Universität Erfurt

Forschung und Nachwuchsförderung an der Universität Erfurt

Die Reformation auf Abwegen

Titelkupfer der Schrift „Anabaptisticum et Enthusiasticum Pantheon und Geistliches Rüst-Hauß“ (1702) von Johann Friedrich Corvinus.

„’Ich habe einen Traum‘. Myconius, Melanchthon und die Reformation in Thüringen“, lautet der Titel einer Ausstellung, die im April in der Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt eröffnet wird. Sie zeigt unter anderem Myconius‘ und Melanchthons Rolle im Zusammenhang mit der Hinrichtung von sechs Wiedertäufern im Jahr 1530 im Kloster Reinhardsbrunn – eine Geschichte, die wir hier im Vorfeld der Schau erzählen wollen…

„Non vi sed verbo“ – Nicht mit Gewalt, sondern mit dem Wort. Dieses Luther-Zitat und Motto der frühen Reformationsbewegung beanspruchten die Reformatoren gern für sich selbst. Ein Toleranzgedanke, der sich wohl für die friedliche Verbreitung und Etablierung der reformatorischen Ideen unter den Augen der katholischen Kirche einsetzte und der sich bis in die Gegenwart in gewaltfreien Protestbewegungen wie die von Martin Luther King über Mahatma Gandhi bis hin zu den Montagsdemonstrationen oder der Orangen Revolution widerspiegelt. Dass die Toleranz der Reformatoren, denen wir den modernen Freiheitsbegriff verdanken, jedoch auch hier und dort an ihre Grenzen stieß, das zeigten letztlich nicht nur Luthers Einstellung zu den Juden und seine Polemik gegen die aufständischen Bauern. Auch die Verfolgung der neoreformatorischen Bewegung der Täufer bildet einen weiteren dunklen Fleck in der Geschichte des Luthertums. Im Kloster Reinhardsbrunn bei Gotha etwa wurden 1530 insgesamt neun Täufer – vermutlich unter Anwendung von Gewalt – verhört und zum Widerruf gedrängt. Sechs von ihnen beharrten laut dem Verhörprotokoll auf ihrem „unchristlichen Irrsal wider gott“ und wurden einige Tage später hingerichtet – unter den Augen der mitteldeutschen Reformatoren Friedrich Myconius, Justus Menius und Philipp Melanchthon. Nicht nur ein regionalgeschichtlich bedeutendes Ereignis, sondern auch „theologisch höchst relevant“, sagt Dr. Sascha Salatowsky von der Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt – und macht dieses Thema zum Teil der Jahresausstellung „‘Ich habe einen Traum‘ – Myconius, Melanchthon und die Reformation in Thüringen“, die die Forschungsbibliothek gemeinsam mit der Stiftung Schloss Friedenstein ausrichtet.

Die Gruppe der (Wieder-)Täufer, auch Anabaptisten genannt, formierte sich nur wenige Jahre nach Luthers Thesenanschlag in verschiedenen protestantischen Winkeln Europas. Ihr Name leitet sich ab aus einem ihrer wichtigsten Unterscheidungspunkte gegenüber den reformatorischen und katholischen Glaubensrichtungen: „Die Täufer waren gegen die Kindstaufe“, erklärt Sascha Salatowsky. „Sie proklamierten, dass der Mensch nicht in einen Glauben hineingeboren wird, sondern sich als mündiger Erwachsener dazu entscheiden sollte. Deshalb wurden bei den Anabaptisten nur Erwachsene getauft.“ Mit der Ablehnung der Kindstaufe lehnten die Täufer gleichzeitig ein wesentliches Dogma der christlichen Kirche ab – und damit auch des lutherischen Glaubens. Denn die Taufe wurde auch bei den Lutheranern noch als wesentliches Mittel zur Befreiung von der Erbsünde, also jenem Unheilszustand, den Adam und Eva durch den Verzehr der verbotenen Frucht vom Baum der Erkenntnis über die Menschheit brachten, gesehen. „Und dieser Sündenfall vererbt sich in jedem Menschen weiter und kann nur durch die Taufe reingewaschen werden, so der christliche Glauben“, erklärt der wissenschaftliche Mitarbeiter der Forschungsbibliothek.

Titelkupfer der Schrift „Anabaptisticum et Enthusiasticum Pantheon und Geistliches Rüst-Hauß“ (1702) von Johann Friedrich Corvinus.
Titelkupfer der Schrift „Anabaptisticum et Enthusiasticum Pantheon und Geistliches Rüst-Hauß“ (1702) von Johann Friedrich Corvinus.

