University of Erfurt

Erfurt School of Education (ESE)

Promovierende

Nadine Böhme

nadine.boehme@uni-erfurt.de

Quasiexperimentelle Evaluation eines Mathematikbrückenkurses für Lehramtsstudienanfänger

Eine erfolgreiche Lehrerausbildung sollte angehenden Lehrkräften ermöglichen, professionelle Kompetenz zur Bewältigung der Anforderungen in ihrem späteren Berufsfeld zu erwerben. Fachliches und fachdidaktisches Wissen stellen unter anderem substanzielle Elemente einer solchen Kompetenz dar (Blömeke et al., 2010a, Blömeke et al., 2010b). Im Rahmen des Forschungsvorhabens soll das mathematische Fachwissen im Vordergrund stehen. Der Wichtigkeit des mathematischen Fachwissens steht gegenüber, dass Hochschullehrer seit Langem mit den Kenntnissen und Fähigkeiten ihrer Anfangssemester im Studienfach Mathematik unzufrieden sind. Es gibt bisher wenige empirische Studien zu der Übergangsproblematik von Schule zur Hochschule, wobei diese weitgehend auf allgemeine Personenmerkmale wie etwa Motivation oder Selbstregulation beziehen und nicht auf spezifische Studiengänge fokussiert  sind (u. a. Hoyles, C et al., 2001; Hodgson, 1998).

Erstaunlicherweise sind es nicht in erster Linie die fortgeschrittenen Inhalte aus der Schule, sondern vor allem die mathematischen Grundlagen wie beispielsweise das Bruchrechnen, Umformen algebraischer Ausdrücke oder Lösen von Gleichungen, also Thematiken der Mittelstufe, die nicht genügend gefestigt sind. Diese Lücken stehen dem Verständnis von Grundvorlesungen und Beispielrechnungen in Übungen im Wege. An vielen Hochschulen werden Brückenkurse oder Self-Assessments zur Verbesserung des Übergangs zwischen Schule und Hochschule angeboten.

Zur Selbsteinschätzung, zur gezielten Überwindung von Wissenslücken, zur Vertiefung der mathematischen Grundlagen, zur klaren Definition des Anforderungsprofils (Benchmark) und als eine Trainingsumgebung für ein selbstständiges Zeitmanagement im Kontext des Lernens, eignet sich besonders ein Online-System hervorragend (Krumke, S. et al., 2012).

Im Rahmen des Forschungsvorhabens sollen in einem ersten Schritt die Merkmale angehender Lehrkräfte für die Primarstufe und Sekundarstufe I und deren mathematisches Wissen bezüglich der für ihre schulische Tätigkeit relevanten Themengebiete erfasst werden. Orientiert wurde sich bei der Gestaltung an der Testkonstruktion von  TEDS-M 2008, der ersten internationalen Vergleichsstudie, die u. a. die Kompetenz angehender Mathematiklehrkräfte systematisch in den Fokus  stellt. Hierbei sollen die mathematischen Themenbereiche herauskristallisiert werden, die im Rahmen eines zusätzlichen Angebots zu Studienbeginn thematisiert werden müssen. Des Weiteren werden Vergleiche zu den Ergebnissen von  TEDS-M aufgestellt.

In einem nächsten Schritt werden die Erkenntnisse der ersten Studie zur Konzeption und Evaluation eines online basierten Brückenkurses genutzt. Innerhalb dieser Evaluation werden ein adaptives und ein nichtadaptives Lernmanagementsystem gegenübergestellt und hinsichtlich der Lernförderlichkeit analysiert. Ein adaptives Lernsystem zeichnet sich dadurch aus, dass das System sich automatisch an die Lernfortschritte und das Lernniveau des Lerners anpasst, ohne dass ein Eingriff von außen notwendig wird (Niegemann et al., 2008).

