University of Erfurt

August Hermann Francke: Bildung für alle

Der Pietismus ist eine bedeutende Reformbewegung innerhalb des Protestantismus, die sich ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Deutschland und anderen europäischen Ländern auszubreiten begann. Gegen die vorherrschende Orthodoxie mit ihrer Fixierung auf die Dogmatik strebte der Pietismus nach einer neuen Frömmigkeit, die in kleinen spirituellen Gemeinschaften gepflegt wurde und zur Neuausrichtung des eigenen persönlichen Lebens führen sollte. Damit rückte die innere Erweckung und das subjektive Erfahren in den Mittelpunkt der Glaubenspraxis. Auf lutherischer Seite wurde Philipp Jacob Spener (1635-1705) mit seinem Werk Pia desideria oder Hertzliches Verlangen/ nach gottgefälliger Verbesserung der wahren evangelischen Kirche von 1675 gleichsam zum Gründungsvater dieser Bewegung. August Hermann Francke lernte Spener Ende der 1680er Jahre in Leipzig kennen und wurde durch ihn in den bereits bestehenden Bemühungen um eine Intensivierung des Glaubens bestärkt. Durch die Einrichtung der später nach ihm benannten Franckeschen Stiftungen wurde Francke zu einer der zentralen Figuren des lutherischen Pietismus. Er war auch daran beteiligt, dass das Gothaer Gymnasium Anfang der 1690er Jahre zu einer pietistischen Ausbildungsanstalt umgeformt wurde.

Franckes Jugend in Gotha

Einige heute in der Forschungsbibliothek Gotha bzw. im Thüringischen Staatsarchiv Gotha aufbewahrte Dokumente bieten einen kleinen Einblick in Franckes Gothaer Jugendzeit. Sie ergänzen das Bild, das er selbst in zwei kleinen Schriften – Anfang und Fortgang der Bekehrung von 1692 sowie den undatierten Lebensnachrichten – rückblickend von sich selbst gezeichnet hat.

 

Francke als Pädagoge

Nachdem Francke 1691 als Pfarrer aus Erfurt ausgewiesen worden war, übernahm er 1692 das Pfarramt an St. Georgen in der Stadt Glaucha (nahe Halle/Salle). Bei seinen Predigten sowie im täglichen Dienst stellte er vor allem bei jenen Kindern eine große Unkenntnis hinsichtlich der religiösen Inhalte sowie sittliche Defizite fest, die aufgrund der Mittellosigkeit ihrer Eltern keine Schule besuchen konnten. Mit privaten Spenden errichtete er zu Beginn des Jahres 1695 eine Armenschule, die sofort einen beträchtlichen Zulauf erhielt. Im Sommer desselben Jahres besuchten bereits 50 bis 60 Kinder die Schule. Da unter ihnen viele verwaiste und verwahrloste Kinder waren, entwickelte Francke den Plan, ein Internat zu gründen. Er ging dabei von dem christlichen Kerngedanken aus, dass Armut und Unbildung der Kinder ein gesellschaftlicher Skandal seien. Mit ganzer Kraft verfolgte er die Beseitigung dieses Missstandes. Da nun auch verstärkt reiche Bürger ihre Kinder an der Schule erziehen lassen wollten, gründete Francke zu Pfingsten 1695 das Pädagogicum als Erziehungs- und Bildungsanstalt für Kinder aus dem Adel und dem reichen Bürgertum. 1697 wurde noch eine Lateinschule für Knaben aus bürgerlichen Familien eingerichtet, die eine universitäre Laufbahn anstrebten. All diese Bemühungen führten schließlich zur Einrichtung der heute so genannten Franckeschen Stiftungen.

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