Universität Erfurt

Forschung und Nachwuchsförderung an der Universität Erfurt

Essen als politisches Phänomen der modernen Gesellschaft: Interview mit Prof. Dr. Jürgen Martschukat

Bild: Boys exercising at Hiawatha Playfield (1911), Copyright: Don Sherwood Parks History Collection (Record Series 5801-01), Seattle Municipal Archives, Flickr
Bild: Boys exercising at Hiawatha Playfield (1911), Copyright: Don Sherwood Parks History Collection (Record Series 5801-01), Seattle Municipal Archives, Flickr

Die Fritz Thyssen Stiftung fördert ab Oktober 2012 für die Dauer von zwei Jahren ein neues Forschungsvorhaben am Lehrstuhl für Nordamerikanische Geschichte der Universität Erfurt. Unter dem Titel „Das essende Subjekt: Eine Geschichte des Politischen in den USA vom 19. bis zum 21. Jahrhundert“ beschäftigt sich das Projekt mit der Geschichte des Essens und der Ernährung in den USA im 19./20. Jahrhundert. Ein Gespräch mit Prof. Dr. Jürgen Martschukat, der hier zusammen mit den beiden Lehrstuhlmitarbeiterinnen Nora Kreuzenbeck und Nina Mackert eine Geschichte des Essens als Geschichte der Moderne und ihrer Transformationen schreiben will…

 

Herr Professor Martschukat, was hat denn Essen mit Politik zu tun?

Eine ganze Menge, denn Essen und Ernährung führen direkt ins Zentrum moderner, liberaler Gesellschaftsordnung. In dieses Zentrum ist im 19. Jahrhundert im Zuge der Aufklärung der ‚freie Mensch‘ gerückt, der gefordert ist, sich permanent als solcher zu beweisen indem er ein leistungsfähiges Mitglied der Gesellschaft ist und so zur Sicherung der freiheitlichen Ordnung beiträgt. Der Mensch bekam praktisch den Auftrag: Kümmere dich um dich selbst und dein Glück, übernimm Verantwortung, sei ein gutes Mitglied der Gesellschaft! Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde so ein leistungsfähiger Körper mehr und mehr Ziel und Ausdruck verantwortungsbewussten Handelns, übergewichtige Menschen wurden als problematisch erachtet, Diät-, Fasten- und Fitnessbewegungen entstanden. Bis heute kämpfen die Menschen mit diesen Anforderungen und so wird die Geschichte der Ernährung in modernen, liberalen Gesellschaftsordnungen auch eine politische.

Dieses Phänomen untersuchen Sie nun im Rahmen Ihres Forschungsprojekts „Das essende Subjekt“. Wie kamen Sie dazu, sich dieses Thema einmal genauer anzuschauen und warum legen Sie den Fokus dabei auf Amerika?

Übergewicht und Fettleibigkeit werden gegenwärtig als ein Problem beschrieben, das in modernen Gesellschaften epidemische Ausmaße annimmt. Und dies insbesondere in den USA, deshalb lag es nahe, uns erst einmal genau diese Region vorzunehmen. Gleichzeitig ist ein Fitnesshype bzw. Körperkult zu beobachten, der dem gegenüberzustehen scheint. Die Frage ist, wie passt das zusammen? Handelt es sich hier um zwei unabhängig voneinander existierende Phänomene moderner Gesellschaften oder vielleicht doch um zwei unterschiedliche Ausprägungen ein und desselben Phänomens? Von dieser Beobachtung ausgehend, wollen wir mit unserer Forschung eine Geschichte des Essens, des Dickseins, der Gesundheit und ihrer Regulierungen in den USA seit der Mitte des 19. Jahrhunderts schreiben.

Sie kooperieren dabei mit dem Deutschen Historischen Institut Washington D.C., vor welchem Hintergrund?