Forschungsfragen:

  • Wie ist das mathematische Niveau der angehenden Lehrkräfte der Primarstufe und Sekundarstufe I hinsichtlich der schulrelevanten Inhaltsgebiete ausgeprägt?
  • Lassen sich Beziehungen zwischen den Lernermerkmalen und dem mathematischen Wissen herstellen?
  • Schätzen Lernende, die mit einem adaptiven Lernmanagementsystem arbeiten, die Qualität der Lernumgebung höher ein, als die Lernenden, die mit einer Lernumgebung arbeiten, die nicht adaptiv ist?
  • Schätzen Lernende, die mit einem adaptiven Lernmanagementsystem arbeiten, die Schwierigkeit der Bearbeitung der Lernumgebung geringer  ein, als Lehrende, die mit einer Lernumgebung arbeiten, die nicht adaptiv ist?
  • Erzielen Lernende, die mit einem adaptiven Lernmanagementsystem gelernt haben, bei gleicher inhaltlicher Ausgestaltung bessere Ergebnisse in einem nachgestellten Leistungstest, als Lernende, die mit einem nichtadaptiven Lernmanagementsystem gearbeitet haben?

Literatur:

Blömeke, S. et al. (Hrsg.) (2010a): TEDS-M 2008. Professionelle Kompetenz und Lerngelegenheiten angehender Primarstufenlehrkräfte im internationalen Vergleich. Münster: Waxmann.

Blömeke, S. et al. (Hrsg.) (2010b): TEDS-M 2008. Professionelle Kompetenz und Lerngelegenheiten angehender Mathematiklehrkräfte für die Sekundarstufe I im internationalen Vergleich. Münster: Waxmann.

Hodgson, B. R. de et al. (1998): Difficulties in the passage from secondary to tertiary education.  In: G. Fischer and U. Rehmann, eds.,  Proceedings of the  International Congress of Mathematicians. (Berlin, 1998). Documenta Mathematica, Extra Volume ICM 98, volume III, pp. 747-762

Hoyles, C et al. (2001): Changing patterns of transition from school to university mathematics. International Journal of Mathematics Education in Science and Technology, 32, 829-846.

Krumke, S. et al. (2012):Der Online-Mathematik Brückenkurs OMB. Eine Chance zur Lösung der Probleme an der Schnittstelle Schule/Hochschule Der Online-Mathematik-Brückenkurs OMB. Mitteilungen der DMV 20, No. 2, 115-120.

Niegemann, H. M. et al. (2008): Kompendium multimediales Lernen. Berlin et al.: Springer.

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Lea Kallenbach

lea.kallenbach@uni-erfurt.de

Resonanz und Entfremdung im Paradigma der evidenzbasierten Steuerung des Schulsystems 

Mit dem Ziel einer Steigerung der Leistungsfähigkeit des Bildungswesens hat sich seit einigen Jahren ein Paradigmenwechsel in dessen Steuerung vollzogen. Wurde das Schulsystem zuvor durch eine zentrale, administrative Bildungsplanung gesteuert, liegt der Fokus nun auf einer verstärkten Outputorientierung und Evidenzbasierung. Hierzu wurden u.a. die schulischen Gestaltungsfreiräume ausgeweitet, sowie ein zentrales Qualitätsmanagement durch die Formulierung von Standards bzw. Qualitätskriterien und Evaluationen eingerichtet.

Im Zentrum des Paradigmas dieser evidenzbasierten Steuerung steht der Grundgedanke, auf der Basis solcher Evaluationen die Einzelschule, sowie auch das Schulsystem als Ganzes weiterentwickeln zu können. So sollen die gewonnenen Daten einerseits als Entwicklungsgrundlage für die Akteure der Ebene der Einzelschule, andererseits auch für die Akteure der politisch-administrativen Ebene dienen. Auf diese Weise wird eine mehr oder weniger direkte Mitgestaltung des Schulsystems durch alle Ebenen intendiert.

