Krater_Pinatubo

Interview mit Tina Barthel zum Auslandspraktikum auf den Philippinen

Welches Land hast du besucht und für welchen Zeitraum warst du dort?

Ich habe von Mitte August 2018 bis Ende März 2019 auf den Philippinen gelebt. 

Warum hast du dich für dein Gastland und die jeweilige Praktikumsschule entschieden?

Die Entscheidung für mein Gastland war relativ leicht, weil mein Freund auf den Philippinen lebt und wir so mehr Zeit miteinander verbringen konnten. Da ich die Kultur und das Leben auf den Philippinen noch etwas besser kennenlernen wollte, habe ich mich dazu entschlossen, eine einheimische Schule zu besuchen und habe mich gegen eine Auslandsschule entschieden. Glücklicherweise hat mein Freund letztendlich auch eine kleine Privatschule gefunden, die mich sehr willkommen hieß.

Hast du dein Praktikum an einer einheimischen Schule oder einer Auslandsschule absolviert?

Wie bereits erwähnt, habe ich mein Praktikum an einer einheimischen Schule absolviert.

Wie unterschied sich deine Schule im Ausland von denen in Deutschland? Wie haben die Schülerinnen und Schüler in deinem Gastland gelernt?

Die Umstellung war erst einmal riesig für mich, weil die Schulen sich in jeglicher Hinsicht unterschieden; wahrscheinlich wäre es einfacher die Gemeinsamkeiten zu nennen!
Die Räume waren generell nicht so gut ausgestattet wie man es von deutschen Schulen kennt. Kreidetafeln waren nicht magnetisch, die Raumtemperatur betrug teilweise 33 Grad Celsius da es in den meisten Räumen nur einen Ventilator gab, manchmal fehlten Stühle für Schüler. Materialien waren so gut wie nicht vorhanden. Wenn man nicht nur mit dem Schulbuch mit den Schülern arbeiten wollte, musste man kreativ werden. Die ersten Monate hatte ich nicht einmal einen Drucker zur Verfügung und malte all meine Visualisierungen für die Tafel selbst. Das hat natürlich sehr viel Zeit gekostet und ich habe für die Unterrichtsvorbereitung einer Stunde sehr lange gebraucht.
Abgesehen von den räumlichen und materiellen Gegebenheiten besteht ein weiterer Unterschied darin, dass philippinische Kinder bilingual aufwachsen. Englisch und Tagalog sind Amtssprachen auf den Philippinen und in der Schule wird in zwei Sprachen unterrichtet. Der Unterricht an meiner Schule fand zudem fast ausschließlich frontal statt und Differenzierung gab es gar nicht. Auch das Benotungssystem ist anders und Aufgaben im Unterricht werden meist direkt benotet; es gibt also nicht wirklich Chancen für die Kinder ohne Leistungsdruck zu üben. Wie man sich vielleicht vorstellen kann, wurde auch auf Pünktlichkeit nicht so sehr geachtet. Generell war meine Schule auf den Philippinen einfach lockerer, spontaner und vor allen Dingen lauter.
Nichtsdestotrotz waren alle Schüler und Lehrer super freundlich, herzlich und offen mir gegenüber. Das Schulklima war sehr angenehm, da sich alle miteinander verstanden haben, und auch die Beziehung zwischen Schülern und Lehrern war enger als man es von den meisten deutschen Schulen gewöhnt ist. Die Lehrer gehörten, zumindest an meiner Schule, zu den Freunden der Schüler.

Hast du ein besonderes Projekt begleitet oder geleitet?

