Universität Erfurt

Forschung und Nachwuchsförderung an der Universität Erfurt

Nachhaltig Frieden schaffen: Prof. Dr. André Brodocz

Prof. Dr. André Brodocz ist Inhaber der Professur Politische Theorie an der Universität Erfurt. Gemeinsam mit Prof. Bonacker von der Universität Marburg leitet er ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Projekt mit dem Titel „Die Institutional­isierung von Deutungs­macht durch internationale Admini­strationen in Post­konflikt­gesellschaften. Eine Analyse der Transitional Authority im Kosovo und in Kambodscha“.


Herr Brodocz, worum geht es in diesem Projekt?

Seit Ende des Ost-West-Konflikts haben wir immer häufiger UN-Missionen in Staaten, in denen der Bürgerkrieg entweder durch diese Missionen mit beendet wurde oder alternativ auf andere Weise zu Ende kam. Jetzt geht es darum, diese Region nachhaltig zu befrieden und wieder eine politische Ordnung aufzubauen und zwar eine, und das ist für uns das Zentrale, die auch von den lokal ansässigen Bürgern als legitime Ordnung akzeptiert wird. Denn wenn diese Akzeptanz fehlt, ist der Frieden dauerhaft nicht zu erhalten - das sehen wir ja gerade im Irak oder in Afghanistan.


Der Praxisbezug Ihrer Forschung scheint evident…

Ja, der Praxisbezug ist Frieden. Frieden für die Menschen vor Ort. Andererseits ist der Praxisbezug für die Bundes­republik, dass sie in diese UN-Missionen immer stärker involviert ist, weil sie Truppen stellt. Diese können aber am Ende nur guten Gewissens abgezogen werden, wenn es gelingt, nachhaltig Frieden zu schaffen.  Also berührt uns das Thema unmittelbar.


Wie kam es dazu, dass Sie sich mit diesem Thema beschäftigen?

Es gibt im Grunde zwei Wege hin zu diesem Thema - Professor  Bonackers Weg und meinen. Bei Bonacker ging es ganz stark über den Forschungs­gegenstand Post­konflikt­gesellschaften und die Fälle, die wir betrachten, also Kosovo und Kambodscha. Zu Kambodscha hatte er auch zuvor viel gearbeitet. Er hatte den Eindruck, dass die aktuelle Forschung immer noch sehr unbefriedigend ist im Hinblick auf die Frage, welche zentralen Faktoren in solchen Gesellschaften nachhaltig Frieden schaffen können. Wir arbeiten schon seit Jahren sehr eng zusammen.

Ich komme theoretisch aus einer ganz anderen Richtung, nämlich von Fragen der Verfassungs­gerichtsbarkeit, der Verfassungs­rechtsprechung - das ist der Gegenstand, zu dem ich innerhalb der politischen Theorie empirische Forschung betreibe. Uns ist eine interessante Sache aufgefallen: Verfassungs­gerichte generieren eine Form von Macht, die ich Deutungsmacht nenne und die zwei besondere Aspekte hat. Einer ist beispielsweise, dass diese Deutungsmacht nur funktioniert, wenn das Gericht als eine Autorität anerkannt wird, die von den Bürgern hoch geschätzt wird und der sie hochgradig vertrauen.

Die Frage für mich war: Woran liegt das eigentlich? Und wir haben festgestellt, dass es dafür zwei Gründe gibt. Einer ist, dass es hier um eine Macht geht, die nicht sanktions­bewehrt ist, das heißt, Gerichte können nicht mit Gewalt ihre Entscheidungen selbst durchsetzen. Sie sind auf den Gehorsam und die Akzeptanz der Bürger angewiesen. Verfassungs­gerichte genießen nur dann diese hohe Akzeptanz und das Vertrauen, wenn Verfassungen bereits im Vorfeld große Bedeutung im politischen Gemein­wesen haben. Das heißt, dass man in diesen Verfassungen so etwas wie ein Symbol sieht, in dem Grundwerte, die das Gemein­wesen zusammenhalten, zum Ausdruck gebracht werden. Das ist eine zentrale Voraussetzung. Verfassungs­gerichten muss es im nächsten Schritt gelingen, vom Bürger als der legitime autoritative Interpret anerkannt zu werden.

