Universität Erfurt

Forschung an der Universität Erfurt

Quereinsteiger der Philosophie: Lucinda Martin vom Forschungszentrum Gotha co-kuratiert eine Ausstellung zu Jacob Böhme

„Jacob Böhme als Teutonicus Theo-Philosophus", Pieter van Gunst. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett (Foto: Herbert Boswank)

„Der Schuster Jacob Böhme war ein großer Philosoph. Manche Philosophen von Ruf sind nur große Schuster.“ So urteilte Karl Marx einst über Jacob Böhme (1575–1624), einen Görlitzer Schuhmacher, der eben nicht bei seinen Leisten blieb, sondern sich als unstudierter Autodidakt in die lebensphilosophischen Diskussionen seiner Zeit einmischte. Grandios, fanden die einen. Ein Skandal, schrien die anderen. Wie soll sich denn jemand, der nie eine Universität besuchte, kompetent über Gott, Krieg, Religion und das Leben äußern können? Böhme aber bewies, dass er nicht nur auf der Höhe seiner Zeit, sondern einigen seiner Zeitgenossen sogar weit voraus war. Er kritisierte die Teilnahme der Kirche an kriegerischen Auseinandersetzungen und wollte die Ideen der Reformation fast 100 Jahre nach Luthers Thesenanschlag noch einmal erneuern. Er betrachtete alle Menschen, egal welchen Geschlechts, welcher Hautfarbe oder Konfession, als gleichberechtigt vor Gott und postulierte eine Freiheitsidee, die wegweisend für nachfolgende Philosophen von Schopenhauer bis Hegel wurde. Religion und Ökumene, Gleichberechtigung und Freiheit – zeitlose und somit noch heute hochaktuelle Themen waren es, die Böhme umtrieben. Und doch ist der unkonventionelle Denker hierzulande noch weitgehend unbekannt. Das soll die Ausstellung „Alles in Allem. Die Gedankenwelt des mystischen Philosophen Jacob Böhme“, die vom 27. August bis 19. November 2017 in der Schlosskapelle des Dresdner Residenzschlosses zu sehen ist, ändern. Dr. Lucinda Martin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt, gehört dem Kuratoren-Team der Schau an. Die amerikanische Böhme-Expertin hat ihr DFG-Forschungsprojekt über die sogenannten „Philadelphier“ pausiert, um sich ganz der Ausstellung und damit der Bekanntmachung Böhmes zu widmen.

Böhmes „Philosophische Kugel", aus: "Viertzig Fragen von der Seele", in: Jacob Böhme. Alle Theosophischen Werke. 1730 [1682]. FBG, BW 25620.955-3.

