Forschungsprojekte Neueste Zeit

Projekte zur Kultur- und Wissensgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts

Karten - Meere. Für eine Geschichte der Globalisierung vom Wasser aus (Prof. Dr. Iris Schröder und Dr. Felix Schürmann)

Ausgangspunkt und Ziele

Der Forschungsverbund geht von der Annahme aus, dass meeresbezogene Karten für den ab Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzenden Schub der Verdichtung globaler Verflechtungen in zweifacher Hinsicht eine Voraussetzung bildeten: Einesteils haben Seekarten in ihrer Funktion als Navigationsinstrumente wie auch als Medien der Erforschung und Vermessung die Herausbildungen neuer Verknüpfungen über die Ozeane erst ermöglicht. Anderenteils haben Meereskarten als Medien der Darstellung wie auch Herstellung globaler Zusammenhänge entscheidend zur Herausbildung und Popularisierung der Vorstellung von Globalität im Sinne eines ubiquitär vernetzten Möglichkeitsraums beigetragen.

Von diesem Ansatzpunkt aus sucht der Verbund eine Geschichte der globalen Umbrüche von Mitte des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts vom Wasser aus und an Karten zu erzählen. Dabei folgt er der These, dass in See- und Meereskarten ein tiefgreifender materieller und technischer Wandel greifbar und nachvollziehbar wird – und mithin die visuelle Genese der globalen Welt mit all den dazugehörigen Voraussetzungen und Verwerfungen.

Damit verbinden sich die Ziele, See- und Meereskarten in Ausstellungen einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren und ihr Potenzial als Quellen für die Globalisierungsforschung fruchtbar zu machen, um sie so über das eng spezialisierte Gebiet der Kartographiegeschichte hinaus in eine breitere kulturwissenschaftliche Debatte zu führen und künftigen Forschungen über die Zusammenhänge von Kartographie und Globalisierung den Weg zu ebnen.

Quellenbasis und konzeptueller Zugriff

Der Forschungsverbund agiert im disziplinären und methodischen Schnittfeld von Wissens- und Wissenschaftsgeschichte, Sozialgeschichte, Literaturwissenschaft und Medienwissenschaft. Als Quellenbasis dienen ihm zuvorderst die von der Forschungsbibliothek Gotha bewahrte Sammlung Perthes mit ca. 15.400 See- und Meereskarten sowie die Karten- und Objektsammlung des Deutschen Schifffahrtsmuseums mit ca. 6.000 See- und Meereskarten. Ergänzend nutzen einzelne Projekte Quellen der National Library of Scotland (Edinburgh), die die Bestände des Kartenverlags Bartholomew & Son bewahrt, sowie des United Kingdom Hydrographic Office Archive (Taunton), in dem sich Seekartenwerke und hydrographische Untersuchungen der Royal Navy finden. Die Zusammenschau auf Karten und Zusammenhangsmaterialien so unterschiedlicher Provenienz ermöglicht die Rekonstruktion transnationaler Zirkulationsprozesse zwischen Produzenten, Herstellern und Leserinnen von Karten in der Zeit der Herausbildung der Meereswissenschaften. Hinsichtlich des konzeptuellen Zugriffs auf diese Materialien teilen die Projekte drei leitende Ideen:

  • Karten als Wissensdinge: Der Verbund versteht See- und Meereskarten als Wissensdinge, d. h. als sachkulturelle, wissenschaftliche, bild- und technikhistorische Dinge, die sowohl in ihrer Form als auch in ihren Inhalten Wissen ermöglichten und erzeugten – sei es auf dem Feld der Wissenschaft, der Ökonomie, der strategischen Planung oder als individuelle Erfahrung.
     
  • Kulturtechniken des Kartierens: Ein besonderes Interesse des Verbunds gilt den Verfahren, die sich mit der Herstellung und Nutzung von See- und Meereskarten und ihrer Materialität verbinden. Inwiefern bedingten sie die Wahrnehmung und Bewertung der Meere?
     
  • Forschendes Ausstellen: Ausgewählte Karten und Atlanten zeigt der Verbund in zwei Ausstellungen in Bremerhaven (2020) und Gotha (2021) einem breiteren Publikum – jeweils begleitet auch von virtuellen Präsentationen. Das forschende Ausstellen soll die Öffentlichkeit am Erkenntnisprozess teilhaben lassen und die Forschungen an Objekte und die Möglichkeiten ihrer Präsentation koppeln.



Ansprechpartner/innen:

Prof. Dr. Iris Schröder

Dr. Felix Schürmann


Finanzierung:

BMBF-Verbundvorhaben in der Förderlinie Sprache der Objekte mit einem Gesamtfördervolumen von 1,1 Mio. Euro

Laufzeit:

07/2018–12/2021

 

Zugehörige Forschungsprojekte

1. Der Gebrauch von Karten auf See

Das Projekt untersucht den Gebrauch von Karten auf See aus der Perspektive einer maritimen Wissensgeschichte. Auf der Grundlage mehrerer Fallstudien erarbeitet es eine dichte Beschreibung des Kartengebrauchs auf Handels-, Passagier- und Forschungsschiffen zwischen den 1850er und den 1940er Jahren. Besondere Interessen gelten den Relationen zwischen Wissenserzeugung auf See und an Land sowie den Interdependenzen zwischen Schiffsführung, Sozialstruktur an Bord und dem spezifischen Wissen um Orientierung zur See.

