University of Erfurt

Projekt von Dr. Natalia Bachour

Untersuchungen zum Wissenstransfer in der arabischen Medizin des Mittelalters und der Neuzeit

Zahlreiche menschliche Körperteile und Flüssigkeiten wurden im Mittelalter sowohl in der Islamischen Welt als auch in Europa therapeutisch eingesetzt, zum Beispiel Blut, Milch, Haare, Knochen oder Urin. In der frühen Neuzeit erlebte dann die Verwendung aus menschlichem Körper gewonnener Arzneien in Europa einen Aufschwung, was durch neuplatonisches, magisches und astrologisches Gedankengut motiviert war. Im Zeitalter der Iatrochemie gehörten Zutaten wie menschliches Blut, Fett oder mumifiziertes Fleisch zum gewöhnlichen Repertoire der arzneilichen Therapie.  In diesem Zusammenhang prägten einige Historiker des 21. Jahrhunderts den Terminus medicinal cannibalism, um den Unterschied zur vorherigen Verwendung menschlicher Teile hervorzuheben, bei deren Entfernung das Fortleben des Spenders nicht beeinträchtigt wurde.

Das Projekt soll dazu beitragen, durch die weitere Erschliessung bisher wenig beachteter Gothaer Handschriften die weitgehend unerforschte arzneiliche Verwendung menschlicher Körperteile aus kulturgeschichtlicher Sicht untersuchen. Heutige Diskussionen in der Arabischen Welt über medizinethische Fragen der Verwendung menschlicher Teile (z. B. Organtransplantation, Blutspenden, künstliche Befruchtung) lassen ausser Acht, dass deren Bewertung nicht absolut und kulturunabhängig stattfindet und dass die Körperwahrnehmung historischem Wandel unterliegt. Deshalb untersucht das Projekt kulturgeschichtlich den Wandel der Körperwahrnehmung und die Modalitäten transkulturellen Wissenstransfers, indem es sich der konkreten Praxis nahöstlicher Gelehrter des 18. Jahrhunderts anhand der durch Seetzen erworbenen Handschriften nähert.

Kurzbiographie

Natalia Bachour studierte Translationswissenschaft, Wissenschaftsgeschichte und Pharmazie an den Universitäten Damaskus, Kiel, Heidelberg und Mainz. Nach ihrer Promotion in Geschichte der Pharmazie an der Universität Heidelberg, in deren Rahmen sie die Rezeption des Paracelsismus im Osmanischen Reich des 17. und 18. Jahrhunderts untersuchte, arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Asien-Orient-Institut der Universität Zürich.

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