Frühe Neuzeit

Bücherregal mit Büchern der Universität Erfurt

Die Forschungsschwerpunkte des Forschungszentrums Gotha sind in intensiver Auseinandersetzung mit den Beständen der Forschungsbibliothek entwickelt worden. Der Sammlungsbestand zur Frühen Neuzeit wird in erster Linie in der Abteilung 1 in den Arbeitsrichtungen 1 bis 3 genutzt, die Orientalia in Arbeitsrichtung 4; der Perthes-Bestand und die naturwissenschaftlichen Sammlungen sind für die Abteilung 2 maßgebend.

 

1. Untergrundforschung

Untergrundforschung meint die Beschäftigung mit dissidenten und heterodoxen Traditionen unter besonderer Berücksichtigung ihrer sozialen und taktischen Komponenten. Als ‚Untergrund‘ kann man jenen gesellschaftlichen Bereich verstehen, in dem verheimlicht wird: religiöse Identitäten, kritische Ansichten, wahre Absichten. Im engeren Sinne stellt der Untergrund eine eigene Halbwelt dar, mit eigenen Kommunikationsstrukturen und eigenen Gruppenzugehörigkeiten. Es geht bei dieser Forschung um Themen wie Anonymität, Netzwerkbildung und soziale Räumlichkeit sowie um die Verschränkung unterschiedlicher Sphären der Clandestinität (Spionage, Freidenkerei, Häresie, Kriminalität, Schattenwirtschaft usw.). Der Forschungsschwerpunkt wurde 2008 bis 2014 v.a. getragen vom Graduiertenkolleg „Untergrundforschung 1600–1800“ als Gothaer Teil der Erfurter Graduiertenschule „Religion in Modernisierungsprozessen“. Das Kolleg führte Vorhaben zusammen, die jeweils spezifische Untersuchungen über heterodoxe Gestalten, Gruppen und Ideen im Spannungsfeld von Religion und Aufklärung vornahmen. Derzeit konzentriert sich die Arbeit des Schwerpunktes auf den Illuminatenorden (DFG-Projekt „Illuminatenaufsätze im Kontext der Spätaufklärung. Ein unbekanntes Quellenkorpus“. Leitung: Martin Mulsow, Bearbeiter: Markus Meumann, Olaf Simons).

 

2. Wissen und Hof

Der Schwerpunkt „Wissen und Hof“ zielt auf die innovative Verbindung von praxeologischer Wissensgeschichte mit kommunikationsorientierter Hofforschung ab. Den zeitlichen und thematischen Rahmen bildet dabei der Gothaer Hof in den Jahrzehnten um 1700. Das Thema liegt nahe, weil hier das wissensgeschichtliche Profil des Forschungszentrums unmittelbar am umfassenden Quellenbestand des Gothaer Hofes erprobt werden kann. Entwickelt werden u.a. auch Kategorien (wie z.B. die der Kopräsenz), die sowohl der Hofforschung als auch der Wissensgeschichte neue Impulse geben können. Behandelt werden innerhalb des Forschungsfeldes derzeit u.a. die französischsprachige Phase des Hofs (1730–1780 über Grimm, Voltaire, diverse Briefwechsel und Literaturrezeption), verschiedene Gelehrte um 1700 (Tobias Pfanner, Wilhelm Ernst Tentzel und Jakob Friedrich Waitz, Ernst Salomon Cyprian u.a.), die höfische Archivpraxis sowie militärisches Wissen am Gothaer Hof des 18. Jahrhunderts.

 

3. Gelehrtenkorrespondenzen und Gelehrtennetzwerke

Das Forschungsfeld analysiert Gelehrtenkorrespondenzen – als eines der größten Quellengebiete in diesem Bereich, das noch zu erschließen ist – und Gelehrtennetzwerke; hier sollen v.a. auch Methoden der Digital Humanities unterstützend angewendet werden. Es flankiert die Erschließungsprojekte der Forschungsbibliothek („Erschließung des Nachlasses des Theologen und Kirchenhistorikers Ernst Salomon Cyprian [1673–1745] in der Forschungsbibliothek Gotha und dem Thüringischen Staatsarchiv Gotha“, „Katalogisierung der nachreformatorischen Handschriften aus dem Nachlass der Theologen Johann und Johann Ernst Gerhard in der Forschungsbibliothek Gotha“), setzt aber eigene innovative Akzente, indem Konstellationen und Cluster von Korrespondenzen im Sinne einer „Topographie der Gelehrtenrepublik“ untersucht werden. Seit 2009 bestehen in diesem Forschungszusammenhang enge Kontakte zu ähnlichen Projekten in Oxford („Cultures of Knowledge: Networking the Republic of Letters, 1550–1750“) und Stanford („Mapping the Republic of Letters“).

 

4. Wissenschaftsgeschichte der Geisteswissenschaften: Alchemie, Numismatik, Antiquarianismus, Orientalistik

In diesem Forschungsschwerpunkt betreibt das Forschungszentrum die Wissensgeschichte von Gothaer Spezialsammlungen. Der Gothaer Hof beschäftigte im 17. und 18. Jahrhundert Alchemisten, Numismatiker und Orientalisten; die daraus resultierenden umfangreichen Bestände sind aber größtenteils noch unaufgearbeitet. Hier möchte das Forschungsfeld Abhilfe schaffen: Der alchemische Bestand soll sowohl in Bezug auf seine chemischen Gehalte (Prozessbeschreibungen) als auch auf seine historischen Kontexte hin untersucht werden, den Münzbestand seinerseits wollen wir im Konnex mit der numismatischen Literatur bearbeiten (anhand von Numismatikern wie Wilhelm Ernst Tentzel und Andreas Morell). Die frühneuzeitliche Leitdisziplin des Antiquarianismus behandeln wir seit 2009 v.a. in internationalen Konferenzen, die Entwicklung der Orientalistik (Arabistik, Äthiopistik etc.) wird anhand von Polyhistoren wie Hiob Ludolf und Johann Ernst Gerhard erforscht. Zur Orientalistik-Wissensgeschichte führen wir am Zentrum das Forschungsvorhaben „Johann Ernst Gerhard und die ‚Harmonie‘ der orientalischen Sprachen“ durch (Leitung: Martin Mulsow, Bearbeiter: Asaph Ben-Tov,), das von HERA (Humanities in the European Research Area) im Rahmen des Projekts „Encounters with the Orient in Early Modern Scholarship“ gefördert wird.

 

5. Zusätzliche wichtige Forschungsfelder

a) Pietismus
b) Buchgeschichte und Buchmarktgeschichte
c) Bildungsgeschichtliche Forschungen
d) Migration und Mobilität in der Frühen Neuzeit
e) Methoden der Wissensgeschichte/Historische Epistemologie