University of Erfurt

Gotha Research Centre of the University of Erfurt

Projekt von Anna Katharina Pieper M.A.

Projektbeschreibung „Annäherung im imperialen Kontext. Katholizismus und Kolonialpolitik im liberalen Italien (1878-1912)“

Nach der italienischen Nationalstaatsgründung (1861) verhinderte der Konflikt zwischen Staat und Kirche nicht nur eine politische Integration des Katholizismus, sondern auch eine effektive Zusammenarbeit zwischen Kolonialpolitik und katholischer Missionsarbeit. Die Kolonialfrage bildete einen zentralen Streitpunkt zwischen verschiedenen katholischen Lagern. So lehnten Vertreter des antiliberalen Katholizismus („Intransigenti“), welche die temporale Macht des Papstes unterstütze, den liberal regierten Nationalstaat und seine Kolonialpolitik vehement ab. Nationalkonservative Katholiken („Transigenti“) hingegen sympathisierten mit den Liberalen, sprachen sich für die Reduktion der päpstlichen Kompetenzen auf das Spirituelle aus und setzten sich für ein verstärktes Ineinandergreifen von Missionsarbeit und Kolonialinteressen ein. Italiens militärische Niederlagen in Dogali (1887) und Adua (1896) hatten die allgemeine Kolonialbegeisterung in Italien abebben lassen und die intransigenten Katholiken in ihrer Ablehnung des italienischen Kolonialprojektes bestärkt. Während des Boxerkrieges in China (1899-1901), an dem sich auch Italien mit der Hoffnung auf Kolonialgebiete beteiligte, begann sich der katholische Kolonialdiskurs jedoch zu verändern. Die in China getöteten italienischen Missionare wurden zu nationalen Märtyrern umgedeutet und immer mehr Italiener forderten nun die staatliche Unterstützung der italienischen Missionen, was zur Zeit des Italienisch-Türkischen Krieges (1911-1912) in eine nationalkatholische, antiosmanisch geprägte Unterstützung des Kolonialkrieges in Libyen umschlug. Die Überlappung und Verschmelzung staatlicher und kirchlicher Sphäre im imperialen Kontext antizipierte somit nicht nur die Annäherung zwischen Staat und Kirche in Italien, die Kolonialfrage fungiert darüber hinaus auch als Maßstab für den Grad der Spaltung zwischen wichtigen katholischen Gruppierungen und ermöglicht damit die Untersuchung der Nationalisierung des italienischen Katholizismus um die Jahrhundertwende.

Kurzbiographie

Anna Katharina Pieper studierte Europäische Kulturgeschichte, Englische Literaturwissenschaften und Gesellschaftswissenschaften in Augsburg und Florenz sowie Kulturgeschichte und Volkskunde/Empirische Kulturwissenschaft in Jena. Sie war von 2015 bis 2019 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz Institut für Europäische Geschichte in Mainz und, im Rahmen ihrer Promotion an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz, Stipendiaten des Deutschen Historischen Institutes in Rom und des Deutschen Studienzentrums in Venedig.

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