Fragen nach der Wirksamkeit dieser neuen Steuerung bilden ein zentrales Feld aktueller Diskussionen und Untersuchungen. Dabei wird häufig eine geringe, ambivalente oder andere als die intendierte Wirkung auf Schulentwicklungsprozesse identifiziert (vgl. z.B. Altrichter et al. 2016; Bellmann 2016). Solche Abweichungen werden dabei häufig als funktionale Defizite im Bereich der Schulentwicklungspraxis verstanden und analysiert (vgl. Goldmann 2017). Auf diesem Weg werden zwar Wirksamkeitsdefizite der Steuerungsinstrumente und mögliche Gründe hierfür erkannt, die Ursachensuche bleibt jedoch insofern erfolglos, als dass diese nicht die erhofften Optionen für eine Wirksamkeitssteigerung eröffnet (vgl. z.B. Fend 2014)

Die Resonanztheorie, welche sich durch eine "Radikalisierung der Beziehungsidee" charakterisiert (Rosa 2016, S. 62), bietet die Möglichkeit, eine neue Perspektive auf das Gelingen evidenzbasierter Steuerung einzunehmen, indem zunächst nicht die funktionale Umsetzung dieser, sondern die Beziehungen zwischen den Ebenen des Schulsystems als ausschlaggebend begriffen werden. Durch die Definition der theoretischen Basiskategorie der "Resonanz" als "Form der Weltbeziehung, in der sich Subjekt und Welt gegenseitig berühren und zugleich transformieren" (Rosa 2016, S. 298), wird die Idee der Mitgestaltung des Schulsystems durch alle Ebenen aufgegriffen. So können Resonanz und deren Pendant der Entfremdung als Analysekategorien für das Gelingen evidenzbasierter Steuerung betrachtet werden.

Aufgrund ihrer Schlüsselposition im Paradigma der Evidenzbasierung soll der Blick auf die Schulentwicklung und deren Akteure gerichtet werden, mit der Frage, welche handlungsleitenden Resonanz- und Entfremdungstendenzen der evidenzbasierten Steuerung sich in der Schulentwicklungspraxis der Einzelschule dokumentieren.

Zur methodischen Umsetzung sind Gruppendiskussionen mit Schulentwicklungsakteuren und deren dokumentarische Auswertung geplant, um Resonanz und Entfremdung, sowie deren handlungsleitende Eigenschaften zu rekonstruieren.

Literatur:

Altrichter, Herbert; Maag Merki, Katharina (2016): Steuerung der Entwicklung des Schulwesens. In: Altrichter, Herbert et al. (Hrsg.): Handbuch Neue Steuerung im Schulsystem. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften (S. 1-28).

Bellmann, Johannes (2016): Output-und Wettbewerbssteuerung im Schulsystem. In: Heinrich, Martin et al. (Hrsg.): Ambivalenzen des Ökonomischen: Analysen zur „Neuen Steuerung“ im Bildungssystem. Wiesbaden: Springer (S. 13-34).

Fend, Helmut (2014): Die Wirksamkeit der neuen Steuerung. Theoretische und methodische Probleme ihrer Evaluation. In: Maag Merki, Katharina et al. (Hrsg.): Educational Governance als Forschungsperspektive. Wiesbaden: Springer (S. 27-50).

Goldmann, Daniel (2017): Programmatik und Praxis der Schulentwicklung. Rekonstruktionen zu einem konstitutiven Spannungsverhältnis. Wiesbaden: Springer.

Rosa, Hartmut (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp.

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Daniel Kühne

daniel.kuehne@uni-erfurt.de

Systematische Leseförderung in der Grundschule durch Laut- und Vielleseverfahren

Walter (2017) konstatiert, dass im Rahmen der internationalen und deutschsprachigen Studien zur Leseförderung kein ausreichender Nachweis für einen Fördereffekt des Reading-While-Listening auf Leseverständnis und Leseflüssigkeit vorliegt. Deshalb hat er zwei eigene Pilotstudien durchgeführt und fordert weitere, langfristigere Studien mit deutlich mehr Probanden.

Einer unüberschaubaren Vielzahl von Leseförderungsansätzen und Unterrichtsideen zur Förderung der Lesekompetenz mit Hörbüchern und digitalen Medien (Vgl. Hoffmann/Spanhel 2013, Häuptle-Barceló/Willerich-Tocha 2015, Stiftung Lesen 2016) steht eine verschwindend geringe Zahl von Evaluationsstudien gegenüber. Vorhandene Studien sind sehr alt, untersuchen andere Zielgruppen wie leseschwache Erwachsene oder erwachsene Fremdsprachenlerner und sind methodisch zu beanstanden.

Ziel des Forschungsprojektes ist es, die Wirksamkeit von auf Laut- und Viellesen ausgerichteten Fördermaßnahmen in der Grundschule zu untersuchen.

