University of Erfurt

Study Centre for Protestantism

Gothaer Stammbuchschätze

Miniaturen aus Stammbüchern der Forschungsbibliothek Gotha

Einführung

Bald nachdem sich in der Mitte des 16. Jahrhunderts die Stammbuchpraxis in humanistisch-reformatorischen Kreisen herausgebildet hatte, etablierte sich das unter den Begriffen Stammbuch oder Album amicorum firmierende Freundschafts- und Erinnerungsbuch als eigenes, ständeübergreifendes Ausdrucks- und Kommunikationsmittel in der Frühen Neuzeit. Vor allem in den deutschsprachigen Gebieten wurden in den auf Reisen, bei Universitätsbesuchen oder geselligen Zusammenkünften mitgeführten Stammbüchern Autographen und Widmungen von Freunden, Bekannten und geschätzten Persönlichkeiten gesammelt. Die Stammbücher avancierten daher rasch zu begehrten privaten wie institutionellen Sammelobjekten, wie nicht zuletzt auch die 82 Stammbücher umfassende Sammlung der Forschungsbibliothek Gotha belegt. Die Kollektion, die vor allem aus Studenten-, Gelehrten-, Adels- bzw. Fürstenstammbüchern aus dem Herzoghaus Sachsen-Gotha-Altenburg besteht, dokumentiert eine äußerst vielfältige Stammbuchkultur mit milieuspezifischem Zitier- und Motivkanon. Dabei kam es zu einem besonderen Wechselverhältnis zwischen der handschriftlichen und gedruckten Buchkultur, was durch die Verwendung von zumeist kleinformatigen Blankalben oder den als Alba amicorum  vorgesehenen Emblem- bzw. Wappenbüchern begünstigt wurde.

Die Stammbucheinträge umfassen Sentenzen, Devisen oder Bibelzitate und konnten mit illustrativen Beigaben versehen sein. Das Spektrum der oft von professionellen Miniaturisten ausgeführten Stammbuch-Ikonographie reicht von allegorischen Tugenddarstellungen, mythologischen Szenen, Vanitas-Darstellungen, studentischen Motiven, Scherzen oder Sprachspielen bis hin zu Spruchweisheiten, Lebensmaximen, kosmologischen und nicht zuletzt biblischen Bezügen. In dem Arrangement von Text und Bildschmuck spiegelten sich die Repräsentationsbedürfnisse der Inskribenten, die sich mit ihrem Eintrag zugleich in den Kreis der amici des Albumeigners einschrieben. Darüber hinaus boten Stammbücher als  öffentliches Medium Gelegenheit zur Inszenierung der eigenen Memoria. Für den Blick auf die bedeutungsstiftende Funktion emblematischer Motive oder die Untersuchung von Rezeptionsvorgängen, sozialen Netzwerken etc. dienen die frühneuzeitlichen Alba amicorum  heute als herausragende kultur- und sozialhistorische Quelle. (Text: Hendrikje Carius)

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