

Die Sammlung Teufel

Kunst

Exemplarisch wird hier von Nadine Werner ein expressionistisches Kinderbuch vorgestellt. Die Autorin ist Studentin der Universität Erfurt und hat den Beitrag während eines Praktikums in der Bibliothek erarbeitet.

Der Widiwondelwald von Hilde Krüger

Das aus bunten Dreiecken bestehende Bilderbuch der Widiwondelwald (1924) von Hilde Krüger zählt zu den wenigen, expressionistisch illustrierten Kinderbüchern aus der Zeit der Weimarer Republik. Diese vom Expressionismus und anderen modernen Kunstrichtungen beeinflussten Bilderbücher werden heute wegen ihrer Seltenheit und künstlerischen Qualität äußerst geschätzt und hochpreisig auf Auktionen verkauft. Sie zählen, wie auch der Widiwondelwald, zu den Rara (seltenen Gegenständen).

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Zum Buch

Der Arno Holz zugeeignete Widiwondelwald besteht aus je einer Seite mit achtzeiligen Versen und einer Bilderseite. Insgesamt weist das Buch zwölf Verse mit dazugehörigem Bild auf. Die Hexe Widiwondel (siehe Bild 2) hat verschiedene Wesen eines Fantasiewaldes erschaffen, deren Tätigkeiten in den Versen beschrieben, und in den Bildern aus bunten Dreiecken dargestellt werden. Darunter befinden sich z.B. der Wiedehupf, der Wiesenschreck, die Tannengeister oder die Nußhexe (siehe Bilder 3-6). Die Einflüsse des Kubismus spiegeln sich im Dreieck wieder, was elementare Grundform der Bilder und damit der Fantasiewelt und ihrer Wesen ist.

Widmung für Arno Holz
Die Widiwondel
Wiedehupf
Wiesenschreck
Tannengeister
Nusshexe

Zur Autorin

Zu Hilde (auch Hilda) Krüger, die vermutlich 1883 oder 1893 geboren wurde, lassen sich bemerkenswerterweise in den einschlägigen Nachschlagewerken keine Lebensdaten ermitteln. Gleichwohl kann sie als Hauptvertreterin dieser Kinderliteratur gesehen werden. In der überschaubaren Literatur, die sich mit expressionistischen Kinderbüchern aus der Weimarer Republik beschäftigt, wird sie meist als erste (und einzige) erwähnt. Diese Umstände machen den Widiwondelwald umso interessanter und bieten dem geneigten Liebhaber selbst die Möglichkeit, dem Leben der Autorin und dem Grund ihres „Vergessens“ nachzugehen. Daneben hat Hilde Krüger zwei weitere Bilderbücher verfasst, die inhaltlich auf dem Widiwondelwald (1924) aufbauen und ebenfalls kubistisch beeinflusst sind: Der Wünschebold (1925) und Hurleburles Wolkenreise (1926). Im Wünschebold geht es wieder um die Hexe Widiwondel, vor allem aber um die Geschichte vom Hexenmeister Flubis. In Hurleburles Wolkenreise werden die Erlebnisse Hurleburles, dem Sohn von Widiwondel, auf einer Wolke erzählt.

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Wandel in der Rezeption von expressionistischen Kinderbüchern