Ich habe seit langer Zeit gute Kontakte zu den Kollegen dort und die Zusammenarbeit bot sich insofern an, als das Deutsche Historische Institut einen Schwerpunkt zum Thema Konsumgeschichte hat. Das wird uns sicher einen spannenden Austausch ermöglichen, eine Konferenz in Washington im Rahmen des Projekts ist bereits für September 2013 geplant.

Wie nähern Sie sich dem Forschungsthema, wie gehen Sie methodisch vor?

Wir untersuchen das Thema in zwei Teilprojekten – das erste wird sich von den 1850er- bis zu den 1950er-Jahren erstrecken, das zweite von den 1930er-Jahren bis zur Gegenwart – anhand von drei Fragekomplexen: Erstens sollen Essen und Ernährung als zentrale Kraft in der Formierung und Regulierung von modernen Gesellschaften unter die Lupe genommen werden. Dabei gucken wir uns zeitgenössische Wissenspublikationen wie Gesundheits- und Diätratgeber, aber auch Presseartikel an, um zu sehen, wie das Thema in der jeweiligen Zeit diskutiert wurde. Außerdem stützen wir uns auf Materialien verschiedener Vereinigungen wie der „Fat Man’s Associations“ oder der „Overeaters Anonymous“. Und darüber hinaus werden uns Autobiografien, Briefe an Mediziner, Diätentwickler und einschlägige Zeitschriften Zugang zu denjenigen eröffnen, die als Zielgruppe von Ernährungsempfehlungen galten, sich angesprochen oder ausgeschlossen fühlten. Im zweiten Schritt soll dann herausgearbeitet werden, inwieweit Ernährung mit soziokulturellen Unterschieden wie Klasse, Rasse und Geschlecht im Zusammenhang steht und drittens wird sich das Projekt dem institutionellen Rahmen widmen, also Verbänden, Organisationen, Vereinen etc., in denen Essen und Ernährung eine Rolle spielen. Und an der Stelle werden wir auch schauen, wie sich die verschiedenen Akteurinnen und Akteure im Laufe der Geschichte zu diesem Thema verhalten haben. Dabei verknüpfen wir verschiedene historische Forschungsbereiche, von der Historischen Anthropologie und der Körpergeschichte über die Kultur- und Sozialgeschichte und Konsumgeschichte bis zur Kulturgeschichte des Politischen. Das Projekt ist interdisziplinär angelegt und profitiert deshalb nicht nur von den Kultur- und Sozialwissenschaften, sondern unter anderem auch von der kulturwissenschaftlichen Subjektforschung, den Ernährungs- und Gesundheitswissenschaften.

Wenn man sich als Wissenschaftler so intensiv mit dem Thema Ernährung und Gesundheit beschäftigt, passiert da auch etwas mit dem Privatleben? Also mal ganz konkret gefragt: Wie sah Ihr Abendbrot gestern aus? Nach dem Joggen noch einen knackigen Salat?

Da erwischen Sie mich jetzt aber voll: Es gab Pizza und Bier auf der Couch. Ganz ohne Joggen. Das ist natürlich nicht die Regel. Aber es wirft eine spannende Frage auf, die uns bei unserem Projekt auch beschäftigt: Inwieweit können wir uns diesem Phänomen und dem damit zusammenhängenden gesellschaftlichen Druck eigentlich entziehen? Müssen wir permanent produktiv und leistungsfähig sein? Dürfen wir auch mal faul sein oder haben wir dabei permanent das Bedürfnis, uns dafür zu entschuldigen, um deutlich zu machen, dass wir ja grundsätzlich ein „gutes“ – weil leistungsfähiges – Mitglied der Gesellschaft sind? Sie sehen, das Thema ist überaus komplex, aber auch ebenso spannend. Und da in diesem Zusammenhang bislang eigentlich ausschließlich Teilaspekte untersucht worden sind, freue ich mich darauf, dass wir jetzt hier mit Unterstützung der Thyssen Stiftung Grundlagenforschung betreiben können.

 

Mit Prof. Dr. Jürgen Martschukat sprach Carmen Voigt.

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