Universität Erfurt

Forschung und Nachwuchsförderung an der Universität Erfurt

Wohnungspolitik: „Wir brauchen internationale und interdisziplinäre Debatten!“: Dr. Steffen Wetzstein forscht zur Krise des bezahlbaren Wohnens an der Universität Erfurt

Dr. Steffen Wetzstein

Die Mieten steigen in unseren Städten, bezahlbarer Wohnraum für die Mittel- und Unterschicht wird immer knapper. Menschen in Deutschland bangen um ihr Dach über dem Kopf und befürchten aufgrund zu hoher Mieten in Altersarmut zu geraten. Ganz besonders betroffen sind dabei Bewohner von Ballungs- und Universitätsstädten. Die politischen Versäumnisse der letzten Legislaturperioden diesbezüglich wieder aufzuholen, dessen hat sich die rot-schwarze Regierung in ihrem Koalitionsvertrag verschrieben: Mietpreisbremse und zusätzliche zwei Milliarden Euro für den sozialen Wohnungsbau sollen den außer Kontrolle geratenen Wohnungsmarkt zähmen. Zu wenig sagen die einen, aber immerhin etwas die anderen. Inmitten dieser Debatte veröffentlichte letzte Woche der Wissenschaftliche Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie sein Gutachten „Soziale Wohnungspolitik“. 38 Ökonomen halten darin fest, dass die Mietpreisbremse ganz abgeschafft werden und der soziale Wohnungsbau zurückgefahren werden sollte, dass lieber das Wohngeld angepasst und Familien, die sich eine Wohnung im Ballungsgebiet sonst nicht leisten könnten, finanziell stärker gefördert werden sollten. Dann reguliere sich der Markt letztlich selbst, so der Beirat. Kritik an dem Gutachten, von dem sich schnell auch die ersten Politiker distanzierten, gab es von vielen Seiten. Einer dieser scharfen Kritiker ist der Humangeograf und Politische Ökonom Dr. Steffen Wetzstein von der Willy Brandt School of Public Policy der Universität Erfurt. In einem von der Fritz Thyssen Stiftung geförderten Forschungsprojekt beschäftigte sich der Wissenschaftler in den vergangenen drei Jahren intensiv mit städtischem Wandel und bezahlbarem Wohnen im internationalen Kontext. Nun ist das Projekt abgeschlossen – Anlass für ihn, sich mit einer Botschaft in die Debatte einzuschalten.

„Natürlich ist nicht jeder Ansatz schlecht in dem Gutachten. Die Vermeidung von ‚sozialen Ghettos‘ an Stadträndern, stärkere Kontrollmechanismen, bessere Infrastruktur zwischen Stadt und Umland – es stecken auch gute Ideen darin“, betont Steffen Wetzstein gleich vorneweg. Mit guten und schlechten Ideen im Hinblick auf die Wohndebatte kennt sich der Wissenschaftler schließlich aus. In dem Projekt „Affordable housing crisis“ hat er sich den Krisen bezahlbaren Wohnens aus vergleichender politisch-ökonomischer Perspektive genähert und in fünf internationalen Metropolen (Sydney, Auckland, Singapur, Berlin, Wien) wichtige Aspekte rund um die Wohnraumversorgung – veränderte strukturelle Herausforderungen, politische Innovation, wohnungswirtschaftliche Investitionen und gesellschaftliche Spannungen – untersucht und bewertet. Dabei kam ihm so manche schlechte Entscheidung und Idee vergangener Wohnungspolitik über den Weg, aber auch interessante Ansätze, deren genauere Betrachtung für andere Städte oder Länder lohnenswert wäre. „Die Wohnkrise ist ja kein deutsches Problem“, sagt Wetzstein. „Im Gegenteil, wir hinken sogar noch etwas hinterher in der Entwicklung. Das gibt uns die Chance, aus den Fehlern anderer Länder zu lernen und zu vermeiden, dass bei uns etwas passiert wie beispielsweise in Auckland.“ Er berichtet, wie manche Menschen in der neuseeländischen Metropole in ihrem Auto übernachten, morgens für fünf Dollar bei Fremden im Haus duschen und dann zur Arbeit gehen. Eine neue Form der Obdachlosigkeit betrifft dort immer mehr Menschen mit Einkommen und das nicht zuletzt auch als Folge von Privatisierung, heruntergefahrenem sozialem Wohnungsbau und einem der Spekulation und Marktlogik ausgesetzten Wohnsystem. Wetzstein weiß, wie es in Auckland dazu kam; er weiß, wie es vor zehn Jahren dort aussah und kann es direkt mit Deutschland vergleichen. Wohin steuert unser Land? Wie wird es uns in einigen Jahren gehen, wenn die Politik jetzt nicht die richtigen Entscheidungen trifft? Dabei muss man gar nicht weit in die Ferne schweifen, um sich ein Beispiel an insgesamt gelungener Wohnungspolitik zu nehmen. Es war in Österreichs Hauptstadt, wo der stadteigene Gemeindebau schon nach dem ersten Weltkrieg zu einer radikalen Umkehr der lokalen Wohnungspolitik geführt hat. In den kommenden Jahrzehnten hat dieses „Wiener Modell“ zunehmend gute Bedingungen für bezahlbares Wohnen von Familien aus Mittelschicht und Arbeiterklasse geschaffen. Diese Grundlage ermöglicht noch heute, fast 100 Jahre später, schnellere und wirksamere Maßnahmen um sich der „neuen Wohnungsfrage“ effektiv stellen zu können. „Wir müssen uns stärker an Entwicklungen und Beispielen in anderen Ländern orientieren, um unsere Situation besser einschätzen zu können – im Guten wie im Schlechten“, rät Wetzstein.