Zur Überprüfung der Wirksamkeit einer auf Laut- und Viellesen ausgerichteten Förderung sollen zunächst Teile des "Lüneburger Modells" von Gailberger (2011) für die Klassenstufen 3 und 4 adaptiert, erprobt und evaluiert werden. Darauf aufbauend soll unter Nutzung digitaler Medien die Wirkung der Individualisierung der auditiven Begleitung des Lesens überprüft werden.

Folgende Forschungsfragen sollen bearbeitet werden:

  1. Kann die Wirksamkeit des hörbuchbegleiteten Lesens in den Klassenstufen 3 und 4 empirisch nachgewiesen werden?
  2. Ist die Wirksamkeit der Fördermaßnahme abhängig von der Lernausgangslage und der Lesemotivation?
  3. Kann die Wirksamkeit der Leseförderung durch Adaptation der Vorlesegeschwindigkeit an die Lesegeschwindigkeit des Lernenden erhöht werden?
  4. Ist die Förderung mit Hörbuchbegleitung beziehungsweise unter Nutzung individualisierter digitaler Werkzeuge effektiver als das Schaffen von verbindlichen Lesegelegenheiten im gleichen zeitlichen Umfang?

Dazu wird eine quasi-experimentelle Feldstudie zur Evaluation der Interventionen im Prä-Post-Follow-up-Design mit einer Experimentalgruppe und zwei Kontrollgruppen an fünf Erfurter Grundschulen mit insgesamt knapp 300 Probanden durchgeführt. Die Exeperimentalgruppe wird über einen Zeitraum von 15 Wochen im Umfang von 30 Förderungssitzungen à 30 - 45 Minuten gefördert. Ihr steh ein Non-Tatment-Kontrollgruppe gegenüber , die im gleichen Zeitraum keine Förderung im Bereich Lesen erhält. Eine zweite Kontrollgruppe wird in gleichem zeitlichen Umfang wie die Experimentalgruppe verbindliche, begleitete Lesegelegenheiten ohne mediale Unterstützung bekommen.

Zu drei Testzeitpunkten (Pratest, Posttest und Follow-up-Test) werden mehrere Testverfahren eingesetzt um die Leseflüssigkeit, das Leseverständnis und die Lesemotivation zu erfassen. So soll ein möglichst umfassendes Bild der Lernausgangslage sowie der Leseentwicklung der Probanden entstehen. Zusätzlich wird die Leseflüssigkeit aller geförderten Probanden über den gesamten Interventionszeitraum im Abstand von drei Wochen erfasst.

Ausgewählte Literatur:

Gailberger, Steffen (2011): Lesen durch Hören - Leseförderung in der Sek. I mit Hörbüchern und neuen Lesestrategien. Beltz Verlag. Weinheim und Basel.

Häuptle-Barceló, Marianne; Willerich-Tocha, Margarete (2015): Leitfaden und Unterrichtsbeispiele für multimediale Leseförderung mit Onilo-Boardstories im Deutsch- und Fremdsprachenunterricht. http://sc129898c0f5b4b29.jimcontent.com/download/version/1459525495/module/12841321935/name/Leitfaden.pdf [Zugriff: 20.04.2018]

Hoffmann, Albert; Spanhel, Dieter (2013): Moderne Leseförderung mit digitalen Medien. Neue Wege mit dem Einsatz von Onilo Boardstories in der Grundschule. In: Schorb, Bernd; Theunert, Helga; JFF - Institut für Medienpädagogik (Hrsg.): Frühe Medienerziehung digital. Heft 2013/02.

Kühne, Daniel (2016): Lies einfach mit. Leseförderung in der Grundschule durch Begleitung mit Hörbüchern. (unveröffentlichte Masterarbeit).

Müller, Bettina et. al. (2013): Leseflüssigkeit im Grundschulalter: Entwicklungsverlauf und Effekte systematischer Leseförderung. In: Zeitschrift Lernen und Lernstörungen. Volume 2, Issue 3. (S. 131-146).

