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Universität Erfurt bietet offene Diagnostik für Sprachentwicklungsstörungen an

Der internationale Tag der Sprachentwicklungsstörungen (DLD awareness day) findet in diesem Jahr am 14. Oktober statt. Dabei sollen Sprachentwicklungsstörungen (SES) erneut durch verschiedene Aktionen in der breiten Öffentlichkeit bekannter gemacht werden. Auch die Universität Erfurt beteiligt sich mit einem Angebot.

Unter anderem lädt Dr. Svenja Obry, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Sonder- und Sozialpädagogik/Förderschwerpunkt Sprache und Kommunikation, im September und Oktober zu einer offenen Diagnostik hinsichtlich einer sogenannten persistierenden Sprachentwicklungsstörung auf den Campus ein. Für die Teilnehmenden ist dieses Angebot, das sich vorrangig an Jugendliche ab 14 Jahren und Erwachsene aus der Region Erfurt bzw. Thüringen richtet, kostenfrei. Sie erhalten eine wissenschaftlich fundierte Diagnostik ihrer sprachlichen Fähigkeiten mit schriftlichem Befund und haben im Anschluss Klarheit darüber, ob sie unter einer solchen Sprachentwicklungsstörung leiden und ob auf dieser Grundlage z.B. Sprachtherapie sinnvoll sein kann. Für die Diagnostik wird das „Leipziger Sprach-Instrumentarium Jugend (LSI.J)“ verwendet. Das Verfahren ist standardisiert und normiert. Es wird über ein Tablet durchgeführt, enthält zehn kurze Aufgaben und dauert etwa eine Stunde. Termine können individuell vereinbart werden. Interessierte können sich dafür ab dem 29. August bei Dr. Svenja Obry melden.

Sprachentwicklungsstörungen treten während des Spracherwerbs als Folge einer primären Erkrankung, z.B. einer Hörstörung, oder als isolierte Störung im Laufe des Spracherwerbs auf. Dabei können verschiedene Modalitäten der Sprache und des Sprechens betroffen sein. Je nach Schweregrad und Komplexität der SES kann sich diese langfristig auf die Entwicklung eines Kindes auswirken und auch noch bis ins Jugend- und Erwachsenenalter fortbestehen. Dr. Svenja Obry: „Die Auffälligkeiten springen zwar nicht mehr sofort ins Auge, können die Betroffenen in ihrem Alltag und ihren Bildungserfolgen dennoch beeinträchtigen. So kann z.B. das Verständnis komplexer Erklärungen oder schwieriger Texte schwerfallen. Erzählungen sind weniger strukturiert und somit schwerer nachvollziehbar. Schwierige Wörter werden nicht verstanden, oder eigentlich bekannte Wörter fallen den Betroffenen beim Sprechen nicht ein. Es ist deshalb wichtig, auf persistierende Sprachentwicklungsstörungen aufmerksam zu machen. So können Jugendliche und Erwachsene auch Hilfsmöglichkeiten, zum Beispiel im Rahmen von Sprachtherapie, wahrnehmen.

„Die Idee, dass sich eine Entwicklungsstörung verwächst, ist wissenschaftlich nicht zu belegen“, bekräftigt Sandra Neumann, Professorin für Inklusive Bildungsprozesse bei Beeinträchtigungen von Sprache und Kommunikation an der Universität Erfurt. Da das schulische Lernen stark auf Sprache und Sprechen aufbaue, falle Kindern und Jugendlichen mit einer Sprachentwicklungsstörung das Lernen allgemein oft schwer. „Häufig wird das Verhalten betroffener Kinder fälschlicherweise als unaufmerksames oder schlechtes Verhalten interpretiert“, sagt Prof. Neumann. „Dem Kind werden dann allgemeine Lernschwierigkeiten unterstellt oder die Ursache wird bei den Eltern gesucht.“ Aber: Kindern und Jugendlichen mit einer SES kann geholfen werden. Eine frühzeitige sprachtherapeutische Behandlung kann die sprachliche Entwicklung der Kinder unterstützen und massive Folgeerscheinungen abmildern oder sogar verhindern. Sandra Neumann betont: „Pro Schulklasse sind im Schnitt zwei Kinder von einer SES betroffen. Deshalb ist es notwendig, dass Lehrkräfte über das Störungsbild der SES informiert sind und wissen, wo sie Unterstützung bekommen.“ Im schulischen Bereich beispielsweise könnten ausgebildete Lehrkräfte mit sonderpädagogischer Expertise im Förderschwerpunkt Sprache das Lernen der Kinder und deren soziale Teilhabe fördern.

Prof. Dr. Sandra Neumann: „Schauen auch Sie genau hin! Vielleicht stehen die Ängstlichkeit, die Hyperaktivität oder die Lernbeeinträchtigung eines Kindes in der KiTa-Gruppe oder in der Schulklasse im Zusammenhang mit einer Sprachentwicklungsstörung. Weil es wichtig ist, mögliche Auffälligkeiten frühzeitig zu erkennen und gezielt zu behandeln, sollten Eltern und Fachkräfte bei Bedarf Expert*innen zu Rate ziehen.“

Weitere Informationen / Kontakt:

Svenja Obry
Dr. Svenja Obry
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Inklusive Bildungsprozesse bei Beeinträchtigungen von Sprache und Kommunikation
(Erziehungswissenschaftliche Fakultät)
Mitarbeitergebäude 2 / Raum 303
Sprechzeiten
dienstags 13-14 Uhr nach vorheriger Anmeldung unter:
https://www.terminland.de/dr._svenja_obry/