2. Seekarten in Atlanten und Zeitschriften: Medien der Globalisierung

Das Projekt untersucht Funktionen von Meereskarten in Atlanten und Zeitschriften im Zusammenhang der Globalisierung. Ausgehend von Atlanten des Verlags Perthes fragt es nach den Transformationen, die Meereskarten durchliefen, wenn sie in Konstellationen der Herstellung von Übersichtlichkeit eingesetzt wurden. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Frage nach den Weltverständnissen von Reisenden, die Taschenatlanten auf Seereisen mitführten und mit Anmerkungen versahen.

3. Der Gebrauch von Seekarten in der Kartographie der Meere: Genealogien der Ozeanographie

Das Projekt untersucht die Rolle von (zur Navigation angefertigten) Seekarten in der Herausbildung neuartiger, physikalisch-geographischer Sichtweisen auf die Ozeane im 19. Jahrhundert. Am Fall der Verlage Perthes (Gotha) und Bartholomew & Son (Edinburgh) rekonstruiert es Transfers und Genealogien von Wissen in der Produktion von Meereskarten und fragt nach den damit verbundenen technischen, ökonomischen und sozialen Infrastrukturen und Netzwerken.

4. Karten lesen lernen – Seekarten im Navigationsunterricht

Das Projekt untersucht die Normierung von Kartenwissen über die Meere im Zusammenhang des Unterrichts in Navigationsschulen. Ausgehend von der Professionalisierung der Schifffahrtsausbildung in den deutschsprachigen Gebieten im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert fragt es nach dem Gebrauch von Karten im Unterricht und ermisst auf Grundlage von Selbstzeugnissen die Bedeutung von politischen und wirtschaftlichen Transformationen auf den Umgang mit Karten.


Forschungsteam

Prof. Dr. Iris Schröder (Universität Erfurt/Forschungszentrum Gotha), Sprecherin

Prof. Dr. Ruth Schilling (Deutsches Schifffahrtsmuseum/Universität Bremen)

Prof. Dr. Wolfgang Struck (Universität Erfurt)

Prof. Dr. Sunhild Kleingärtner (Deutsches Schifffahrtsmuseum/Universität Bremen)

Dr. Felix Schürmann (Universität Erfurt/Forschungszentrum Gotha), Projektleitung und Koordination, Bearbeiter von Projekt 3

Dr. Petra Weigel (Forschungsbibliothek Gotha), Praxispartnerin für die See- und Meereskarten in der Sammlung Perthes

Frederic Theis, M. A. (Deutsches Schifffahrtsmuseum), Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Bearbeiter von Projekt 1

Elena Stirtz M. A. (Universität Erfurt/Forschungszentrum Gotha), Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Bearbeiterin von Projekt 2

Florian Tüchert M. A. (Universität Bremen), Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Bearbeiter von Projekt 4

N. N. (Universität Erfurt/Forschungszentrum Gotha), Verwaltung & Sekretariat

Paul Skäbe (Universität Erfurt/Forschungszentrum Gotha), Studentische Hilfskraft

 

Kooperationspartner

Forschungsbibliothek Gotha/Sammlung Perthes

Universität Bremen

Deutsches Schifffahrtsmuseum Leibniz-Institut für Maritime Geschichte, Bremerhaven
 

Weitere Materialien

Factsheet (Karten – Meere)

 

Bild: August Petermann, Der grosse Ocean, Mitteilungen aus Justus Perthes‘ Geographischer Anstalt, [3] (1857), Tafel 1. – Universität Erfurt, Forschungsbibliothek Gotha, SPA 4° 000100.

Wissen sammeln in der Provinz - Eine Wissensgeschichte der Gothaer, Göttinger und Lübecker Sammlungen in globaler Perspektive

euglin, Martin Theodor von, Ornithologie Nordost-Afrikas, der Nilquellen und Küsten-Gebiete des Rothen Meeres und des nördlichen Somal-Landes, Bd. 1, Abt. 1, Cassel 1869.

Auch abseits der Metropolen entstanden im ‚langen‘ 19. Jahrhundert umfangreiche Sammlungen. Ausgehend von Gotha, Göttingen und Lübeck soll das Projekt übergreifend Motivlagen und Konstellationen des Sammelns als Formierungen von Wissen an den drei Orten erforschen. Zu untersuchen ist, wie Sammlungen verschiedene (städtische, akademische, höfische und ökonomische) Wissenskulturen formten und auch welche Praktiken und Forschungsmethoden sich an und mit den Sammlungen und deren Objekten herausbildeten. Unsere Ausgangsthese ist, dass Wissensbestände an den jeweiligen Orten von verschiedensten Akteur*innen und auf unterschiedliche Art und Weise hervorgebracht wurden. Die Wissensorte in der Provinz standen im Zentrum unterschiedlicher Zirkulationsprozesse; globale und lokale Netzwerke verschränkten sich über die Akkumulation von Wissensdingen miteinander und traten in wechselseitigen Austausch. Universitäten und Höfe, bürgerliche Vereine und Gesellschaften sowie kommerziell ausgerichtete Handelskompanien und Verlagshäuser trugen Daten und Dinge zusammen, die der Wissensproduktion dienten - ein Beitrag, der bislang freilich in der klassischen Universitätsgeschichte und der dazugehörigen Geschichte der Disziplinen oft übersehen worden ist.