Stiftung Lesen (Hrsg.) (2016): Vorlesen mit Apps. Leitfaden für die Leseförderpraxis. https://www.stiftunglesen.de/leseempfelungen/digitales/vorlesen%20mit%20Apps/ [Zugriff: 20.04.2018]

Walter, Jürgen (2017): Effektivität der Förderung der Leseflüssigkeit mit Hilfe von Hörbüchern bei Grundschülern: Zwei Pilotstudien. In: Zeitschrift für Heilpädagogik. Heft 68 2017. (S. 104-123).

 

 

 

Kristin Linde

kristin.linde@uni-erfurt.de

Der Übergang Schule – Beruf im Kontext von Inklusion. Orientierungsmuster von Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf Lernen an inklusiven Schulen

Das Dissertationsprojekt „Der Übergang Schule – Beruf im Kontext von Inklusion. Orientierungsmuster von Schüler*innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf Lernen an inklusiven Schulen“ verortet sich an der ersten Übergangsschwelle von der Schule in den Beruf, allerdings gezielt im Schulbereich. Diese erste Übergangsschwelle ist in Bezug auf Schüler*innen von Förderschulen recht gut beforscht. Es konnte allerdings festgestellt werden, dass besagte Schüler*innen in dieser Phase besonders gefährdet sind (vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung 2012, S. 7; Bildungsbericht 2008, S: 196; Hofmann-Lun 2014, S: 382; Pool Maag 2009, S. 258; Pfahl/Powell 2010, S. 34). Mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtkonvention 2009 in Deutschland und der damit einhergehenden völkerrechtlich verbindlichen Forderung nach Inklusion (gesamtgesellschaftlich) und somit auch inklusivem Unterricht in Schulen (Artikel 24), ergibt sich eine „neue“ Situation für Jugendlich mit Förderbedarf. Es besteht nun ein Rechtsanspruch, allgemeinbildende Schulen zu besuchen. Aus der aktuellen Forschungslage ergeben sich einige wenige Hinweise, dass Jugendliche aus Integrationsschulen mehr und höherwertige Qualifikationen erreichen bzw. dass Jugendliche aus Sonderklassen mit hoher Wahrscheinlichkeit reduzierte Chancen beim Ausbildungsgang im Vergleich zu ihren Altersgenossen aus Integrationsklassen haben (vgl. Ginnold 2008; Eckhardt et al. 2011). Da die Forschungslage zum Übergang Schule – Beruf im Kontext von Inklusion noch spärlich ist, ist mittlerweile ein großes Interesse an inklusiver Berufsorientierung entstanden. Die Frage, wie eine inklusive Berufsorientierung aussehen sollte, vernachlässigt allerdings oftmals den Aspekt impliziter/unbewusster beruflicher Orientierungsmuster und Orientierungen zu gesellschaftlichen Positionierungen. Schon das Dissertationsprojekt von Fabian van Essen (2013) verwies eindrücklich auf die Relevanz habitus- und kapitaltheoretischer Überlegungen bei der Betrachtung beruflicher Werdegänge von Schüler*innen mit dem Förderbedarf Lernen. Nach van Essen ist ein zentraler Faktor für die Aufrechterhaltung ungleicher Möglichkeiten im Bildungssystem und für den Bildungserfolg der Habitus (vgl. van Essen 2013, S. 374). So hebt er hervor: „Aus dem Bedingungsgefüge von Kapitalbesitz, Positionierung und Habitus entstehen schließlich Chancen und Grenzen kollektiver und individueller Lebensgestaltungen“ (vgl. van Essen 2013, 18). Allerdings bezog sich diese Studie auf Abgänger von Förderschulen sechs bis acht Jahr nach Abschluss der Schule. Offen bleibt, mit welchen Orientierungsmustern Schüler*innen am Übergang stehen, d. h. welche Ausgangslagen zu finden sind. Mit Bezug auf Pierre Bourdieu (v.a. Bourdieu/Passeron 1971 und 1973 sowie Bourdieu 1982)sowie der Theorie der Schulkulturen (Helsper u.a. 2001) werden also implizite Orientierungsmuster der Schüler*innen mit dem sonderpädagogischen Förderbedarf Lernen an inklusiven Schulen in den Klassen acht bis zehn rekonstruiert.