Zu diesen dogmatischen Abweichungen der Täufer kam ein endzeitlich-apokalyptisches und damit auch politisches Programm, dessen Folgen und Verbreitung für Landesherrn, Kirche und Reformatoren unvorhersehbar und damit gefürchtet waren. Die Ablösung dieser Bewegung aus seiner reformatorischen Kirche wurde für Luther deshalb zunehmend zum Problem. Der Bauernaufstand durch Thomas Müntzer und das sich in Münster bereits anbahnende radikale Täuferreich, in dem der wohlhabende Kaufmann Bernd Knipperdolling 1534 Bürgermeister der als „Neues Jerusalem“ bezeichneten Stadt wurde, stellten für ihn und seine Kollegen wie Melanchthon schon früh Fragen in den Raum: Wie können wir Gottes Ordnung bewahren? Wie groß könnte die Gruppe der Wiedertäufer werden, wie radikal sind sie und werden sie die Waffen erheben? Tatsächlich ist es heute schwer, die Größe der Bewegung abzuschätzen. Studien sprechen von etwa eintausend Anhängern, die europaweit verfolgt und vertrieben, im schlimmsten Falle sogar gefoltert und ermordet wurden. „Auch die großen Reformatoren haben gegen die Anabaptisten angeschrieben – Luther, Melanchthon, Menius“, weiß Salatowsky. „Der Gothaer Superintendent Friedrich Myconius aber hatte ernsthafte Bedenken. Er äußert sich in seinen Briefen zwar auch kritisch gegen die Lehre der Wiedertäufer. Ich glaube aber, dass er ihre Hinrichtung aus christlicher Nächstenliebe für verkehrt hielt.“ Diese „Bauchschmerzen“, die Myconius bezüglich des Umgangs mit den Täufern verspürte, können heute nicht mehr direkt nachgewiesen werden, jedoch aus einem Brief, den Melanchthon an den Gothaer Superintendenten schrieb und der heute in der Forschungsbibliothek Gotha bewahrt wird, herausgelesen werden. „Der Brief von Myconius an Melanchthon ist leider nicht bekannt. Aber wir kennen Melanchthons Antwort darauf“, bekräftigt Salatowsky. „Und der macht deutlich, dass Myconius an der Art und Weise der Verfolgung der Täufer zweifelte und dass Melanchthon nun versucht, ihn von der Richtigkeit des Vorgehens zu überzeugen.“ Dabei erinnert Melanchthon seinen Gothaer Kollegen an die radikalen Bestrebungen von Nikolaus Storch und Thomas Müntzer. Er betont, wie sehr er es bereut, gegenüber ‚ruchlosen Menschen‘ ‚törichterweise milde‘ gewesen zu sein. Salatowsky: „Er sah aufgrund der Erfahrungen mit Müntzer die Gefahr, dass die Wiedertäufer einen Aufstand in der Bevölkerung anzetteln würden und rechtfertigte damit das Vorgehen gegen sie.“ Schließlich müssten Exempel statuiert werden und „durch neue Beispiele der Menge Schrecken eingeflößt“ werden, um einem Aufstand vorzubeugen.

Myconius selbst ist schließlich bei Verhören von Täufern anwesend. Nachdem er schon bei den Bauernaufständen im Gothaer Land erfolgreich vermittelt hatte, sollte er auch die Wiedertäufer, die seit 1527 in Westthüringen an verschiedenen Orten Fuß fassten, zum Widerruf ihrer Ansichten bewegen. So verhörte er am 10. Januar 1530 auch die neun in Reinhardsbrunn verhafteten Wiedertäufer. Dass sechs von ihnen öffentlich hingerichtet wurden, weil sie bei ihren Ansichten blieben, konnte er aber im Gegensatz zu seinem Eisenacher Kollegen und Freund Menius sowie Melanchthon scheinbar nicht mit seinem Gewissen vereinbaren. Vielleicht untergrub er seine eigenen moralischen Bedenken jedoch zugunsten der Verantwortung, die die Theologen für „das Seelenheil der Gläubigen“ verspürten. „Die Reformatoren konnten noch nicht sagen, dass jeder nach seiner Facon glücklich werden soll, da sie von der Richtigkeit ihres Glaubens absolut überzeugt waren“, resumiert Salatowsky. „Erst wenn man diese Überzeugung aufgibt, kann echte Toleranz entstehen.“ Das große Anliegen des Kurators liegt nun darin, im Rahmen der Ausstellung über die Reformation in Thüringen diese Frage nach der (In-)Toleranz am Beispiel der Ermordung der Wiedertäufer in Reinhardsbrunn aufzuarbeiten und bei aller Kritik auch einen Versuch zu starten, dieses Vorgehen der Reformatoren theologisch und historisch einzuordnen und zu begründen.

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