Kommission Sozialpädagogik der DGfE

Symbolbild Teamarbeit (Spielfiguren)

Wir laden Sie herzlich zur Jahrestagung der Kommission Sozialpädagogik der DGfE (Deutsche Gesellschaft für Erziehungswissenschaft) ein, die vom 18. – 19.03.2021 in Kooperation mit der Universität Erfurt zum Thema Sozialpädagogische Professionalisierung in der Krise? digital stattfinden wird!

Bei den Jahrestagungen der Kommission im zweijährigen Turnus geht es um die Unterstützung einer wissenschaftlichen und disziplinpolitischen Auseinandersetzung mit sozialpädagogischen Themenstellungen.

Krisen sind schwerlich objektiv zu fassen. Vielmehr sind es gesellschaftliche Wahrnehmungsweisen, die dazu beitragen, dass soziale Probleme öffentlich werden und sozialpolitisch daran angeschlossen wird (Groenemeyer 2001). An diesen Krisenwahrnehmungen war Sozialpädagogik historisch betrachtet beteiligt (Dollinger 2006). Krisenwahrnehmungen tragen dazu bei, soziale Probleme zu qualifizieren. Sie können so zum Auf- oder Abbau oder zur Transformation sozialer Infrastrukturen führen.

Während Soziale Arbeit in ihren Anfängen als Profession Profiteurin der auf das Soziale bezogenen Krisenwahrnehmungen war, kann dies gegenwärtig nicht mehr vorausgesetzt werden, wie sich etwa in dem Narrativ der ‚Krise des Sozialstaates‛ ausdrückt. Zudem ist es fraglich, ob ein beobachtbarer Ausbau der Erwerbsmöglichkeiten für Soziale Arbeit auch mit einer weiteren sozialpädagogischen Professionalisierung einhergeht (Hünersdorf 2019). Ziel der Tagung ist es, die Bedingungen der Möglichkeiten sozialpädagogischer Professionalisierung sowohl auf der Ebene der akademischen Qualifizierung als auch auf der Ebene der Handlungsfelder in den Blick zu nehmen. Vor dem Hintergrund sich wandelnder politischer Rahmenbedingungen, des krisenlegitimierten Ausbaus von Unterstützungsangeboten der Sozialen Arbeit und der damit einhergehenden Fachkräfteknappheit diversifizieren sich die für die Professionalisierung von Fachkräften grundlegenden Ausbildungen und Studiengänge. Aufgrund der Wechselwirkung zwischen Professionalisierung und Fachkräfteknappheit ist von veränderten Theorie-Praxis-Relationen auszugehen.

Des Weiteren geraten auch die vorherrschenden Theorien zur sozialpädagogischen Professionalität (Oevermann, Schütze, Dewe/Otto) in die Krise. Angesichts der Diskrepanz zwischen Anspruch und gesellschaftlichen Möglichkeiten werden die Theorien in ihrer Normativität fraglich. Stattdessen entwickeln sich neue, empirisch begründete Theorien professionellen Handelns, die sich relational begreifen (Köngeter 2009, Bastian 2019). Durch demokratiefeindliche Entwicklungen werden auch (neue) normative Ansprüche an professionelles Handeln gerichtet (Oehler 2018, Schäuble 2018).

Sozialpädagogisch professionelles Handeln wird zunehmend öffentlich, d.h. medial vermittelt sichtbar. Dabei hat es sich mit einer Zuschreibung ‚defizitärer‘ Professionalität auseinanderzusetzen, wie das z.B. in jüngerer Zeit im Kontext des Kinderschutzes (bspw. Biesel u.a. 2019) oder der Aufdeckung sexuellen Missbrauchs (bspw. Andresen 2015) zu beobachten war. Diese Fremdwahrnehmung trägt wiederum zur kritischen Selbstreflexion professionellen Handelns in der Sozialpädagogik bei. Schließlich wird auch in Anbetracht der jüngsten Krise, der Corona-Pandemie, danach gefragt, welche professionellen Herausforderungen sie angesichts dieser Entwicklungen zu bewältigen hat.

