Universität Erfurt

Forschung und Nachwuchsförderung an der Universität Erfurt

Die Reformation und ihre Lieder: Forschungsbibliothek Gotha beherbergt zahlreiche Gesangbuch-Schätze

Die Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt beherbergt zahlreiche Gesangbuch-Schätze. Die Sammlung zählt rund 3.000 Bände und gehört zu den ganz großen in der Bundesrepublik. Einige der Stücke daraus sind noch bis zum 12. August 2012 im Rahmen des Themenjahres „Luther und die Musik“ in der Ausstellung „Mit Lust und Liebe singen. Die Reformation und ihre Lieder“ auf Schloss Friedenstein zu sehen. Grund genug, drei der wertvollen Stücke an dieser Stelle einmal näher vorzustellen.

Was wäre die Reformation in Deutschland ohne ihre Lieder? Gesammelt und veröffentlicht wurden sie in Gesangbüchern, die zunächst für die Kantoren und Pfarrer gedacht waren. Im Gottesdienst wurden die Lieder auswendig gesungen. Erst um 1700 setzte sich das Gesangbuch für jeden Haushalt und im Gottesdienst durch. In dieser Zeit entstanden die ersten offiziellen Gesangbücher für einzelne Territorien. Das Gesangbuch ist eine der traditionsreichsten Buchgattungen überhaupt und war im protestantischen Bereich über Jahrhunderte ein noch größerer Bestseller als die Bibel. Es wurde von Generation zu Generation weitergegeben und war – sichtbar unter dem Arm in den Gottesdienst getragen – Bekenntnisbuch und Identitätssymbol. Historische Gesangbücher und die in ihnen überlieferten Lieder mit ihrer tiefen Verwurzelung im Leben sind heute bedeutende kulturgeschichtliche Quellen.

Abbildung des ersteh evangelischen Gesangbuchs, des Achtliederbuchs
Achtliederbuch
Abbildung Gesangbuch für Thüringen
Gothaer Chorbuch
Abbildung Gesangbuch für Thüringen
Gesangbuch für Thüringen

Das erste evangelische Gesangbuch: das Achtliederbuch

Abbildung des ersteh evangelischen Gesangbuchs, des Achtliederbuchs
Das erste evangelische Gesangbuch, das Achtliederbuch (© Universität Erfurt, Forschungsbibliothek Gotha, Foto: Sergej Tan)

Zusammen mit Johann Walters „Geystlichem gesangk Buchleyn“ von 1524 und den beiden „Erfurter Enchiridien“ desselben Jahres steht das sogenannte „Achtliederbuch“ von 1523/24 am Beginn der Geschichte des evangelischen Gesangbuches. Es wurde in Nürnberg von dem Drucker Jobst Gutknecht herausgegeben, die Angabe „Wittenberg“ auf dem mit Holzschnittleisten verzierten Titelblatt soll lediglich auf das Zentrum der Reformation verweisen und den Druck autorisieren. In ihm stellte Gutknecht vier Lieder Martin Luthers, drei Lieder von Paul Speratus (1484−1551) sowie ein anonymes Lied zusammen. Vermutlich waren die Texte bereits zuvor in Einzeldrucken verbreitet worden. Mit dem „Achtliederbuch“, auf dessen Titelblatt ausdrücklich vermerkt ist, die Lieder seien „in der Kirchen zu singen“, werden die Lieder in den Gottesdienst geholt.  Das Werk enthält Luthers früheste Lieddichtungen, „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“ (EG 341) sowie drei Psalmen, darunter das wichtige „Aus tiefer Not schrei ich zu Dir“ (EG 299).
Das „Achtliederbuch“ verbindet das deutsche geistliche Lied mit der Reformation. So heißt es im Titel, die Lieder seien „dem Wort Gottes gemäß aus der Heiligen Schrift gemacht“ und so ist den Liedern von Speratus ein Apparat der Schriftstellen aus der Bibel beigegeben. Den acht Texten sind nur vier Melodien zugefügt, für die drei Luther-Psalmen wird unter Verwendung desselben Druckstocks die Melodie von „Es ist das hayl uns kumen her“ wiederholt, für ein Lied von Speratus gibt es keine Noten. Das vorliegende Exemplar stammt aus der Gesangbuchsammlung des Johann Christoph Olearius (1669−1747), die den Grundstock der Sammlung der Herzoglichen Bibliothek Gotha bildet. Olearius hatte sich 1717 zunächst eine Abschrift des Druckes aus dem Besitz des Hymnologen Georg Serpilius (1669−1728) angefertigt und dessen Text erstmals vollständig in seiner „Jubilirenden Lieder-Freude“ abgedruckt. 1723 erwarb er das heute überlieferte Gothaer Exemplar von dem Arnstädter Numismatiker Christian Schlegel (1667−1722).
Foto: Achtliederbuch_FB Gotha_Cant_spir_8_959