Interessanterweise wurde von zeitgenössischen Kritikern die heutige Auffassung vom pädagogischen Nutzen der expressionistischen Bilderbücher für Kinder nicht geteilt. Besonders wird heute die Anregung des kindlichen Denkens durch die Assoziationsmöglichkeiten der kubistischen Darstellungen betont, worauf Altner in Bezug auf den Widiwondelwald hinweist:
„Die Formen der Pflanzen, Tiere und menschenähnlichen Wesen erscheinen, aus bunten Dreiecken zusammengesetzt, fremdartig und bekannt zugleich. Lebendigkeit erhält die starre Welt durch den Betrachter, wenn er die Dreiecksfiguren als lebendig anerkennt. Das grüne Dreieck gewinnt erst Leben, wenn es als Gras oder Busch betrachtet wird, das weiße Dreieck erst als Wolke usw. Diese Dechiffrierung der durch Dreiecke verschlüsselten Formen stellt den kindlichen Betrachter vor die Aufgabe der Abstraktion von der natürlichen Gegenstandsform. Phantasie und Erinnerungsvermögen sind gefragt. In einigen gelingt es Hilde Krüger, eine Spannung zu erzeugen, die das Betrachten zum Abenteuer macht.“ (Altner 1991:81f.)
Im Gegensatz dazu steht die Haltung der zeitgenössischen Kritiker und Käufer. Sie standen diesen Büchern, die sie als „experimentell“ und nicht kindgerecht abwerteten, skeptisch bis ablehnend gegenüber. Diese Haltung wirkte sich bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg aus und vertrat die konventionellen Standpunkte der Schulpädagogik mit ihren Vorstellungen eines didaktischen Bilderbuches. Nur wenige vom Expressionismus beeinflusste Bilderbücher wurden daher gedruckt, zudem nur in kleinsten Auflagen. Viele Verlage brachten nicht den Mut auf, Kinderbücher, in denen moderne Kunstrichtungen verarbeitet wurden, zu publizieren. Der Expressionismus konnte sich dadurch nicht im Bilderbuch durchsetzen. Vor diesem Hintergrund erklären sich der hohe Wert des Widiwondelwald und das gesteigerte Interesse an diesem seltenen Bilderbuch.
Zwei Rezeptionen verdeutlichen die Auffassung der Kritiker zu den kubistischen Einflüssen in Hilde Krügers Bilderbuch. Bereits 1927, drei Jahre nach Erscheinen des Widiwondelwald, gab Köster zu bedenken:
 „[…] Von besonderer Eigenart ist der Widiwondelwald von Hilda Krüger, ein Bilderbuch aus lauter Dreiecken, eine Auswirkung des Kubismus. Man muß die Phantasie, die überraschende Ausdrucksfähigkeit und die fesselnde Farbigkeit anerkennen, aber man empfindet die Art doch mehr als Künstelei denn als Kunst, man empfindet sie als Kuriosität, den Kindern, besonders den kleineren, sagen die Bilder zu wenig.“ (Köster 1972:65.) Weiter äußerte sich Dyhrenfurth-Graebsch 1951 abwertend zum Widiwondelwald:
„Unter Geschmacksverirrungen hat das Jugendbuch immer einmal zu leiden gehabt, und so kann es nicht verwundern, daß selbst der Kubismus bis ins Bilderbuch vordrang. […] Man kann es [den Widiwondelwald, Anm. v. Autor] als eine Probe für die vielfältige Wirkung, die man mit bunten Dreiecken erzielen kann, werten, und als solche mag es vielleicht das Spiel von Kindern angeregt haben, als Bilderbuch aber bleibt es zum mindesten eine vereinzelte Merkwürdigkeit.“ (Dyhrenfurth-Graebsch 1951:259.)

Der Widiwondelwald von Hilde Krüger ist ein seltenes und wertvolles Buch, was nicht in jeder beliebigen Bibliothek anzutreffen ist. Es trägt mit zur Besonderheit der Sammlung Teufel bei und verdeutlicht einmal mehr ihre breite Vielfalt. 

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Literatur

ALTNER, Manfred (1991): Kinder- und Jugendliteratur der Weimarer Republik. – Frankfurt am Main [u.a.]: Lang.

BRUNKEN, Otto (2000): Kinder- und Jugendliteratur von den Anfängen bis 1945. Ein Überblick. In: Lange, Günter (Hg.): Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur. Band 1, Grundlagen-Gattungen. – Bultmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren, S. 17-96.

DYHRENFURTH-GRAEBSCH, Irene (1951): Geschichte des deutschen Jugendbuches. Mit 19 Abbildungen im Text und 27 Tafeln. – Hamburg: Stichnote (2. Auflage).

KÖSTER, Hermann Leopold (1972): Geschichte der deutschen Jugendliteratur. Mit einem Nachwort und einer annotierten Bibliografie von Walter Scherf. – München-Pullach [u.a.]: Verlag Dokumentation (unveränderter, berechtigter Nachdruck der vierten Auflage 1927).

KUNZE, Horst und WEGEHAUPT, Heinz (1985): Spiegel proletarischer Kinder- und Jugendliteratur. 1870-1936. – Berlin: Kinderbuchverlag.

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