Dabei passt Lucinda Martins Forschungsprojekt ganz gut zu Böhme. Die Philadelphier, eine Gruppe von Protestanten, die dem radikalen Pietismus zugeordnet wird, wirkten im 17. Jahrhundert vor allem in Großbritannien, den Niederlanden und Deutschland. „Für ihre Zeit vertraten die Mitglieder dieser Gruppe ziemlich progressive Ideen, zum Beispiel dass nicht nur Christen von Gott gerettet werden sollen, sondern alle guten Menschen“, erklärt Martin. „Sie haben versucht, alle rechtschaffenen Menschen überkonfessionell zu verbünden. Dabei wurden sie stark von Böhme beeinflusst und inspiriert. Schließlich war er es, der erstmals fragte: ‚Glaubst Du, dass Gott nur der Gott von Christen sei?‘“ Ganz von ihrer momentanen Forschung entfernte sich die Historikerin also nicht bei den Vorbereitungen für die Böhme-Ausstellung. Sogar ihr studentisches Mitarbeiter-Team aus Helene Jung und Erik Liebscher – beide Studierende im Master Sammlungsbezogene Wissens- und Kulturgeschichte der Universität Erfurt – konnte sie so für das Zwischenprojekt begeistern. Die Chance, als Gastwissenschaftlerin des Forschungszentrums mehrere Monate lang von Gotha aus für die Kunstsammlungen Dresden zu arbeiten, war zu reizvoll. Zumal Martin weiß, wie sehr Böhme bisher unterschätzt und von der hiesigen Forschung übergangen wurde: „Bis vor Kurzem konnte man Böhme in Deutschland noch gar nicht erforschen. Der Grund dafür liegt in der Tradition der konfessionellen Forschung hierzulande. Diese wurde schon immer eher von lutherischen oder katholischen Theologen dominiert. Und für sie war Böhme ein Außenseiter, zum Teil sogar ein Fanatiker“, weiß Lucinda Martin. Die Forschung führte also jene Skepsis und Distanz fort, mit der auch einige Zeitgenossen Böhme bereits begegneten. Denn die Philosophie war einem wie ihm nicht vorbestimmt. Als schwächliches Kind und Sohn einer wohlsituierten Bauernfamilie wurde der spätere Mystiker 1575 in Alt-Seidenberg bei Görlitz geboren. Zunächst schlug er den für ihn vorgesehenen Lebensweg ein: Er absolvierte eine Schuster-Lehre, ging auf Wanderschaft, ließ sich anschließend mit einem Schuhmacher-Geschäft in Görlitz nieder, heiratete, kaufte ein Haus und bekam vier Kinder. Von außen betrachtet, frönte der Schuster ein zufriedenes Dasein. In ihm jedoch arbeitete es. Vor allem die Frage nach der Vereinbarkeit neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse – wie beispielsweise dem heliozentrischen Weltbild – und dem alten biblischen Weltbild ließ ihm keine Ruhe und stürzte ihn in eine tiefe Melancholie. Er war depressiv, haderte immer wieder mit sich selbst und dem Christentum, mit dem Bösen dieser Welt, er erlebte Angst und Traurigkeit. In diesem Zustand hatte Böhme mehrere mystische Erlebnisse und Visionen, in denen er „sah und erkannte das Wesen aller Wesen, den Grund und den Ungrund, […] das Herkommen und den Urstand dieser Welt“. Mit dem Ziel, Religion und Naturphilosophie in Einklang zu bringen, begann er, seine Erfahrungen und Gedanken aufzuschreiben – erst einmal nur für sich und seine Freunde. Die waren aber so begeistert, dass sie seine erste Schrift „Aurora“ schnell als handschriftliche Kopien in Umlauf brachten. Während die einen das Werk feierten – ganze Böhme-Zirkel gründeten sich über gesellschaftliche Schichten hinweg  –, machten sich andere daran, Böhme zu diskreditieren, allen voran der Görlitzer Oberpfarrer Gregor Richter. „Natürlich stieß sich vor allem die Kirche an Böhmes Aussagen“, erklärt Lucinda Martin. „Zum Beispiel an seinem Freiheitsbegriff: Er begründete die menschliche Freiheit in der Idee, dass der Mensch nach Gottesbild geschaffen ist und, egal welcher Religion er angehört, ein Gewissen hat. Der Mensch trägt laut Böhme die Freiheit in sich, entscheiden zu können, was richtig und was falsch ist. Damit stellte er sich klar gegen die kirchliche Auffassung, die sagte, der Mensch sei mit Sünde geboren und könne schon deshalb nicht frei sein. Auch an der Kirche als Institution und Gebäude störte sich Böhme. Für ihn zeichnete sich die Kirche durch eine christliche Lebensführung und das Tragen Gottes im Herzen und nicht als irgendein Haus aus. Außerdem schlossen sich für Böhme Wissenschaft und Religion nicht aus, sondern er sah Parallelen zwischen natürlichen und spirituellen Prozessen.“ Schon allein die Kritik an der sogenannten Mauerkirche und dem indirekten Vorwurf, sie gebe vor, was richtig und falsch ist, muss Gregor Richter erbost haben. Er mahnte Böhme 1612 ab, beschimpfte ihn als Antichristen, verhörte ihn und erlegte ihm ein Schreibverbot auf, an das sich der Selfmade-Philosoph tatsächlich sechs Jahre lang hielt. Ab dem Vorabend des Dreißigjährigen Krieges sprudelte es jedoch aus ihm heraus. „Vielleicht, weil er meinte, seine Botschaft werde jetzt gebraucht“, überlegt Martin. Bis zu seinem Tod 1624 jedenfalls verfasste er basierend auf „Aurora“ rund 30 weitere Werke. In allen Kreisen fand er nun Anhänger. Adelige Förderer ermöglichten es dem Quereinsteiger sogar, das Philosophieren zu seinem Beruf zu machen. „Seine Sprache war barock und alchemistisch, darin unterscheidet er sich von seinen studierten Kollegen. Seinen Aussagen aber merkt man an, dass er mit den philosophischen, religiösen und wissenschaftlichen Diskussionen seiner Zeit vertraut war und dass er inhaltlich mit ihnen mithalten konnte. Nicht umsonst nannte ihn Hegel später den ‚ersten deutschen Philosophen‘.“