Auf den Philippinen wird in den Schulen jeder Monat mit einem Thema begleitet. Beispielsweise ist der September der Monat des Lehrers. Am Ende des Monats gab es dann ein Schulfest, an welchem die Lehrer geehrt worden sind. Zunächst führten die Kinder Tänze auf oder sangen Lieder, und anschließend bekam jede Lehrerin von den Schülern ganz viele Geschenke und Briefe, in denen sie sich bei den Lehrerinnen für ihre Arbeit bedanken. Dieses Ereignis war für mich ganz besonders, da es mein erster "Teacher's Day" war. Andere Monatsthemen waren zum Beispiel der Monat der Sprache (Tagalog), der Monat der Wissenschaft und der Monat der englischen Sprache.
Ein weiteres Projekt, welches ich begleitet habe, war das Scout Camping, bei dem die älteren Schüler mit den Lehrerinnen in der Schule übernachteten.

War es einfach, mit Einheimischen in Kontakt zu kommen?

Die Filipinos sind sehr offene Menschen und die meisten gehen auch auf fremde Menschen zu. Da mein Freund ein Filipino ist und ich an einer einheimischen Schule unterrichtet habe, war ich ausschließlich von Filipinos umgeben. So war es auch nicht schwer mit den Einheimischen in Kontakt zu kommen. Viele Menschen sind auf mich zugekommen und haben mir Fragen gestellt, manchmal auch komplett fremde Menschen auf der Straße, weil es nicht so oft vorkommt Ausländer zu treffen, zumindest nicht in der Region, in der ich gelebt habe.

Wie hoch waren die Lebenshaltungskosten an deinem Praktikumsort?

Wie in den meisten Ländern Südostasiens, waren auch die Lebenshaltungskosten auf den Philippinen deutlich geringer als in Deutschland. Obwohl der Wohnraum in Metro Manila eher teuer ist, hatte ich Glück und fand eine Wohnung für umgerechnet circa 50 Euro im Monat. Auch die Strom- und Wasserkosten waren nie höher als jeweils ungefähr fünf Euro im Monat. Lokale Lebensmittel und öffentliche Verkehrsmittel kosten auch deutlich weniger als in Deutschland. Diesbezüglich kann man als Westeuropäer also sehr gut auf den Philippinen klarkommen.

Was war die größte Herausforderung im Zusammenhang mit deinem Auslandsaufenthalt?

Die größte Herausforderung stellte für mich ganz klar das Unterrichten an der einheimischen Schule dar. Da das komplette Schulsystem und auch die Gegebenheiten an meiner Schule und auf den Philippinen ganz anders als in Deutschland waren, brauchte ich länger um Unterrichtsstunden vorzubereiten. Eine weitere Hürde stellte die Sprachbarriere und die großen Sprachdifferenzen zwischen den Schülern dar. Einige Schüler konnten kaum Englisch, was die Kommunikation innerhalb und außerhalb des Unterrichts nicht gerade einfach machte.
Glücklicherweise hatte ich für das alltägliche Leben auf den Philippinen immer meinen Freund zur Seite, der mir half und mich unterstützte. Ohne Hilfe hätte ich sicher auch größere Schwierigkeiten beim Benutzen der öffentlichen Verkehrsmittel gehabt, denn Haltestellen gibt es nur an den Start- und Endpunkten. Ansonsten muss man die Verkehrsmittel immer auf der Straße anhalten und vorher herausfinden welche Verkehrsmittel wohin fahren. Verkehrspläne habe ich dort nämlich auch nie entdeckt.

Was aus Deutschland hast du am meisten vermisst?

Neben Familie und Freunden habe ich die deutsche Infrastruktur und das deutsche Essen am meisten vermisst.
Manchmal habe ich für meinen Schulweg, der lediglich sieben Kilometer beträgt, eine Stunde gebraucht. In Manila steht man andauernd im Stau und da hätte ich mir schon gerne die deutsche Infrastruktur gewünscht.
In Bezug auf das Essen habe ich am meisten deutsches Brot und Brötchen vermisst. Aber auch Käse und andere Milchprodukte haben mir gefehlt, da diese auf den Philippinen nur sehr teuer zu erwerben sind.

Was vermisst du aus deinem Gastland?

