University of Erfurt

Was moderne Unternehmen von der Forstwirtschaft lernen können: Interview mit Prof. Dr. Till Talaulicar

Prof. Dr. Till Talaulicar
Prof. Dr. Till Talaulicar

Gesellschaftliche Verantwortung und Nachhaltigkeit – das sind nur zwei Begriffe, die in der gesellschaftlichen Debatte um moderne Unternehmensführung immer mehr Raum einnehmen. Prof. Dr. Till Talaulicar, Professor für Organisation und Management an der Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit nachhaltiger Unternehmensführung. Im Sommersemester 2012 hielt er dazu einen Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung von FH und Universität Erfurt „Auf dem Weg in eine andere Gesellschaft. Was kommt nach dem Wachstum?“. Im Interview erklärt er, warum der Blick in die Zukunft wichtig ist, um das Heute zu bewahren, und was moderne Unternehmen von der Forstwirtschaft lernen können.

Das Thema gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen rückt immer mehr in den Blick der Öffentlichkeit. Dies liegt nicht zuletzt auch daran, dass manches Unternehmenshandeln in der Öffentlichkeit kritisch gesehen wird. Herr Professor Talaulicar, fallen Ihnen dazu einige Beispiele ein?

Na, Kritik erfahren hat zum Beispiel ein Sportartikelhersteller, der seine Produkte über Subunternehmen in Asien fertigen lässt, die auch Zwölfjährige beschäftigen, zwölfstündige Arbeitstage vorsehen und einen Bruchteil der in Europa üblichen Löhne zahlen. Oder auch ein Großunternehmen, das zeitgleich ankündigt, einen merklichen Teil seiner Belegschaft abzubauen und die Vergütung seines Topmanagements signifikant anzuheben, aber auch profitable Unternehmen, die ihren Zuschlag für einen neuen Standort der Gemeinde geben, die ihnen die höchste Förderung in Form von Subventionen bzw. Steuererlassen verspricht. Profite privat zu beanspruchen, während Verluste vergemeinschaftet werden sollen, erscheint generell auch nicht als gesellschaftlich verantwortliche Unternehmensführung. All das sind Beispiele für Dinge, die man in dem Zusammenhang näher unter die Lupe nehmen und diskutieren könnte.

Sie zielen hier auf die Frage ab, ob das moralisch in Ordnung ist und im Sinne nachhaltiger Unternehmensführung. Über die Moral-Frage lässt sich sicher streiten, nachhaltig ist die Geschichte aber doch zumindest mit Blick auf die Gewinne und damit letztlich den Erfolg solcher Unternehmen, oder?
Nein, ich denke, das gilt bestenfalls nur auf den ersten Blick. Denn Unternehmen können nur dann langfristig erfolgreich sein, wenn sie sich durch verantwortliches Handeln die Akzeptanz der Gesellschaft und wesentlicher Anspruchsgruppen sichern. Dazu müssen sie die Anliegen und Erwartungen ihrer Kunden und Geschäftspartner, aber auch ihrer Mitarbeiter aufgreifen und mit ihren wirtschaftlichen Zielen in Einklang bringen. Dabei werden sie immer wieder auch auf konkurrierende Interessenslagen stoßen, mit denen sie umgehen und für die sie überzeugende Lösungen anbieten müssen, um dauerhaft erfolgreich sein zu können.

Und das zahlt sich am Ende aus?
Ja, und zwar nicht nur für das Unternehmen, sondern auch für Investoren, Kunden, Mitarbeiter und die Gesellschaft insgesamt, denn es schafft die Basis für dauerhafte Wertschöpfung, verlässliche Kundenbeziehungen, attraktive Arbeitsplätze und ein funktionierendes Gemeinwesen.

Dann erläutern Sie doch einmal genauer, was aus diesem Blickwinkel „nachhaltig“ bedeutet…
Nachhaltig ist eine Entwicklung zu nennen, die aktuelle Bedürfnisse befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht mehr befriedigen können. Das ist im Grunde ein Prozess stetigen Wandels, innerhalb dessen die Nutzung von Ressourcen, das Ziel von Investitionen, die Richtung technologischer Entwicklung eng miteinander verknüpft sind und immer wieder in Balance gebracht werden müssen. Der Begriff Nachhaltigkeit stammt dabei eigentlich aus der Forstwirtschaft, genauer gesagt ist es ursprünglich ein Prinzip zum Erhalt von Waldflächen, das danach fragt, wie man Ressourcen langfristig nutzen kann, ohne dabei ihren Bestand zu gefährden, damit auch für spätere Generationen noch etwas bleibt. Nachhaltige Unternehmensführung bezeichnet vor diesem Hintergrund und in einer Kurzformel die Leitung des Unternehmens mit dem Ziel dauerhafter Wertschöpfung unter Berücksichtigung der Belange unterschiedlicher Anspruchsgruppen, also sogenannter „Stakeholder“.