Porträt Lucinda Martin

Eine Einsicht, die viele Zeitgenossen sowie die deutsche Forschung zunächst nicht teilten. Wie sehr Böhme die Philosophie, aber auch die Kunst und die Literatur in Deutschland und weltweit beeinflusste, das erkannten Wissenschaftler in England, Amerika und Frankreich dagegen viel eher. „Böhme war in anderen Ländern besser erforscht und weitaus bekannter als in seinem Heimatland“, sagt Lucinda Martin. „Tatsächlich kommen Interessierte aus aller Welt immer wieder nach Görlitz, um sein Grab zu besuchen und zu schauen, was es noch so über ihn gibt – und dann werden sie meist enttäuscht.“ Doch nun hat auch die hiesige Forschung in den vergangenen Jahren entdeckt, dass sie einen Philosophen von Weltrang vor der Nase hat, der bisher kaum beachtet worden ist. Ganz zaghaft begann man, die bisher nur sehr vereinzelt stattfindende Böhme-Forschung auszudehnen, erinnert sich Lucinda Martin: „2009 gab es in Halle eine erste kleine Tagung – das war noch ein richtiger Kampf. Ein Jahr später widmeten sich Literaturwissenschaftler in einer großen Tagung in München Böhme und das war schließlich der Startschuss für die deutsche Böhme-Forschung.“ Aus dem neuen wissenschaftlichen Interesse für Böhme erwuchs schließlich die Idee, ihn auch in seiner Heimatstadt Görlitz stärker zu würdigen und ein Museum für ihn zu gründen. Im November 2016 kamen dafür zahlreiche Böhme-Experten zusammen, um über das Konzept und die möglichen Hauptthemen zu sprechen. Daran anschließend erarbeitete Lucinda Martin gemeinsam mit Claudia Brink von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und Cecilia Muratori von der Universität Warwick für die Ausstellung „Alles in Allem“ ein begehbares Gedankengebäude, das den komplexen Ideen Böhmes gerecht wird und sich seinen zentralen Themen Aurora, Natur, Schöpfung, Kosmos, Licht und Finsternis, Freiheit widmet. Nachdem die Schau in Dresden zu sehen war und als Wanderausstellung an verschiedene Stationen in Europa gereist ist – soll sie schließlich als Dauerausstellung in die ehemalige Görlitzer Dreifaltigkeitskirche ziehen. „Es sind häufig Menschen wie Böhme, Randgruppen und Außenseiter, die vorhandene Strukturen aufmischen und Neues voranbringen“, fasst Lucinda Martin zusammen. Böhme hat wichtige Spuren in den westlichen Demokratien hinterlassen – mit der Ausstellung wird dieses Erbe nun erfahrbar.

 

Weitere Informationen zur Ausstellung:

gruenes-gewoelbe.skd.museum/ausstellungen/alles-in-allem

 

Abbildungen:

Porträt Jacob Böhme: „Jacob Böhme als Teutonicus Theo-Philosophus", Pieter van Gunst. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett (Foto: Herbert Boswank)

Böhmes „Philosophische Kugel", aus: "Viertzig Fragen von der Seele", in: Jacob Böhme. Alle Theosophischen Werke. 1730 [1682]. FBG, BW 25620.955-3.

Böhme-Expertin Dr. Lucinda Martin am Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt

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