Abteilungsübergreifende Projekte / Digital Humanities

FactGrid - a database for historians (Dr. Olaf Simons)

Was ist das FactGrid?

Das Gothaer FactGrid ist eine Wikibase-Instanz, die sich speziell Projekten der „Digital Humanities“ als breite Plattform anbietet. Technisch betrachtet ist hier ein reguläres MediaWiki mit neuester Datenbank-Technologie ausgestattet. Benutzer können Datenbank-Objekte anlegen und mit beliebigen Aussagen ihres Forschungsinteresses ausstatten, die sie dann auswerten und unterschiedlich visualisieren.

Was kann das FactGrid?

  • Die spezielle Datenstruktur – sie nutzt Kleinstaussagen, sogenannte „Triples“, die beliebig annotiert und referenziert werden können – erlaubt es Forschungsprojekten selbst zu definieren, welcherart Objekte sie über welcherart Aussagen generieren und handhaben möchten.
  • Die Software spricht praktisch jede gängige Sprache – nicht nur im Benutzerinterface. Nutzer können in einer Sprache ihre Daten eingeben, andere Nutzer können sie in beliebigen anderen Sprachen auslesen und befragen.
  • Teams können sich über die MediaWiki-Software transparent organisieren und koordinieren.
  • Die Software ermöglicht – über einen SPARQL-Endpunkt befragbar – logische Auswertungen in komplexen Recherchen und im Standard die verbreitetsten Visualisierungen wie Netzwerkanalysen, Repräsentationen auf Landkarten, Timeline-Darstellungen in verschiedensten global gebräuchlichen verschiedenen Datumskonventionen und vieles mehr.
  • Datensets lassen sich beliebig punktuell bearbeiten; Eingabemasken erlauben genauso Moment-Masseneingaben aus Excel-Tabellen oder CSV-organisierten Datensätzen, was die Datenbank auch für bereits abgeschlossene Projekte interessant macht (im FactGrid können Folgeprojekte Datensätze fortentwickeln und nachhaltig in Verwendung halten).

Forschungsperspektiven

Die Treffen der Illuminaten als Auflistung

Das FactGrid wurde in der ersten Explorationsphase im Sommer 2018 mit gut 16.000 Datensätzen der Gothaer Illuminatenforschung befüllt. Daten aus der Forschung Herrmann Schüttlers und Reinhard Markners der Jahre 1998–2007 flossen hier ein – Daten zu insgesamt gut 9.000 Dokumenten, 2.000 Personen, zu Hunderten von Ereignissen, Orten und Institutionen, die in späteren Projektschritten die vollständige Kopplung an Digitalisate und Archivalien erlauben. Diese können nun in verschiedenen Sprachen exploriert werden. Sukzessive werden derzeit die Transkripte der in den letzten Jahren ausgewerteten Dokumente in die Ressource überführt. Am neuen Ort lassen sie sich auf Deutsch und auf Englisch auswerten.

Das Projekt griff seitdem aus – zum einen auf den größeren Komplex der Freimaurerei (mit Daten der Forschung Christian Wirkners) und einer ausgedehnten Erfassung studentischer Verbindungen des 18. und 19. Jahrhunderts (Martin Gollasch); zum anderen mit einem dezidierten Fokus auf Gotha, mit dem zurzeit die Arbeit unter Bürgerbeteiligung in einer dichteren lokalen Datenlage erprobt wird.

Bild: Die Treffen der Thüringer Illuminaten, FactGrid Timeline.

Entwicklungsziele

Stadtkarte Adressen in Gotha

Die Ausdehnung der Plattform...

Das FactGrid steht heute grundsätzlich historischer Forschung als explorativer Arbeitsraum zur Verfügung. In drei Richtungen versuchen wir den bisherigen Rahmen zu sprengen:

  • mit Projekten in den verschiedenen Jahrhunderten – im Moment haben wir die dichteste Materiallage noch in der Zeit um 1800,
  • mit globalhistorischen Perspektiven – die Software bietet sich an, um aus entlegenen Sprachen Mitspieler am selben Material zusammenarbeiten zu lassen – Reizvoll sollte hier ein globalhistorischer Schwerpunkt im 19. Jahrhundert werden, für den Gothas Forschungszentrum prädestiniert ist,
  • in großangelegten Kooperationen: Das langfristige Entwicklungsziel ist hier die Interaktion des FactGrid als spezifische Forschungsplattform im sich herausbildenden Gefüge global im Austausch miteinander stehender „Federated Wikibase Platforms“.