Der Anspruch der Tagung ist damit zugleich ein doppelter: Zum einen soll die dem Thema der Tagung grundgelegte Diagnose durch Forschungsergebnisse kritisch geprüft werden. Zum anderen geht es darum, sich dazu politisch zu positionieren. Diese doppelte Ausrichtung spiegelt sich auch in den jeweiligen Formaten wider. Mit Vorträgen, Arbeitsgruppen, Diskussionsforen und einer Podiumsdiskussion beschäftigen wir uns insbesondere mit:

  • Krisenlegitimation und -bewältigung in/der Theorien und Praxis Sozialer Arbeit
  • fach- und gesellschaftspolitischer Auftrag der Sozialen Arbeit einschließlich der selbstkritischen Auseinandersetzungen mit der öffentlichen Wahrnehmung sozialpädagogischen professionellen Handelns
  • Entwicklung des Fachkräftebedarfs und der damit verbundenen Ausdifferenzierung von Studiengängen und Qualifizierungsangeboten in der Sozialen Arbeit

Gesondert möchten wir auch bereits heute darauf aufmerksam machen, dass am Freitag, 19.02.2021 die digitale Mitgliederversammlung der Kommission Sozialpädagogik stattfinden wird. Alle Interessierten sind herzlich dazu eingeladen! Wir werden hierzu noch einmal gesondert einladen.

Die Informationen zum Tagungsprogramm werden in Kürze auf der Homepage veröffentlicht.

Da die Tagung auch in einem für uns neuen und ungewohnten Format als digitale Tagung stattfindet wird und sie aus Mitteln der Kommission Sozialpädagogik sowie der Universität Erfurt realisiert werden kann, freuen wir uns keinen Teilnahmebeitrag für die Tagung erheben zu müssen. Über die organisatorischen Abläufe und Besonderheiten informieren wir in Kürze.

Wir freuen uns darauf Sie digital auf unserer Jahrestagung begrüßen zu dürfen.

Mischa Engelbracht; Bettina Hünersdorf; Kim-Patrick Sabla; Vicki Täubig; Ulrike Voigtsberger

Literatur:

  • Andresen, Sabine (2015): Das Schweigen brechen. Kindesmissbrauch – Voraussetzungen für eine persönliche, öffentliche und wissenschaftliche Aufarbeitung. In: Geiss, Michael; Magyar-Haas, Veronika (Hrsg.): Zum Schweigen. Macht/Ohnmacht in Erziehung und Bildung. Weilerswist-Metternich: Velbrück Wissenschaft, S. 127-145.
  • Biesel, Kay; Brandhorst, Felix; Rätz, Regina; Krause, Hans-Ullrich (2019): Deutschland schützt seine Kinder! Eine Streitschrift zum Kinderschutz. Bielefeld: Transcipt.
  • Dollinger, Bernd (2006): Die Pädagogik der Sozialen Frage. (sozial-)pädagogische Theorie vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zum Ende der Weimarer Republik. Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwiss.
  • Groenemeyer, Axel (2001). Soziologische Konstruktionen sozialer Probleme und gesellschaftliche Herausforderungen: eine Einführung. Soziale Probleme, 12 (1/2), S. 5-27.
  • Hünersdorf, Bettina (2019): Paradoxien der Normalisierung (in) der Sozialpädagogik. In Zeitschrift für Sozialpädagogik, 17 (3), S. 281-296.
  • Köngeter, Stefan (2009): Relationale Professionalität. Eine empirische Studie zu Arbeitsbeziehungen mit Eltern in den Erziehungshilfen. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.
  • Oehler, Patrick (2018): Demokratie und Soziale Arbeit. Entwicklungslinien und Konturen demokratischer Professionalität. Wiesbaden: Springer VS.
  • Bastian, Pascal (2019). Sozialpädagogische Entscheidungen. Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich.
  • Schäuble, Barbara (2018): Sozialarbeiter*innen als „social workers without borders“ oder als „borderworker“? Wie Menschenrechtsethik und Konfliktbereitschaft zu professionellen Standards beitragen. In: Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer, BAfF e.V (Hg.): Von Aleppo nach Eisenhüttenstadt – und dann? Wege in Sicherheit und Versorgung. 22.-24. April 2018 in Potsdam Tagungsdokumentation, S. 89-94.