Trotz der unterschiedlichen städtischen Ausgangslage liegen in Gotha, Göttingen und Lübeck ähnliche und deshalb auch vergleichbare Bestände vor, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts in unterschiedlichen lokalen, institutionellen und kulturellen Kontexten formierten und weiterentwickelten: Für Gotha sind die im 19. Jahrhundert kontinuierlich erweiterten Sammlungen der Herzöge (heute: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha) relevant. Zu erforschen sind dabei insbesondere die Transformationen der Sammlungen im Verlaufe des 19. Jahrhunderts, eine besondere Aufmerksamkeit gilt der Etablierung des Doppelherzogtums Sachsen-Coburg und Gotha im Jahre 1825 sowie der Eröffnung des Herzoglichen Museums 1879. Neben dem Herzogshaus gab es in Gotha den Verlag Justus Perthes, der sich als zunehmend weltweit agierendes Unternehmen zur gleichen Zeit zu einem global aktiven Zentrum der Kartenproduktion profilierte und zudem zu einem wichtigen Ort für die naturkundliche und geografische Wissensforschung avancierte. Im Gothaer Verlagshaus wurden allerdings nicht nur Karten-, Bücher- und Korrespondenzsammlungen angelegt; stattdessen beteiligte sich der Verlag aktiv an der Organisation von Expeditionen, wie beispielsweise der Afrikaexpedition von 1861/62 unter Leitung Theodor von Heuglins. Unternehmungen wie diese sollten ihrerseits auch die naturkundlichen Sammlungen vor Ort bereichern, schließlich gelang es Heuglin, den Herzögen Vogelpräparate aus Ostafrika zu verkaufen. Die vielschichtigen Gothaer Aktivitäten trugen so erheblich zu den Kulturen der Naturforschung des 19. Jahrhundert bei. Überdies waren sie eng mit anderen Orten verbunden, nicht zuletzt mit der Universität Göttingen. Hier wurde anfangs vor allem im Umfeld der Universität gesammelt. Zunächst waren es einzelne Professoren, die für ihr Forschungsgebiet relevante Sammlungen aufbauten, dann mit dem Akademischen Museum die Institution Museum selbst. In Lübeck gehen die ältesten Sammlungen auf die „Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit" zurück. Sie wuchsen im Laufe des 19. Jahrhunderts in einer durch regionalen wie globalen Handel geprägten Stadt durch bürgerschaftliches Engagement und umfängliche Sammler*innennetzwerke auf lokaler wie globaler Ebene weiter an. 1893 wurden sie im neugegründeten „Museum am Dom“ vereinigt.

Anhand von Objekten, Orten, Institutionen wie Verlag, Verein, Gesellschaft oder Universität sowie Personen und anderen Akteur*innen soll das Vorhaben analysieren, wie Sammlungen (Objekt-)Wissen generieren, wie bestimmte Wissensformen in spezifischen Konstellationen und institutionellen Settings eigenständige Wissensbereiche ausbildeten und damit auch zur Formierung von Disziplinen beitrugen. Es wird damit einen Beitrag zur Untersuchung der Frage leisten, in welchen lokalen, globalen und seit der Mitte des 19. Jahrhundert zunehmend auch kolonialen Kontexten Sammlungen entstanden und wie sie in ihrer Breite zur Wissensgenerierung beitrugen, um schließlich auch die geläufige Trennung in ‚Metropolen‘ und ‚Provinzen‘ zu hinterfragen. Das Vorhaben führt Kolleg*innen der Georg-August-Universität Göttingen, des Zentrums für Kulturwissenschaftliche Forschung Lübeck und der Universität Erfurt zusammen. Geplant ist die Arbeit im Rahmen eines größeren Verbundvorhabens fortzuführen.

 

Projektbearbeitung:

Dr. Stefanie Klamm(Forschungszentrum Gotha der Universität Erfurt)

Bild: Heuglin, Martin Theodor von, Ornithologie Nordost-Afrikas, der Nilquellen und Küsten-Gebiete des Rothen Meeres und des nördlichen Somal-Landes, Bd. 1, Abt. 1, Cassel 1869.

Kartenausschnitt: Menges, Josef, Itinerar-Aufnahmen im Aegyptisch-Abessinischen Grenzgebiet, in: Dr. A. Petermann's Mitteilungen aus Justus Perthes' Geographischer Anstalt, hg. von Justus Perthes (Gotha), 1884, Tafel 8 – Universität Erfurt, Forschungsbibliothek Gotha, SPA 4° 00100 (030).