University of Erfurt

Radikale Reformation

Thomas Müntzer: Prager Manifest. Lateinische Fassung. November 1521.
FBG, Chart. A 379a, Bl. 1r.


Adam Neuser: Zwei Konzepte für einen Brief an Sultan Selim II. [Heidelberg], März 1570. FBG, Chart. A 407, Bl. 351v.

 

Die Reformation zog bald nach ihrem Beginn radikale Kräfte an, die weit über Luthers theologisches Programm hinausgingen. Das bekannteste Beispiel hierfür ist gewiss Thomas Müntzer (ca. 1489–1525), der in seinem Prager Manifest von 1521 ein revolutionäres Programm verkündigte. Ein bedeutsamer Unterschied zu Luther besteht in der fehlenden Zwei-Reiche-Lehre. Die Theologie Müntzers, der sich zu den Auserwählten Gottes rechnete, ist von einer besonderen Verbindung von mystischem Spiritualismus und Apokalyptik geprägt, die die Wiederkunft des Herrn hier und jetzt erwartet und in dieser Erwartung zugleich erzwingen will. Der Bauernaufstand sollte dabei den Boden für die vollkommene Reformierung des christlichen Lebens bereiten. Stattdessen wurde der Aufstand 1525 mit Billigung Luthers niedergeschlagen und Müntzer als Rädelsführer hingerichtet.

Einen nicht weniger radikalen, wenn auch ganz anders gelagerten Weg ging der Theologe Adam Neuser (1530–1576). Der Abkehr von der protestantischen Lehre in Heidelberg folgten die Hinwendung zum Antitrinitarismus und später die Konversion zum Islam. Galt schon das Leugnen der Trinitätslehre, wonach Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist als drei Personen eines Wesen sind, mancherorts als Hinrichtungsgrund – es sei nur an Michel Servet erinnert (1511–1553) –, so setzte sich Neuser mit seiner Idee einer Übersiedlung ins Osmanische Reich außerhalb jeglicher Konvention. Aus diesem Grund verfasste er 1570 den Brief an Sultan Selim II., der sich als Konzeptentwurf aus seiner Hand erhalten hat. Nach seiner Flucht aus Heidelberg gelangte er über Siebenbürgen 1572 nach Konstantinopel, wo er zum Islam konvertierte. Diese Konversion ist eines der frühesten Beispiele einer radikalen Abwendung vom Christentum.

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