University of Erfurt

Research and Researching at Erfurt University

Trefforte und Gegen-Orte in Erfurt: Sozial-historische Forschung

Laufzeit

01/2019–12/2022

Finanzierung

BMBF: 195.000 Euro (Förderung Teilprojekt)

Projektleitung

Team

Marian Herzog, M.A.

Kooperationspartner

  • Verbundprojekt der Friedrich-Schiller-Universität Jena, der Universität Erfurt, der Stiftung Ettersberg und der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora
  • Kooperationspartner an der Universität Erfurt: Prof. Dr. Christiane Kuller, Prof. Dr. Sandra Tänzer und Prof. Dr. Jörg Seiler

Projektbeschreibung

Wie in allen Bezirkshauptstädten der DDR gab es auch in Erfurt sogenannte „konspirative Wohnungen“ (KW). Über die in Erfurt mehr als 400 KW oder „Trefforte“ gibt es kaum wissenschaftliche Untersuchungen: „Konspirative Wohnungen (…) sind ein bislang wenig erforschtes Thema“ (Heinrich 2006). Durch die systematische Verklammerung von Überwachungspraktiken und Alltag bilden die KW aber einen ganz außergewöhnlichen Zugang zur Alltags-, Herrschafts- und Erinnerungsgeschichte der DDR.
Neben der Recherche zu Mechanismen der Auswahl, Führung und Kontrolle der KW und der Analyse der Überwachungsprotokolle etc., geht es um die Frage, welchen Charakter die KW hatten: Waren sie Orte des Verrats oder Radarstationen in einem U-Boot, das nur sehen konnte, was gezeigt wurde? Spätestens dadurch wird die wissenschaftliche Arbeit mit der kollektiven Erinnerung konfrontiert, und zwar nicht nur direkter Akteure, sondern der Öffentlichkeit. Denn die Veralltäglichung und breite lokale Verortung des SED-Überwachungsstaates in den KW provoziert die Fragen nach der Wahrnehmung, Interpretation und Beurteilung der eigenen (historischen) Lebenswirklichkeit.
Da Erfurt die erste Stadt in der DDR war, in der die Zentrale des MfS von Bürger*innen besetzt wurde, wird die Untersuchung zu den KW mit einer Rekonstruktion der „Gegenorte“, an denen sich Dissident*innen (konspirativ) austauschen konnten, fortgesetzt und konfrontiert. Durch die (methodisch an dem Modell der citizen-science orientierten) Recherchen zu „Trefforten“ und „Gegen-Orten“ wird eine Topografie von Durchherrschung und Widerstand in einer Stadt gezeigt. Unweigerlich geht es so um kollektive Erinnerung und kritische Auseinandersetzung mit den Bildern der gelebten DDR vor Ort, also um „die (teil)gesellschaftliche Geltungswahrheit historischer Überlieferungen“ und um „die Vielschichtigkeit und Wandelbarkeit der Denkmuster, in denen die DDR-Vergangenheit in unserer Gegenwart aufscheint“ (Sabrow).  
Diese Forschung zu „Trefforten und Gegen-Orten in Erfurt“ könnte auch als Modell für andere Städte genutzt werden. Eine digitale Stadtkarte mit aufbereiteten Informationen könnte und sollte ein Ertrag der Forschungen sein.

Das Projekt ist Teil des Gesamtprojekts "Diktaturerfahrung und Transformation: Biographische Verarbeitungen und gesellschaftliche Repräsentationen in Ostdeutschland seit den 1970er Jahren".

Thematische Einordnung (Schlagworte)

  • Sozial-historische Forschung
  • Forschung zu Diktatur und Transformation
  • Alltagsforschung
  • Politische Kultur
  • citizens science
  • Service-learning

Prof. Dr. Alexander Thumfart, last update: 14.03.2019

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