Und hier kommt dann wieder die unternehmerische bzw. gesellschaftliche Verantwortung ins Spiel…
Genau. Neudeutsch heißt das Corporate Social Responsibility (CSR) und bedeutet im Grunde nichts anderes als die Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung durch Unternehmen über die gesetzlichen Anforderungen hinaus. Wichtig ist, dass nach heutigem Verständnis CSR nicht mit gesellschaftlichem Engagement neben dem Unternehmenshandeln gleichzusetzen oder darauf zu verkürzen ist, sondern für eine nachhaltige Unternehmensführung im Kerngeschäft steht, die entsprechend in der Geschäftsstrategie des Unternehmens verankert ist. Das ist eine freiwillige Sache, sicher, aber sie ist aufgrund der Integration in das Kerngeschäft alles andere als beliebig.

Wo und wie übernehmen Unternehmen denn gesellschaftliche Verantwortung, können Sie ein paar Beispiele nennen?
Zum Beispiel tun sie das, indem sie ihre Mitarbeiter fair behandeln, sie fördern und beteiligen. Aber auch durch den schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen oder indem sie darauf achten, im Rahmen ihres Einflussbereichs sozial und ökologisch verantwortungsvoll zu produzieren, indem sie Menschenrechte und bestimmte Arbeitsnormen wahren und einen Beitrag leisten, sie international durchzusetzen. Eine andere Möglichkeit wäre, in Bildung zu investieren oder kulturelle Vielfalt und Toleranz innerhalb des Unternehmens zu stärken. Auch die Förderung von Maßnahmen zur Korruptionsprävention könnte man nennen oder Transparenz hinsichtlich der Unternehmensführung. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen, es gibt sehr viele Möglichkeiten für Unternehmen, Verantwortung zu übernehmen.

Aber sich aus dieser Liste einfach ein paar Aspekte auszusuchen, ist vermutlich nicht das, was Corporate Social Responsibility bzw. in diesem Fall auch Nachhaltigkeit meint, richtig?
Genau. Wie ich eingangs schon sagte: Das ist ein Konzept, bei dem man die Belange der unternehmerischen Bezugsgruppen angemessen berücksichtigen und das tief im Unternehmen verwurzelt sein muss. Das kann man niemanden aufzwingen, es muss freiwillig und mit Rückhalt im Unternehmen geschehen, also auch in seine Strategie integriert sein, damit es Wirkung zeigen kann.

Viele Unternehmen haben sich das Thema ja bereits auf die Fahnen geschrieben und werben damit. Wie schwer bzw. leicht ist es denn aber nun wirklich, das auch umzusetzen und es nicht bei der bloßen Rhetorik zu belassen?
Nun, das ist schon ein echtes Stück Arbeit, denke ich. Da gibt es rechtliche Restriktionen, ökonomische Sachzwänge, manchmal fehlt einem Unternehmen schlichtweg die Kompetenz, es gibt eine Menge Gründe, die Unternehmen gegen die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung anführen. Ein Beispiel: Auf der einen Seite könnten die Manager sagen, die Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung zulasten der Eigenkapitalrendite sei „Diebstahl“ am Geld der Eigentümer, weil man die Mittel „zweckentfremde“. Andersherum könnte man aber auch argumentieren, die Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung zulasten der (kurzfristigen) Eigenkapitalrendite sichere dem Unternehmen die Akzeptanz seiner Handlungen und seine Ressourcennutzung. Schließlich sind viele Anteilseigner nicht nur an der Höhe, sondern auch an der Nachhaltigkeit ihrer Rendite interessiert. Und es ließen sich noch zahlreiche Beispiele zum „Für und Wider“ aufführen. Aber ich persönlich glaube, dass Nachhaltigkeit und die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung für ein Unternehmen unentbehrlich sind, um im Wettbewerb zu bestehen und sich die Beiträge wesentlicher Bezugsgruppen zur unternehmerischen Wertschöpfung dauerhaft zu sichern.


Und wer nicht freiwillig Verantwortung für spätere Generationen übernimmt, der wird per Gesetz dazu gezwungen − wäre staatliche Regulierung hier eine Lösung?
Sicher könnten Unternehmen, sofern sie sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung entziehen, per Gesetz dazu – in entsprechend definierten Grenzen – gezwungen werden. Aber ist das wirklich effizient und welchen bürokratischen Aufwand würde es bedeuten? Ich würde eher dafür plädieren, Unternehmen dazu anzuhalten, ihre gesellschaftliche Verantwortung aus eigener Initiative ernsthaft wahrzunehmen und damit das ökonomische System vor weiteren Eingriffen zu schützen.


Und wie bekommt man Unternehmen dazu? Muss man Ihrer Meinung nach weitere Anreize schaffen?
Im Einzelfall können manche Anreizkonstellationen, die sich aus dem wettbewerblichen und regulatorischen Umfeld ergeben, die Wahrnehmung gesellschaftlicher Verantwortung sicherlich erschweren. Generell gilt es jedoch, den Blick für den Zusammenhang zu schärfen, dass Unternehmen, die nachhaltig wirtschaften und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, sich damit ihr Überleben im Wettbewerb sichern – und das nicht zuletzt, weil sie auf eine breite Akzeptanz stoßen: bei den Mitarbeitern, den Geschäftspartnern und vor allem auch den Kunden. Das ist mehr als nur ein „Anreiz“.

Mit Prof. Dr. Till Talaulicar sprach Carmen Voigt.

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