Folgenden Forschungsfragen wird nachgegangen:

• Wie stellen sich die Orientierungsmuster am Übergang Schule – Beruf von Schüler*innen mit dem sonderpädagogischen Förderbedarf Lernen an inklusiven Schulen dar?

• Lassen sich Rückschlüsse auf das Herkunftsmilieu oder Kapitalkonfigurationen ziehen?

• Können implizite Barrieren am Übergang Schule – Beruf aufgrund eines „berufsbezogenen Habitus“ entstehen?

Das Ziel der Beantwortung der Fragen ist letztlich, aufgrund der Ergebnisse Lehrer*innen für habitustheoretische Prozesse zu sensibilisieren und Empfehlungen zu geben, wie man dieses Wissen in der inklusiven Berufsorientierung aufgreifen kann. In der qualitativen Studie werden die Daten durch 15-20 narrativ-biografische Einzelinterviews mit Schüler*innen (sonderpädagogischer Förderbedarf Lernen) an mehreren Bremer Oberschulen der Klassenstufen acht bis zehn erhoben. Die transkribierten Interviews werden mithilfe der Dokumentarischen Methode der Interpretation ausgewertet.

Literatur:

Bundesministerium für Bildung und Forschung (Hrsg.) (2012): Zugangswege junger Menschen mit Behinderung in Ausbildung und Beruf. Band 14 der Reihe Berufsbildungsforschung. Bielefeld: Bertelsmann.

Autoren Bildungsberichterstattung (2008): Bildung in Deutschland 2008 Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Übergängen im Anschluss an den Sekundarbereich II.

Bourdieu, P./Passeron, J.-C. (1971): Die Illusion der Chancengleichheit. Untersuchungen zur Soziologie des Bildungswesens am Beispiel Frankreichs. Stuttgart: Klett.

Bourdieu, P.; Passeron, C. (1973): Grundlagen einer Theorie der symbolischen Gewalt. Frankfurt a. M..

Bourdieu, P. (1976): Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kabylischen Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Bourdieu, P. (1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Eckhart, M.; Haeberlin, U.; Sahli Lozano, C.; Blanc, P. (2011): Langzeitwirkungen schulischer Integration. Haupt Verlag: Bern.

Ginnold, A. (2008): Der Übergang Schule – Beruf von Jugendlichen mit Lernbehinderung. Einstieg – Ausstieg – Warteschleife. Klinkhardt.

Glinka, H.-J. (2016): Das narrative Interview. Eine Einführung für Sozialpädagogen. 4. Auflage. Weinheim und München: Juventa.

Helsper, W.; Böhme, J.; Kramer, R.-T.; Lingkost, A. (2001): Schulkultur und Schulmythos. Gymnasien im Transformationsprozess zwischen exklusiver Bildung und höherer Volksschule. Rekonstruktionen zur Schulkultur I. Studien zur Schul- und Bildungsforschung, Bd. 13. Opladen.

Hofmann-Lun, I. (2014): Berufsorientierung und Übergangswege von Förderschülerinnen und Förderschülern. Sonderpädagogische Förderung heute, 59 (4).

Kramer, R.-T. (2011): Abschied von Bourdieu? Perspektiven ungleichheitsbezogener Bildungsforschung. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften.

Pfahl, L.; Powell, J. J.W . (2010): Draußen vor der Tür: Die Arbeitsmarktsituation. Aus Politik und Zeitgeschichte, 23, S. 32-38.

Pool Maag, S. (2009): Integration am Übergang Schule-Beruf. Wie die Forderung nach Partizipation und Teilhabe zu gelebter Praxis wird. In: Bürli, Alois; Strassner, Urs; Stein, Annedore (Hg.): Integration/Inklusion aus internationaler Sicht. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, S. 255-264.

Van Essen, F. (2013): Soziale Ungleichheit, Bildung und Habitus. Möglichkeitsräume ehemaliger Förderschüler. Wiesbaden: Springer.