Am meisten vermisse ich natürlich meinen Freund, seine Familie und meine dort gewonnenen Freunde. Daneben vermisse ich das sonnige, warme Wetter und vor allem die Natur. Die Philippinen sind bezüglich der Natur, meiner Meinung nach, eines der schönsten Länder der Welt und haben einiges zu bieten; Berglandschaften, Vulkane, ganz viel Meer, Seen, traumhafte Strände, Korallenriffe und eine lebendige Unterwasserwelt, Reisterrassen und vieles mehr kann man hier finden.

Was würdest du anderen empfehlen, die über einen Auslandsaufenthalt nachdenken? Welche drei Gründe sprechen dafür, sein Praktikum im Ausland zu absolvieren?

Ein Auslandspraktikum ist eine einmalige Chance das Leben im Ausland für eine begrenzte Zeit einmal auszuprobieren. Für diejenigen, die neugierig darauf sind andere Kulturen, Sprachen und Menschen kennenzulernen, ist ein Auslandspraktikum auf jeden Fall das Richtige. Allerdings sollte man in der Lage sein, sich an andere Gegebenheiten und Lebensbedingungen anzupassen.
Schon allein, weil man sich in einem anderen Land ein Leben aufbaut, macht man viele einmalige Erfahrungen. Während dieser Zeit lernt man sehr viel über das Praktikumsland und die Leute, schließt Freundschaften, findet neue Lieblingsgerichte und lernt neue Sprachen und das Land in einer viel intensiveren Art kennen, als wenn man dort nur einen Urlaub machen würde.
Für Lehramtsstudierende ist vor allem das Komplexe Schulpraktikum auch eine super Möglichkeit ein Semester im Ausland zu verbringen, da am Ende des Semesters alle 30 Leistungspunkte angerechnet werden. So muss man sich keine Sorgen darüber machen, dass man Veranstaltungen in Deutschland nachholen und eventuell ein Semester länger studieren muss.

Was hast du aus deinem Land mitgenommen oder gewonnen? Erfahrungen, Gegenstände, Freunde oder Inspirationen?

Aus meiner Zeit auf den Philippinen habe ich meine Schuluniformen und ganz viele Briefe zurück nach Deutschland mitgenommen und viele Freunde und eine zweite Familie gewonnen. 
Generell fand ich die Zeit auf den Philippinen sehr inspirierend und ich habe gelernt gelassener, spontaner und kreativer zu sein. Auf den Philippinen läuft nämlich vieles nicht nach Plan, was dort aber keinen verrückt macht. Zudem habe ich gesehen wie glücklich und zufrieden die meisten Menschen dort sind, auch wenn sie nicht viele materielle Dinge besitzen und oft ein einfaches Leben führen. Da auch mein Gepäck durch den Flug begrenzt war, habe ich 8 Monate mit viel weniger materiellen Dingen als in Deutschland gelebt, und ich muss sagen, dass ich nichts vermisst habe und es sogar als befreiend wahrgenommen habe. Für Deutschland habe ich mir jetzt vorgenommen auszusortieren und nur noch Notwendiges zu kaufen. Wir leben hier in Deutschland in einem riesigen Überfluss, der langfristig aber auch nicht glücklicher macht oder einen anderen Mehrwert bringt, das habe ich während meiner Zeit auf den Philippinen verstanden. 
Außerdem wurde mir auf den Philippinen noch einmal mehr bewusst, dass wir mehr auf unsere Umwelt achten und sie schützen sollten. Viele Filipinos machen sich keine Gedanken über ihre Umgebung und wurden auch nicht ausreichend aufgeklärt. So findet man eigentlich überall Müll: am Straßenrand, an Stränden, im Meer, und so weiter. Durch den Umgang mit Müll auf den Philippinen habe ich oft darüber nachgedacht, wie wir der Umwelt schaden, und dass, egal wo auf der Welt, mehr dagegen getan werden sollte.