Prof. Dr. Benedikt Kranemann

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Research Project

Liturgie der katholischen Aufklärung im theologie- und konfessionsgeschichtlichen Kontext

Im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert hat die katholische Kirche in einigen deutschsprachigen Bistümern eine umfassende Reform ihrer Liturgie durchgeführt. Mit dieser Erneuerung des Gottesdienstes, die alle Bereiche der Liturgie betraf, stellte man sich den Herausforderungen der Spätaufklärung und formulierte ein Reformprogramm nach den Maßgaben der katholischen Aufklärung. Die Liturgie sollte von Aberglauben und „mechanistischem“ Vollzug befreit werden und Belehrung und Erbauung des Menschen auf Sittlichkeit hin fördern. Der Gottesdienst sollte durch Text und Ritus auf die religiösen Ideen des Christentums hinweisen, sie sinnlich darstellen und dadurch belehrend wirken; zudem sollte er der „Besserung des Herzens oder Erbauung“ (V. A. Winter) dienen. Man bemühte sich um muttersprachliche Liturgie, eliminierte Elemente aus der Liturgie, die man als „magisch“ empfand, sorgte für sich selbst erklärende Riten, konzipierte einzelne Liturgien auf Zielgruppen hin, reformierte die liturgischen Bücher und konzipierte Gesangbücher, intensivierte die Predigt u.v.m. Eine im beschriebenen Sinne wirksame Liturgie erforderte eine stärkere Partizipation der Gläubigen. Dafür wollte man die Voraussetzungen schaffen.

Zwei Fragen stehen für mich derzeit im Vordergrund: Wenig untersucht worden ist bislang der größere theologiegeschichtliche Kontext, in dem diese Liturgiereform wie -reflexion steht. So ist bislang kaum gefragt worden, wie sich der Umgang mit Liturgie in der Aufklärung von der theologischen Reflexion des 17. und frühen 18. Jahrhunderts abgesetzt hat. Es ist auch nicht untersucht worden, was etwa von der liturgietheologischen und -praktischen Reflexion im Laufe des 19. Jahrhunderts geblieben ist, als längst Romantik und Restauration das Nachdenken über den Gottesdienst bestimmten. Das hängt mit einem sehr kritischen Blick auf die Liturgik der katholischen Aufklärung zusammen, der man Rationalismus und damit einen nicht sachgerechten Umgang mit Liturgie unterstellt hat. Um genauer bestimmen zu können, ob durch die Theologen der Zeit ältere Traditionen fortgeschrieben wurden und wo von Innovationen gesprochen werden muss, sollen die Entwicklungen der auf die katholische Liturgie bezogenen theologischen Debatten über einen größeren Zeitraum verfolgt und in ihrer Entwicklung nachgezeichnet werden. Es entsteht so eine Geschichte der Liturgiewissenschaft. Sie ist nicht nur für die Theologie, sondern auch für die geistes- und kulturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Ritualgeschichte von Interesse. Dies gilt zumal deshalb, weil sich der analytische Blick auf die Liturgie mit der Liturgiekritik der Aufklärung grundlegend geändert hat.

Eine zweite Frage, der ich nachgehe, gilt vergleichbaren Vorgängen in der evangelischen Theologie. Auch hier gab es eine große Reformbewegung für den Gottesdienst, die gut dokumentiert ist. Was fehlt, ist zum einen eine umfassendere komparative Darstellung von theologischen Zielsetzungen, wissenschaftlichen Methoden und konkreten Reformschritten, zum anderen aber eine Untersuchung der Zusammenarbeit zwischen Theologen der verschiedenen Konfessionen. Es ist offensichtlich, dass man liturgische Texte und Riten übernommen, die wissenschaftliche Diskussion in der jeweils anderen Konfession verfolgt und sich daran auch beteiligt hat. Vor den ökumenischen Debatten des 20. Jahrhunderts hat hier bereits ein intensiver Austausch zwischen den Konfessionen stattgefunden, der untersucht werden soll. Diese vergleichende Untersuchung soll später auch auf das Judentum ausgeweitet werden.