„Die Empfehlung des wissenschaftlichen Beirates zum Herunterfahren des sozialen Wohnungsbaus ist fatal, denn genau das wurde in den westlichen Ländern gemacht, welche heute mit ganz umfassenden und tiefgreifenden Wohnungskrisen zu kämpfen haben. Dass nur die Ökonomen zu Wort kommen, oder in der Öffentlichkeit vielleicht gar als ‚die Wissenschaft‘ wahrgenommen werden, kann einfach nicht sein bei so einer wichtigen Debatte. Das Thema Wohnungsnot spaltet die Gesellschaft, deshalb brauchen wir heute den Dialog zwischen den Vertretern verschiedener Denkschulen und Interpretationskulturen.“ Der Forscher bemängelt, dass die deutschen Debatten zunehmend insular verlaufen, dabei würde ein Blick über das Ufer guttun. „Wir brauchen eine internationale und interdisziplinäre Debatte zur Zukunft des bezahlbaren Wohnens in Deutschland. Wir können insgesamt recht stolz darauf sein, wie wir in der Vergangenheit das Wohnen für die Menschen in unserem Land gestaltet haben. Aber ich bin mir sicher, dass sich die strukturellen Prozesse besonders nach der globalen Finanzkrise bereits so verschärft haben, dass der Glaube an den sich selbst regulierenden Markt – wie er so oft von den Ökonomen postuliert wird – zu einer Illusion wird, für die viele von uns und unseren Kindern bezahlen werden.“

Die allumfassende Lösung für das Wohnungsproblem hat Steffen Wetzstein natürlich nicht. Aber er kennt die Probleme, die noch auf uns zu kommen können und möchte dafür sensibilisieren, das Thema jetzt und auf Grundlage von fundierter Debatte mit dem Ziel eines neuen und tragbaren politischen Konsenses anzugehen. Dafür sei es zunächst wichtig herauszustellen, wo wir historisch in der Wohnungspolitik stehen und was unter welchen Bedingungen passieren kann. „Wir brauchen beratende Experten aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Bereichen mit Bezug zur Lebensrealität, um zu den notwendigen politischen Entscheidungen zu kommen. Die Politik muss eine klare Stellung beziehen zum sozialen Wohnungsbau, und die Menschen dabei mitnehmen. Und wir müssen die Dialogbereitschaft wieder stärken – in der Wissenschaft und in der Öffentlichkeit. Denn jetzt haben wir noch die Chance, die Menschen ins Boot zu holen und eine Diskussion anzuregen. Das ist aus meiner Sicht auch eine gute Chance für die Politik, wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen und ihn Kräften wie der AfD zu entziehen.“ Ob das auch die Politiker der Regierungsparteien noch früh genug erkennen, bliebe zu hoffen. Am 21. September kommen sie für den Koalitionsgipfel zur Wohnungspolitik zusammen. Dann wird sich zeigen, ob und wie sie Stellung beziehen.

Navigation

Werkzeugkiste

Nutzermenü und Sprachwahl