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Mandy Maron

mandy.maron@uni-erfurt.de

Didaktische Ansätze für den Einsatz von Programmierumgebungen im Unterricht. Eine Untersuchung von Programmierkenntnissen und Computerselbstwirksamkeit. (AT)

Mit Blick auf den zukünftigen Fachkräftemangel im MINT Bereich sollen neben der Vermittlung und dem Interesse an der Technik den Schülern wichtige fachliche Kompetenzen vermittelt werden. In diesem Dissertationsvorhaben soll mit Hilfe einer visuellen Programmierumgebung der Einsatz dieser im Unterricht der 10 – 13jährigen untersucht werden. Dabei sollen komplexe analytische Fähigkeiten und kreative Problemlösekompetenzen im mathematischen sowie informatischen Bereich in der Altersgruppe geprüft werden.

Ziel des Forschungsvorhabens ist es, diese Annahme empirisch zu prüfen,  ob die ausgewählte Altersgruppe in der Lage ist Problemstellungen durch rechnergestützte Konzepte zu lösen und wie sich Selbstwirksamkeit und Interesse im Laufe der Lerneinheiten bei den Probanden verändert. Als Lernmaterial wird u.a. die visuelle Programmierumgebung AgentSheets von Alexander Repenning (University of Colorado Boulder) eingesetzt, mit der vor allem Schüler aus dem Sekundarbereich 1 spielerisch webbasierte Simulationen erstellen können.

Repenning (2010) geht davon aus, dass bereits junge Schüler bei entsprechender Förderung in der Lage sind in komplexen Strukturen zu denken. Die Lernenden werden bei der Erstellung von Simulationen u.a. zu aktiver Exploration und zum hypothesengeleiteten Ausprobieren angeregt. In einem Mehrmethodendesign soll die Annahme geprüft werden, ob Schüler und insbesondere Schülerinnen im Alter von 10 – 13 Jahren, die mit der visuellen Programmierumgebung im Unterricht selbstständig Simulationen entwickeln, ein Verständnis für rechnergestützte Konzepte zeigen und wie sich Selbstwirksamkeit, Computerselbstwirksamkeit und Interesse im Verlauf der Lerneinheiten verändert.

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Carolin Meinel

carolin.meinel@uni-erfurt.de

Lernförderlicher Unterricht in der Grundschule – Entwicklung und Überprüfung einer fachdidaktischen Lehrkräftefortbildung für adaptiven und effektiven Rechtschreibunterricht

Durch die Etablierung internationaler Vergleichsstudien und die damit verbundene Veröffentlichung der Ergebnisse deutscher Schüler, richtet sich das gesellschaftliche Interesse auf den Ertrag von Unterricht. Bildungspolitikern ist es ein Anliegen, die Unterrichtsqualität an Deutschlands Schulen zu steigern. Es drängt sich jedoch die Frage auf, wie dieses Vorhaben praktisch umgesetzt werden kann.

Das Forschungsprojekt widmet sich dieser Fragestellung und untersucht, wie an Grundschulen lernförderlicher Rechtschreibunterricht für alle Schülerinnen und Schüler gestaltet werden kann. Ziel des Projekts ist es, empirisch belegte Merkmale effektiven Unterrichts mit Charakteristika adaptiven Unterrichts zu verknüpfen, um deren Lernförderlichkeit zu überprüfen.

Im Rahmen einer fachdidaktischen Fortbildung werden Thüringer Lehrkräften fachdidaktische Unterrichtsmerkmale präsentiert sowie differenzierte Lernaufgaben vorgestellt. Ob die Lehrkräfte durch spezifisches Wissen über Merkmale effektiven Rechtschreibunterrichts und Differenzierungsmöglichkeiten sowie dessen systematische Anwendung eine Steigerung des Lernerfolges ihrer Schülerinnen und Schüler bewirken können, wird nachfolgend überprüft.

Forschungsfragen:

  • Welche empirisch belegten allgemein- und fachdidaktischen Merkmale muss Rechtschreibunterricht aufweisen, um effektiv sein zu können?
  • Welche Merkmale adaptiven und effektiven Unterrichts können im Rechtschreibunterricht der Grundschule beobachtet werden?
  • Steigert die Integration von fachdidaktischen Merkmalen adaptiven und effektiven Rechtschreibunterrichts unter Verwendung differenzierter Lernaufgaben in den Unterricht den Lernerfolg der Schüler?

