Universität Erfurt

Forschung an der Universität Erfurt

Impfen oder nicht Impfen?: Dr. Cornelia Betsch

Dr. Cornelia Betsch ist Scientific Manager des Center for Empirical Research in Economics and Behavioral Sciences (CEREB) und Akademische Rätin am Lehrstuhl für Sozial-, Organisations-, und Wirtschaftspsychologie an der Universität Erfurt.

 

An welchen Projekten arbeiten Sie zurzeit?
Hauptsächlich arbeite ich gerade mit meinem Kollegen Frank Renkewitz an unserem DFG Projekt, in dem es darum geht, wie Einzelfallberichte – in diesem Fall über negative Impferfahrungen – die Risikowahrnehmung beeinflussen.


Und was machen Sie da konkret?
Wir gehen der Frage nach, wie Informationen aus dem Internet die Risikowahrnehmung beeinflussen. Immer mehr Menschen befragen zu Gesundheitsthemen das Internet, z.B. suchen sie Informationen zur Frage, ob sie ihr Kind impfen lassen sollen oder nicht. Zu finden sind neben Sachinformationen unterschiedlicher Güte viele persönliche Erfahrungsberichte.  Auf Internetseiten von Impfgegnern werden z.B. häufig Erfahrungsberichte von negativen Impffolgen veröffentlicht. Aber denken Sie auch an Beiträge im Social Media Bereich, der ja von Erlebnisberichten lebt.
Wir beschäftigen uns in dem Projekt damit, wie das Lesen solcher persönlicher Einzelfallberichte die Risikowahrnehmung beeinflusst. Wir finden immer wieder, dass Einzelfallberichte eine sehr mächtige Informationsquelle sind, die gerne als Grundlage für Urteile verwendet werden. Wir untersuchen in dem Projekt, welche Faktoren diesen Effekt beeinflussen.


Welche Methoden verwenden Sie dabei?
Wir arbeiten experimentell – d.h. wir stellen Informationsumgebungen her, in denen wir dann verschiedene Faktoren kontrollieren und variieren können. Das machen wir entweder im Labor am Computer, d.h. die Versuchsteilnehmer kommen zu uns, oder wir machen das mit online-Studien im Internet.


Woher stammen die Einzelfallberichte?
Die meisten, die wir verwenden, sind authentische Fälle - die haben wir von 2 oder 3 Jahren aus dem Internet gezogen und vorgetestet. Wir haben eine große Datenbank mit solchen Berichten und können daraus dann für das, was wir untersuchen wollen, die passenden Fälle rausziehen. Aber wir haben auch schon Berichte selbst geschrieben – es kommt auf das Untersuchungsziel an.


Machen Sie Experimente mit echten Krankheiten?
Wir wollen die Teilnehmer in ihrer echten Impfentscheidung natürlich nicht beeinflussen. Deswegen benutzen wir meistens fiktive Impfungen und sagen das auch dazu.


Wie sind Sie auf das Thema gekommen?
Ganz ursprünglich bin ich auf dieses Thema gekommen, weil meine Kinder irgendwann im Impfalter waren. Da fiel mir auf, dass es unglaublich viele Falschinformationen im Internet gibt. Dann habe ich angefangen Literatur zu suchen und auch im Rahmen eigener Studien haben wir festgestellt, dass Einzelfallinformationen eine wesentliche Rolle spielen. Nachdem wir mit einer ersten Studie erfolgreich waren, hatte ich angebissen, da wollte ich dann rausfinden, was dahinter steckt. So verfolgen wir das jetzt systematisch weiter.


Haben Sie schon rausfinden können, woran es liegt, dass Menschen dieser Art von Informationen so viel Gewicht beimessen?
Das ist ein langer Prozess. Evolutionsbiologisch ist es wohl so, dass wir uns auf Informationen, die andere uns liefern, verlassen, wenn wir in einer riskanten Situation stecken. Wenn es uns also zu gefährlich erscheint, das Impfen selbst auszuprobieren, dann schauen wir erst mal, was anderen passiert ist. Dieses Prinzip kann man sogar bei Fischen beobachten. Es gibt außerdem Befunde, die zeigen, dass Menschen eher daran interessiert sind zu wissen wie eine mögliche negative Konsequenz ist, anstatt zu fragen wie wahrscheinlich das Eintreten der negativen Konsequenz ist. Das passt gut zu unseren Befunden, wir finden z.B. dass Eltern, die schon ein erhöhtes Impfrisiko wahrnehmen, weiter nach Erfahrungsberichten suchen. Es ist wie ein Teufelskreis, eine konfirmatorische Informationssuche, die da stattfindet. Was da insgesamt motivational dahinter steckt, kann man bisher nur mutmaßen. Außerdem fragen wir uns noch nach dem Informationsverarbeitungsprozess. Es ist, wie gesagt, ein langer Prozess.


Gibt es auch andere Wissenschaftler, die darüber forschen? Ist es ein großes Forschungsgebiet?
Im Impfbereich sind wir zumindest in Deutschland wohl die Einzigen, die sich damit beschäftigen. Aber der Einzelfalleffekt an sich ist eigentlich ein bekannter Effekt. Zum Beispiel kennen wir das aus den Medien - es wird auch in der Kommunikationswissenschaft dazu  geforscht. Zum Thema Internet und der Wahrnehmung von Impfrisiken gibt es auch eine gute Handvoll Forscher weltweit; viele davon kommen im Mai zu einer von uns organisierten internationalen, interdisziplinären Tagung.


Was machen Sie mit den Ergebnissen Ihrer Forschung?
Vorrangig publizieren wir sie natürlich in psychologischen oder medizinischen Fachjournalen. Aber wir gehen auch auf Anwenderkonferenzen –wir waren jetzt beispielsweise zweimal auf der Nationalen Impfkonferenz und im Mai bin ich eingeladen bei einem Workshop vom Robert Koch Institut im Rahmen der Europäischen Impfwoche. Auf solchen Veranstaltungen werden die Ergebnisse direkt an den Anwender kommuniziert. Das habe ich jetzt schon ein paar Mal gemacht und es ist unglaublich nachgefragt. Von daher ist es eine sehr befriedigende Art von Forschung, weil man einerseits seine akademischen Ziele damit erreichen kann und das Wissen andererseits auch den Elfenbeinturm verlässt. Zu wissen, dass es Menschen da draußen gibt, die sagen „das hilft mir“ –das finde ich wirklich sehr befriedigend und motivierend.


Warum sind Sie Wissenschaftler geworden?
Es macht Spaß (lacht). Und es ist ein Beruf, in dem ich Familie und Beruf vereinen kann. Ich bin sehr flexibel in meiner Zeiteinteilung. Und es ist alles dabei, was ich will. Ich kann die Tür hinter mir zumachen und habe meine Ruhe, aber ich kann auch auf Konferenzen gehen und mit Leuten diskutieren. Es ist für mich eine perfekte Mischung. Das wusste ich natürlich nicht vorher. Angefangen hat es bei mir wie bei wahrscheinlich fast allen anderen Wissenschaftlern auch - man rutscht halt irgendwie rein und dann beißt man an oder nicht.


Bitte ergänzen Sie – Forschung ist…
Spannend - und befriedigend, wenn man damit auch in der echten Welt etwas bewegen kann.


Frau Betsch, vielen Dank für dieses Gespräch.

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