Das große Projekt ist dabei derzeit die Kooperation mit der Deutschen Nationalbibliothek (und fortgesetzt mit Wikidata), in deren Rahmen die Datenbank in den nächsten Monaten mit einer breiten Datengrundlage ausgestattet werden soll – mit der Datengrundlage, die Forschung im deutschsprachigen Raum ohnehin wo immer möglich referenzieren sollte.

…und Fokussierung

Das FactGrid bietet sich im selben Entwicklungsprozess am Forschungszentrum Gotha dezidiert für die Exploration der Gothaer Bestände an. Unser Ziel ist es hier, die Institutionen am Ort dafür zu gewinnen, ausgewählte Datenbestände exemplarisch zu öffnen und über die Institutionsgrenzen hinweg bearbeitbar zu machen – im interessanten Fall nicht nur Forscher/innen, die in Gotha die Bestände aufsuchen, sondern den Bürger/innen der Stadt im Projekt aktueller Citizen Science.

Schon jetzt birgt das FactGrid dazu Datensätze zu allen Adressen Gothas vor 1859 mitsamt den im 19. Jahrhundert wechselnden Benennungen und Nummerierungen. In einem Querschnitt wurden diese mit der männlichen wahlberechtigten Bevölkerung des Jahres 1848 belegt, die sich nun (zum Beispiel sozial- und familiengeschichtlich) ausdehnen lassen.

Das Archiv der evangelisch-lutherischen Kirche Gotha erfasste Anfang 2019 seinen Aktenbestand im FactGrid. Aus dem genealogischen Verein heraus entfaltet sich derzeit eine Durchdringung dieser Datenlage mit der Datenbasis des Thüringer Pfarrerbuchs, das die Besetzung der Pfarreien im Herzogtum bis in die Reformation biographisch und detailliert genealogisch erfasst.

Ein wichtiges Desiderat ist es hier, dem Verbundprojekt „Gotha um 1800: Natur – Wissenschaft – Geschichte“ eine Forschungsinfrastruktur zur Verfügung zu stellen,

  • die die Grenzen zwischen den drei teilnehmenden Institutionen sowie zwischen ihnen und den anderen Forschungseinrichtungen vor Ort beliebig aufzuheben erlaubt,
  • die es erlaubt, beliebige Gegenstände – ob Personen, Dokumente, Ereignisse oder Raumangaben – als Wissensgegenstände miteinander in Beziehung zu setzen,
  • die es erlaubt, Informationen eines primär lokalen Charakters jederzeit beliebig global zu vernetzen – etwa wenn es gilt, Personengeflechte oder den Informationsaustausch zu erfassen, in die Personen oder Objekte gelangten.

 

Ansprechpartner

Dr. Olaf Simons 

Links:

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Beitrag im WortMelder der Uni Erfurt

Gotha um 1800. Natur - Wissenschaft - Geschichte

Gemälde der Sternwarte bei Gotha

Das Forschungs- und Erschließungsprojekt des Sammlungs- und Forschungsverbunds Gotha befasst sich mit Gotha als europaweit vernetztem Zentrum der Naturforschung. Um 1800 entstanden in Gotha Forschungen und Sammlungen zur Astronomie und Geodäsie, zu Mineralogie und Paläontologie, zur Konchyliologie und Ornithologie. Das Projekt fragt danach, welche Erkenntnisse dabei gefunden wurden, welche Akteur*innen daran beteiligt waren und welche Geltung die Gothaer Forschung innerhalb gelehrter Netzwerke beanspruchen konnte.

Das Projekt nutzt auch das Digital-Humanities-Instrument FactGrid. In die Datenbank werden im Sinne der Citizen Science unter Mithilfe von Gothaer Bürger/innen Daten eingepflegt, die dann für die weitere wissenschaftliche Forschung genutzt werden können. So entsteht nach und nach eine Fülle an Daten, die es ermöglichen, „Gotha um 1800“ zu rekonstruieren. So wird man im Verlauf die Datenbank etwa danach befragen können, wo in Gotha Schuhmacher wohnten und wo Regierungsangestellte. Ziel ist es, so die Grundlage für einen kollektiven großen Zettelkasten zu schaffen. Sein Gegenstand: das historische Gotha.

 

Ansprechpartner:

Dr. Olaf Simons

 

Bild: Sternwarte auf dem Seeberg bei Gotha.