Literatur:

Hardy, Ilonca et al. (2011): Adaptive Lerngelegenheiten in der Grundschule: Merkmale, methodisch-didaktische Schwerpunktsetzungen und erforderliche Lehrerkompetenzen. Zeitschrift für Pädagogik, 57 (6), S. 819–833.

Helmke, Andreas (2015): Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität. Diagnose, Evaluation und Verbesserung des Unterrichts., 6. Auflage. Unterricht verbessern – Schule entwickeln. Seelze-Velber: Klett/Kallmeyer.

May, Peter (2001): Lernförderlicher Unterricht Teil 1: Untersuchung zur Wirksamkeit von Unterricht und Förderunterricht für den schriftsprachlichen Lernerfolg. Frankfurt am Main: Peter Lang.

May, Peter (2001): Lernförderlicher Unterricht Teil 2: Wege zum Lernerfolg in der Grundschule. Porträts von Klassen mit hohem Lernerfolg. Frankfurt am Main: Peter Lang.

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Antje Nitsch

Stipendiatin

antje.nitsch@uni-erfurt.de

Die Ontogenese des Rechtschreibens: Untersuchungen zu Dependenzen des Rechtschreibens von prozessbeeinflussenden Faktoren im Grundschulalter

Wissenschaftliche Leitfragen:

  1. Nutzen Grundschüler ihren bereits erworbenen Wortschatz, um bekannte Rechtschreibregeln durch Analogiebildung auf unbekannte (Pseudo-)Wörter zu übertragen?
  2. Leiten Grundschüler Wortschreibungen unbekannter (Pseudo-) Wörter nach dem morphematischen Prinzip ab und können somit die Schreibung eines Wortes aus ihrem morphematischen Wissen rekonstruieren (Strategiebildung)?
  3. Führen Reime der konstruierten Pseudowörter auf bekannte Wörter zu einer Verstärkung der unterschiedlichen Vorgehensweisen?
  4. Verwenden Grundschüler orthografische Muster eines bekannten Wortes, um die Schreibweise ähnlich klingender bzw. sich reimenden unbekannter Wörter zu ermitteln?
  5. Kann orthographisches Handeln durch eine zunehmend systematische Anwendung orthografischer Regeln zu einer Strategie werden und routinemäßig abgerufen werden?

Untersuchungsansatz und -methode:

Um die dargestellten Leitfragen zu untersuchen, ist eine differenzierte und empirische Untersuchung der orthografischen Kompetenzen von Grundschülern notwendig.

Dabei dienen konstruierte Pseudowörter, die jedoch typische deutsche Rechtschreibmuster aufweisen, in einem Rechtschreibtest als Forschungswerkzeug. Mit Hilfe dieser Pseudowörter soll Evidenz über den Aufbau des von einzelnen Wortschreibungen unabhängigen orthografischen Regelwissens und des Rechtschreibprozesses erfasst werden, wobei die Kinder nicht auf gespeicherte Repräsentationen zurückgreifen können.

Literatur:

Goswami, U. (1991). Learning about spelling sequences: The role of onsets and rimes in analogies in reading. In Child Development (S. 1110-1123).

Morais, J., Bertelson, P., Cary, L., & Alegria, J. (1986). Literacy training and speech segmentation. In Cognition 24 (S. 45-64).

Niedersächsisches Kultusministerium. (2006). Kerncurriculum für die Grundschule, Schuljahrgänge 1-4, Deutsch. Hannover.

Scheele, V. (2005). Entwicklung fortgeschrittener Rechtschreibfertigkeiten - Ein Beitrag zum Erwerb der "orthographischen" Strategien (Bd. 42). (W. F.-J. Gerhard Augst, Hrsg.) Frankfurt am Main: Peter Lang GmbH, Europäischer Verlag der Wissenschaften.

Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder. (2005). Beschlüsse der Kultusministerkonferenz - Bildungsstandards im Fach Deutsch für den Primarbereich (Beschluss vom15.10.2004). München: Wolters Kluwer Deutschland GmbH.

Thüringer Kultusministerium. (1999). Lehrplan für die Grundschule und die Förderschule mit dem Bildungsgang der Grundschule. Erfurt.

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