Die zweite Frage ist die nach dem Transfer. Sie unterscheidet die inter­nationalen Administrationen von Verfassungs­­gerichten, denn Gerichte bleiben, inter­nationale Administrationen gehen. Dieser Übertrag ist die zweite große Aufgabe. Denn selbst wenn man den ersten Schritt macht, kann im zweiten noch alles schiefgehen und am Ende ist wieder alles destabilisiert. Es besteht die Gefahr, dass Gewalt in den Konflikt zurückkehrt. Das ist das große Problem in diesen Gesellschaften: Sie müssen im Grunde lernen, Konflikte zu hegen, das heißt, sie auszutragen, aber eben nicht mithilfe von Gewalt. Und das ist die Schwierigkeit.


Mit welchen Methoden arbeiten Sie dabei? Schauen Sie sich die Lage vor Ort an?

Ja, wir sind vor Ort, das heißt, wir haben zwei Mitarbeiter in diesem Projekt. Eine Mitarbeiterin ist zuständig für Kambodscha und einer für den Kosovo. Die beiden sind jeweils in zwei oder drei Etappen ein halbes Jahr im Land. Wir werden sie wahrscheinlich zunächst sechs Wochen hinschicken um Kontakte zu bestimmten lokalen Eliten anzubahnen, die sie zum Teil auch schon durch frühere Tätigkeiten haben. Unsere Mitarbeiter werden Interviews mit lokalen Akteuren führen, bei denen es um die genannte Akzeptanzfrage geht, gerade auch mit lokalen Eliten, weil das ja gerade die Konkurrenz ist, mit der sich die internationalen Administrationen arrangieren müssen. Dann sollen sie die öffentlichen Diskurse rund um die Konflikte dieser vermeintlich neuen Grundlagen, wie Friedens­verträge und Resolutionen, aufarbeiten. Das können wir zum Teil über das Internet, aber gerade was die Zeit der 1990er-Jahre angeht, ist das nur schwer möglich. Hier werden unsere Mitarbeiter vor Ort in Archiven mit entsprechenden Zeitungen alles rekonstruieren, also richtige Feldforschung vor Ort betreiben müssen.


Warum sind Sie Wissenschaftler geworden?

Ich habe mich gefragt, was ich machen würde, wenn ich nicht darauf angewiesen wäre, mich existenziell abzusichern. Das wäre die wissenschaftliche Seite des Professorendaseins. Das wollte ich machen, damit wollte ich meine Zeit verbringen, weil es mich erfüllt und die Entdeckung des Neuen einen solchen Reiz hat, eine solche Befriedigung auslöst, die ich zumindest anderswo in dieser Form nicht finde. Und dann ist es natürlich wichtig, dass man in bestimmten Phasen, also im Studium und in der Promotion, Förderer hat, die signalisieren, dass man es auch kann. Denn man sieht natürlich: Die Wissenschaftskonkurrenz ist sehr sehr groß. Da braucht man einfach Leute, die einem immer sagen: Wir vertrauen darauf, dass du das schaffst. Und dann muss man darauf auch selbst vertrauen und wenn’s gut geht ist man natürlich glücklich. Aber im Rückblick muss man immer wieder sagen: Das sind so unsichere Karrieren, bei denen man diese Unsicherheit auch selbst immer wieder ausblendet und einfach weitermacht. Ein sehr riskantes Unternehmen, aber es ist aufgegangen.


Bitte ergänzen Sie: Forschung ist …

… die ständige Suche nach dem Neuen, nach dem Überraschenden, nach dem Unerwarteten.


Herr Brodocz, vielen Dank für dieses Gespräch.

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