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Das Gothaer Chorbuch Johann Walters

Abbildung Gesangbuch für Thüringen
Gothaer Chorbuch (© Universität Erfurt, Forschungsbibliothek Gotha, Foto: Sergej Tan)

Nach der Einweihung der neuen Schlosskapelle in Torgau 1544 ließ Johann Walter im Auftrag des Kurfürsten Johann Friedrichs I. von Sachsen (1503−1554) für den dortigen Gebrauch eine Handschrift erstellen. Sie enthält nicht nur eigene Werke Walters, sondern das von ihm zusammengestellte Repertoire, das um 1550 im protestantischen Mitteldeutschland in den Gottesdiensten gebraucht wurde. Walter nahm die Handschrift an sich und brachte sie nach Jena. Von dort gelangte sie in die Privatbibliothek des Sohnes von Kurfürst Johann Friedrich I., Herzog Johann Friedrich II. von Sachsen (1529−1595), der auf der Festung Grimmenstein in Gotha residierte. Als Johann Friedrich II. nach ungeschickter Politik in die sogenannten Grumbachschen Händel verstrickt wurde, in kaiserliche Gefangenschaft geriet und die Burg Grimmenstein 1567 geschleift wurde, kam die Handschrift zusammen mit der herzoglichen Bibliothek von Gotha nach Weimar und 1574 nach Jena. 1590 schließlich wurde sie durch einen der Söhne Johann Friedrichs des II., Herzog Johann Casimir von Sachsen-Coburg (1564−1633), von Jena nach Coburg überführt. Dort wurde sie durch Herzog Albrecht von Sachsen-Coburg (1648−1699) dem Gymnasium Casimirianum geschenkt. Dessen Rektor, der Theologe Ernst Salomon Cyprian (1673−1745), wechselte 1713 von Coburg an die Herzogliche Bibliothek Gotha, deren Direktor er wurde. Im Auftrag Herzog Friedrichs II. von Sachsen-Gotha-Altenburg (1676−1732) erwarb sie Cyprian spätestens 1714 für die Herzogliche Bibliothek Gotha. Nach 170 Jahren „Wanderschaft“ erhielt sie den Namen Gothaer Chorbuch. Das Gothaer Chorbuch wurde 1946 mit den etwa 330.000 Bänden der Herzoglichen Bibliothek Gotha als Beutegut des Zweiten Weltkrieges in die Sowjetunion verbracht und kehrte 1956 nach Gotha zurück.
Foto: Gothaer Chorbuch_FB Gotha_Chart_A_98_158v-159r

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Ein Gesangbuch für Thüringen aus Sondershausen

Abbildung Gesangbuch für Thüringen
Gesangbuch für Thüringen (© Universität Erfurt, Forschungsbibliothek Gotha, Foto: Sergej Tan)

Jedes Thüringer Territorium hatte im 18. Jahrhundert sein eigenes Gesangbuch. So bunt wie die Landkarten Thüringens in dieser Zeit waren, so vielfältig war auch die Gesangbuchlandschaft. Neben dem Sondershäusischen Gesangbuch gab der Sondershäuser Hofbuchdrucker Jakob Andreas Bock jedoch auch ein „Evangelisches Gesang-Buch“ heraus. Es erschien zwischen 1721 und 1736 in mehreren Auflagen, enthielt mehr als 800 Lieder und fällt durch seine besondere Ausstattung und vor allem durch seine Zweckbestimmung auf. Das Titelblatt ist in rot und schwarz gedruckt, das gegenüber liegende Frontispiz ist dreigeteilt: Unter einem Spruchband mit der Aufschrift „Das ist ein köstlich ding, dem Herrn dancken und Lobsingen deinem Namen du Höchster. Psalm 92“ musiziert König David mit der Harfe. Darunter ist eine Stadtansicht mit dem Schriftzug „Thüringen“ zu sehen. Das Gesangbuch strebt also eine breitere Wirkung in Thüringen an und will überregional wirken. So heißt es schon im Titel: „Wie solches so wohl in denen Chur- und Fürstl. Sächs. als auch in denen Thüringischen Landen und andern Orten beym öffentlichen Gottesdienst und privat-Andachten gebräuchlich, zu finden“. Ein inhaltlich nahezu identisches Gesangbuch wurde 1744 in Frankenhausen herausgegeben. Weitere Gesangbücher dieser Art erschienen bis 1795 in Langensalza, Jena und Erfurt.
Foto: Gesangbuch für Thüringen 1730_Cant_spir_8_1239

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